Barrierefreiheit für den Kopf

Foto von Dagmar Maria Marth
Dagmar Maria Marth resümiert über ihre Erfahrungen als Helferin von Zweite Hilfe für Menschen mit Amputationen (Foto: MyHandicap)

Die Helferin von Zweite Hilfe Dagmar Maria Marth berichtet von ihren Erfahrungen. Sie berät und begleitet neu betroffene Menschen mit Amputationen.

Ziel der Zweiten Hilfe ist es, die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung zu verbessern. Dies geschieht durch umfassende Beratung, Information zu vielen Bereichen des Lebensalltags mit dem Ziel, Betroffenen ein weitgehend selbstständiges Leben zu ermöglichen, sich wieder in die Gemeinschaft einzugliedern und ihnen zu helfen, ein würdevolles und erfülltes Leben zu führen.

Unsere Aufgabe ist es, die Betroffenen zu motivieren und zu unterstützen - durch Erfahrungen von Menschen, die selbst Betroffenen sind und sich ihr Leben „zurück erobert“ haben.

Die Amputation – der Verlust von Gliedmassen – ist ein traumatisches Ereignis, das die Lebenssituation des Betroffenen unumkehrbar verändert. Das Körperschema ist im Menschen angelegt und abgespeichert. Plötzlich ist alles anders als gewohnt, man spürt anders und man sieht anders aus als die anderen. 

Helfen und unterstützen mit Vorbildwirkung

Der Körper wird durch eine Amputation in seinen Funktionen erheblich eingeschränkt, was eine massive Einschränkung der Mobilität zur Folge haben kann. Es kann unter anderem zu häufigen oder andauernden Schmerzen und Phantomschmerzen, Wundlaufen, Ängsten vor weiteren Eingriffen wie Operationen, Verlust des Berufs, der Partnerschaft, Isolation, Einsamkeit, Depressionen, Gefahr von Folgeerkrankungen und mehr kommen.

Aktive Teilhabe am Leben beginnt mit der Eigenverantwortung des Menschen, die Probleme lösen zu wollen. Eine Überforderung des Betroffenen durch die vielfältigen Probleme kann zu Depressionen und zu einem schnellen Aufgeben in der Situation führen. Manchmal helfen hier zuhören und das Gefühl, dass man in der Situation nicht allein gelassen wird. Auch die „Vorbildwirkung“ von Menschen, die erfolgreich diese Probleme gelöst haben, kann von grossem Wert sein.

Bild einer Unterschenkelprothese
Sich auf das Leben mit einer Prothese einzustellen ist ein schwieriger Prozess, das jedoch durch einen Helfer/eine Helferin von Zweite Hilfe unterstützt werden kann (Foto: medi GmbH & Co KG)

Probleme nach Amputationen

Mit folgenden Themen sind Menschen mit Amputationen im Alltag häufig konfrontiert. Die Auseinandersetzung mit diesen Themen hat das Ziel, sich selbst anzunehmen und das eigene Leben wieder wertzuschätzen. Zu den angeführten Themen ist noch wesentlich mehr zu sagen, sie sind bei jedem anders ausgeprägt. 

1. Akzeptanz des Verlustes von Gliedmassen

Schmerz und die Trauer über den Verlust von Arm und Bein werden häufig verdrängt

2. Schuldgefühle

Schuldgefühle, den Unfall selbst verantworten zu müssen oder aber dem Verursacher nicht „vergeben“ zu können, können dazu führen, dass der Betroffene die Prothese über viele Jahre nicht akzeptiert und nur schlecht laufen kann (Projektion)! Hier ist oft psychotherapeutische Hilfe notwendig.

3. Schamgefühle

Die Scham über das aktuelle Aussehen des eigenen Körpers nach den Verletzungen. Folgen sind, dass sich der Betroffene versteckt oder die Teilhabe am Leben vermeidet. Dies ist verbunden mit enormen Einbussen an Lebensqualität.

4. Selbstwertverlust

Voraussetzung für lebenswertes Leben ist, sich nicht über die Amputation, also den Verlust zu definieren und zu lernen, die Behinderung lediglich als ein Merkmal zu sehen! Lernen, Frieden zu schliessen mit dem, was jetzt ist, erspart viel Leid und bringt neuen Lebensmut.

5. Angehörigenproblematik

Die eigenen Ängste und Grenzen der Angehörigen werden häufig auf Betroffene projiziert, das ist wenig hilfreich, oder aber sie sind mit der Situation überfordert, da sie sich um Behördengänge, Krankenbesuche, Arbeit und anderem kümmern müssen. Gegebenenfalls brauchen Angehörige auch therapeutische Unterstützung. 

6. Reaktionen der Umwelt

Wir sollten lernen anzuerkennen, dass alles, was anders aussieht, die Aufmerksamkeit und die Neugier der Umwelt erregt. Wie lange dieser Prozess dauert, hängt davon ab, wie das Geschehen verarbeitet wird.

7. Posttraumatische Belastungsstörungen

Diese können nach einem Trauma in verschiedensten Formen auftreten. Es ist hilfreich, diese zu kennen, um gegebenenfalls therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das Bearbeiten der Posttraumatische Belastungsstörungen verbessert die Lebenssituation nachhaltig.

8. Neue Grenzen anerkennen, Erschöpfungsgefahr

Es müssen neue Grenzen erlernt werden, da die alten nicht mehr „passen“ – nach dem Motto „Lerne deine Grenzen lieben“. Ein Versuch, so weiterzumachen wie vor dem Unfall, kann über längere Zeit zu Erschöpfung führen bis hin zur Erschöpfungsdepression.

9. Lernen, Hilfe anzunehmen und einzufordern

Da wir vor dem Unfall allein unseren Alltag bewältigt haben, ist es danach umso wichtiger, um Hilfe und Unterstützung zu bitten, was vielen Menschen schwer fällt! Dies ist jedoch Vorrausetzung für die physische und psychische Gesunderhaltung.

10. Neuorientierung und Berufsfindung

Altes geht oft nicht mehr und es sollte ein Umdenken stattfinden. Es können neue Möglichkeiten im Berufsleben gefunden werden, um zufrieden und glücklich zu sein (Potentiale entdecken, neue Wege finden).

11. Akzeptanz und Integration der Prothese

Die Anpassungsphase einer Prothese kann manchmal lange dauern und braucht sehr viel Kraft und Geduld. Patienten wissen oft nicht, dass dieser Anpassungsprozess ein langwieriger Prozess sein kann und möglicherweise über Jahre dauert, da der Stumpf sich anfangs immer wieder verändert. Hier können Patienten unterstützt werden, nicht aufzugeben und nicht an sich selbst zu zweifeln. 

12. Relativierung des Verlustes

Das ist ein langer oder kurzer Prozess, je nachdem, wie der Betroffen seine Behinderung annimmt. Frieden schliessen mit dem, was jetzt ist, erspart viel Leid und bringt neuen Lebensmut.

Authentische Beratung als Selbstbetroffene

Durch meine eigenen Amputationen bin ich in der Lage, glaubwürdig und authentisch zu beraten und zu motivieren. Ich kann ein Verständnis für die Situation des Betroffenen aufbringen, das nicht betroffene Menschen nicht haben können. Das zeigte sich in meiner bisherigen Beratertätigkeit, die Patienten öffnen sich oft schneller und sprechen über Probleme, die sie sonst nicht ansprechen würden. So ist effektiver und schneller eine Unterstützung möglich.

Der Austausch kann dem Betroffenen einen langen Leidensweg ersparen oder verkürzen. Denn die Barrierefreiheit beginnt im Kopf. Ziel ist es, sich selbst zu respektieren mit seinen Grenzen und seinen vielfältigen Möglichkeiten. Dabei wollen wir Helfer unterstützen.

 

Text: Dagmar Maria Marth – 03/2012
Fotos: MyHandicap,
medi GmbH & Co KG

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