Lebenskunst: Cyber-Space-Künstler mit Behinderung

Phil Herold hat als Künstler internationale Anerkennung gefunden. In zahlreichen Galerien der Welt sind seine Bilder ausgestellt. Der Künstler kreiert sie nur mit leichtem Daumendruck, denn er ist durch eine spinale Muskelatrophie fast vollständig gelähmt.  

Phil Herold bezeichnet sich als Cyber-Space-Expressionist. Die bunten poppigen Bilder des bayerischen Künstlers entführen den Betrachter in eine ferne Welt, wo sich bunte Blumen mit einem orangen Meeresgrund vereinen. "Die Welt, die ich schaffe, ist die Welt, in der ich leben möchte“, sagt Phil Herold. Ohne Zweifel sind seine Werke sehr gefragt.

Vor allem in den USA haben zahlreiche Grössen aus Politik und Kultur - von Bill Clinton bis zum Rapper Snoop Dogg - bereits einen "Phil" in ihrer Kunstsammlung. Galerien in New York, Los Angeles und Berlin stellen ihn aus und so reist der Künstler oft von Deutschland in die USA. Das ist mit einem grossen logistischen Aufwand verbunden, denn Phil Herold ist schwerstbehindert.

Phil Herold sitzt im Rollstuhl. Im Hintergrund ist eines seiner Bilder. Es zeigt eine Südseelandschaft.
Phil Herold vor einem seiner Bildlandschaften (Foto: Phil Herold)

Den Lebenstraum leben

Seit seiner Geburt hat Phil Herold spinale Muskelatrophie. Muskelschwund und Lähmungen sind die Folge. Inzwischen kann er nur noch seinen Daumen bewegen. "Phil ist beinahe vollständig gelähmt und auf künstliche Beatmung angewiesen“, erklärt sein Vater Gerhard Herold. Diese Einschränkungen haben Phil Herold nicht daran gehindert, eine Karriere als Künstler einzuschlagen und sich so seinen Lebenstraum zu verwirklichen.

"In dieser Welt will ich meinen Traum nicht träumen, sondern leben“, sagt Phil Herold. „Vielleicht ist meine Lebenszeit begrenzt, doch die Sorge ans Morgen zerstört die Möglichkeit, im Jetzt zu leben." Gleich vielen bekannten Künstlern muss Phil Herold anfangs um Anerkennung kämpfen, was ihm im deutschen Raum nicht gleich gelingt. Den Durchbruch schafft er durch eine Begegnung mit dem Galeristen und Pop-Art Künstler Michael Perez in New York.

Dieser zeigt sich von Herolds 3-D-Grafiken begeistert und stellt sie in seiner Galerie im hippen Künstlerquartier Chelsea aus. Das befördert Phil Herold automatisch in die internationale Kunstszene. Der Künstler arbeitet vor allem in seiner Geburtsstadt Tann, wo er sich im Hause der Eltern ein Studio eingerichtet hat. "Bis heute konnten wir es unserem Sohn ermöglichen, in seiner vertrauten Umgebung zu wohnen“, erklärt Vater Gerhard.

Auf einer glitzernden Oberfläche hebt eine bunte Rakete ab. Links im Bild sieht man
"Die Welt, die ich schaffe, ist die Welt, in der ich leben möchte" (Foto: Phil Herold)

Nachtaktiver Künstler

Doch ihn und seine Frau Monika brachte die jahrelange Pflege auch an ihre körperlichen und seelischen Grenzen. Pflegedienste konnten die Familie nicht wirklich entlasten: „Es findet oft unregelmässiger Personalwechsel statt, so dass wir Eltern immer wieder einspringen müssen. Oder es wird von heute auf morgen der Versorgungsauftrag gekündigt und wir stehen wieder alleine da“, sagt Gerhard Herold. Doch nur weil Phil behindert ist, will er noch lange nicht fremdbestimmt leben. So hat er zum Beispiel die Tageszeiten getauscht, arbeitet nachts und schläft tagsüber.

Seit über zehn Jahren finanziert sich Herolds Versorgung über das so genannte Arbeitgebermodell. „Das heisst, ich kann Menschen anstellen, die mir assistieren. So kann ich unabhängig sein“, erklärt Phil. Die Dienstleistungen bezahlt der zuständige Kostenträger. Mit seinen „Assistenten“, die vom Laienhelfer bis zum examinierten Pfleger jede Qualifikation haben können, kann Phil seinen Alltag so gestalten, wie er will.

„Individualität ist mir sehr wichtig. Ich will spontan sein können, auch verreisen. 30 Jahre ist das Energiebündel Phil jetzt - genauso alt, wie die Band „Bad Religion“. Das hat die Musiker dazu veranlasst, den Künstler zu ihrem Konzert ins „House of Blues“ einzuladen. Das schönste Geschenk war für Phil aber ein anderes. Eine Flasche „1800“-Tequila. Aufgemacht wird der wertvolle edle Tropfen aber vorerst noch nicht, sagt Phil: „Die heb’ ich mir für meinen 40. auf."

Text: MBE - 10/2010

Fotos: Phil Herold

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