Phil Hubbe: Behinderte Cartoons

Phil Hubbe ist Cartoonist, Illustrator, Pressezeichner und hat seit zwanzig Jahren Multiple Sklerose. Seine politischen Cartoons sind gefragt, seine Cartoons zu Behinderungen mag so recht keiner veröffentlichen. „Das ist ein Spiegelbild für den Umgang der Gesellschaft mit Behinderung“, sagt Phil Hubbe. Die vielen positiven Rückmeldungen auf seine Cartoons bestärken ihn in der Hoffnung, dass die Schranke im Kopf vieler Menschen bald verschwindet: Es wird gelacht!

Phil Hubbe (Foto: Phil Hubbe)
Phil Hubbe (Foto: Phil Hubbe)

Phil Hubbes Karriere als „Behindertenkarikaturist“ begann mit den Veröffentlichungen im Magazin Handicap. Obwohl politische Themen das eigentliche Zuhause des 39-jährigen Cartoonisten sind, liegen ihm Behinderten-Cartoons besonders am Herzen. Auf die ersten Veröffentlichungen gab es ein grosses Echo. Phil Hubbe freut sich über das breite Interesse, auch wenn er mit diesen Cartoons kaum Geld verdienen kann. Er bringt zu Papier, was ihm wichtig ist, was ihn beschäftigt. Vor allem hat er es geschafft, sein Hobby zum Beruf zu machen.

Die Diagnose

Phil Hubbe wurde 1966 in Haldensleben, in Sachsen-Anhalt, geboren. Nach dem Abitur absolvierte er den Grundwehrdienst. Die Diagnose MS erhielt er 1988. „Der erste Schub hatte sich aber bereits drei Jahre vorher mit einer Sehnerventzündung angekündigt“, erinnert sich Phil Hubbe. „Nachdem ich 1988 die Kortisontherapie beendet hatte, kam die Diagnose. Ich kannte die Krankheit nicht und habe mich im MS-Ratgeber informiert. Erst da wurde mir bewusst, was es bedeutet MS zu haben.“

Gegen den Rat des Arztes

Der behandelnde Arzt riet ihm, mit dem Zeichnen aufzuhören. „Vom logischen Standpunkt her war das sicher ein guter Rat“, sagt Phil Hubbe. „Da es mir nach der Kortisontherapie relativ gut ging, zeichnete ich aber weiter. Ich habe zwar nicht mehr Grafik studiert, wie ich es ursprünglich geplant hatte, aber ich machte weiter.“ Phil Hubbe versuchte sich nach abgebrochenem Mathematikstudium in verschiedenen Berufen, vom Schichtarbeiter in einer Keramikfabrik bis zum Wirtschaftskaufmann. Zeichnen blieb seine erste Liebe. Seine Frau Ute und seine 15-jährige Tochter Sophie, die ihn liebevoll „Grummelpott“ nennt, gaben ihm die nötige Sicherheit und ermutigten ihn, mit dem Zeichnen weiterzumachen.1992 gelang der Durchbruch als aus der Zeichnerei der Beruf gemacht wurde. Er konnte mit seinen Zeichnungen Geld verdienen. Er bekam Aufträge von Tageszeitungen, Werbeagenturen und gelegentlich sogar von Ministerien. Phil Hubbe hatte aus seiner Leidenschaft einen Beruf gemacht.

Cartoons  (Foto: Lappan Verlag)
Ein Cartoon von Hubbe (Foto: Lappan Verlag)

 

 

 

 

Ein eigenes Biotop

Für Phil Hubbe ist der Erfahrungsaustausch mit Menschen, die auch an Multiple Sklerose erkrankt sind, sehr wichtig. Es hat aber lange gedauert, bis er die Entscheidung traf, einer Selbsthilfegruppe beizutreten. „Man geht hinein, um zu reden“, sagt er. „Über die Krankheit kann man am besten mit Menschen reden, die die gleichen Symptome haben. Freunde versuchen zwar, dich zu verstehen, sie können es aber nicht nachvollziehen. Ein wirklicher Austausch ist nur mit Betroffenen möglich.“ Richtig glücklich fühlte sich Phil Hubbe dort jedoch nicht. „Selbsthilfegruppen sitzen oft in ihrem eigenen Biotop und schauen selten heraus. Für die betroffenen Menschen gibt es jedoch kaum andere Möglichkeiten und so werden wir uns auch zukünftig alle treffen.“

Die ersten Behinderten-Cartoons

Freunde und Kollegen ermutigten ihn, Behinderung zum Thema seiner Cartoons zu machen. Phil Hubbe sieht man seine Krankheit nicht an. Er sitzt nicht im Rollstuhl, wie der Karikaturist John Callahan. Trotzdem schränkt ihn die Behinderung ein. „Früher konnte ich Sport treiben, heute geht das nicht mehr.“ Er weiss nicht, wie es mit seiner Krankheit weiter geht, lässt sich aber nicht unterkriegen. Er möchte kein Mitleid. Er bekämpft die Krankheit auf seine Art: mit Zeichnen. Seine ersten Behinderten-Cartoons schickte er an eine Behindertengruppe, die er gar nicht kannte. „Ich habe das Interesse an diesen Karikaturen geweckt und bekam sogar Rückmeldung mit Anregungen, wie ich es besser machen könnte.“

Die Schranke im Kopf

„Ich bin ein Freund von Monty Pythons schwarzem britischen Humor. Das versuche ich für meine Karikaturen umzusetzen. Wenn ich Cartoons richtig brav bringe, dann funktioniert es nicht. Ein Cartoon soll wirken, man soll lachen und ich will unterhalten“, beschreibt Phil Hubbe seine Art zu zeichnen. Der Zeichner selbst nennt seine Werke frech ‚Behinderte Cartoons‘. Betroffene gehen mit Behinderten-Cartoons völlig selbstverständlich um. Alle anderen reagieren verhalten, wissen nicht, ob sie lachen sollen. So ist es auch bei der Presse. Die qualitativ hochwertigen Cartoons zu politischen Themen werden sehr gut angenommen, die Cartoons zum Thema Behinderung dagegen kaum. „Die Schranke im Kopf ist fatal“, betont Phil Hubbe. „Behinderte wollen wie Nicht-Behinderte behandelt werden, man darf also auch über sie lachen. Kinder gehen freier damit um: Sie haben die Schranke im Kopf noch nicht. Mit meinen Cartoons trage ich zwangsläufig dazu bei, diese Schranke auch bei Erwachsenen zu entfernen.“

Das erste Buch

Im vergangenen Jahr erschien das erste Buch mit Behinderten-Karikaturen unter dem Titel ‚Der Stuhl des Manitou‘. Auf dem Titel sieht man einen Indianer zu Pferd, die Hand zum Gruss erhoben. Vor ihm ganz klein ein Indianer mit prächtigem Federschmuck im Rollstuhl. Auf der Sprechblase des Reiters ist zu lesen: „Howgh! Grosser Häuptling ‚Der-Seine-Mokassins-Schont‘.“ Den mühsamen Weg zu diesem Buch beschreibt Phil Hubbe sehr anschaulich: „Ich habe beim Lappan -Verlag zwei Jahre lang angeklopft. Die Zeichnungen lagen über ein Jahr dort, ehe sich etwas tat. Und dann dauerte es noch mal gut ein Jahr bis zur Veröffentlichung.“ Das Buch war ein Erfolg, 2006 wurde das zweite Buch mit dem Titel „Der letzte Mohikaner“ veröffentlicht. Im gleichen Jahr wurde Hubbe mit dem Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe ausgezeichnet.

Krankheit als Chance

Phil Hubbe hat es geschafft. Er geht seiner Lieblingsbeschäftigung nach. Er zeichnet zu aktuellen Themen aus Politik, Umwelt, Wirtschaft, Sozialem und zum Thema Behinderung. Er braucht keinen Therapeuten. „Zeichnen ist meine Therapie“ sagt Phil Hubbe, „und dafür werde ich auch noch bezahlt.“ Er hat offensichtlich Spass am Leben. Und er macht anderen Mut: „Die Krankheit ist auch eine Chance, etwas Neues auszuprobieren. Als Behinderter hat man oft einen eingeengten Freundeskreis. Viele finden sich mit dem ab und versuchen gar nicht, da heraus zu kommen. Bei MS verlieren viele das Selbstvertrauen. Bei mir ist es anders: ich konnte aus meinem Hobby einen Beruf machen. Kann damit meine Krankheit abarbeiten und das bei freier Zeiteinteilung. Die Arbeit ist Therapie und so bringt mir meine Krankheit auch noch Gewinn.“

Pläne für die Zukunft

Website Phil Hubbe
www.hubbe-cartoons.de

Für die Zukunft plant Hubbe, seine Krankheit als Comic aufzuarbeiten. Doch dafür hat er einfach noch keine Zeit: „Den Wunsch hebe ich mir mal für später auf.“