"Ich will meinen Sohn wieder auf den Schultern tragen“

Ein schwerer Unfall verändert das Leben von Alessandro Zanardi komplett. Sein grösstes Ziel nach dem Unfall: Er will seinen Sohn wieder auf den Schultern tragen können.

Rennfahrer Alex Zanardi im Cockpit seines Rennwagens  (Morio/Wikimedia)
Rennfahrer Alex Zanardi (Morio/Wikimedia)

Alessandro Zanardi ist durch und durch Rennfahrer. Mit 14 Jahren beginnt er mit Kartfahren, mit 25 sitzt er in einem Jordan und fährt in der Formel 1. 1996 versucht er sich in der amerikanischen F-Cart-Serie und gewinnt diese 1997 und 1998 zwei Mal.

Danach gibt er ein Comeback in der Formel 1, erlebt jedoch ein „verhextes Jahr“. Die Rückkehr in die USA und in die F-Cart Serie überlegt er sich genau, kann dem Reiz eines neuen Teams jedoch nicht widerstehen.

Plötzlich in grosser Lebensgefahr

Die Serie wird hauptsächlich in den USA und einigen Rennen in Europa ausgetragen. Am 15. September 2001 startet Zanardi in seinem Auto auf dem Lausitzring in Deutschland. Die bisherige Saison war nicht besonders erfolgreich, wenn auch oft nur ein Detail zum Sieg gefehlt hat. An diesem Tag scheint die Rechnung endlich aufzugehen. Noch ein Boxenstopp und dann ist es wieder einmal soweit. Als der Chefmechaniker nach dem Betanken das Zeichen zur Abfahrt gibt, schnellt Zanardi los. Für ihn ist klar: „Jetzt hab ich’s, jetzt hält mich niemand mehr auf!“

Bei der Ausfahrt aus der Boxengasse verliert Zanardi wahrscheinlich wegen Schmutz oder Öl auf der Fahrbahn die Kontrolle über sein Auto und bleibt mitten auf der Piste stehen. In diesem Moment taucht ein Teil des Feldes auf. Der erste Wagen kann Zanardi ausweichen. Der Zweite prallt mit 320 km/h in die linke Seite seines Wagens. „Es geschah in einem einzigen Augenblick.

Ein Teil des Autos blieb bei mir, der andere flog davon mit einem Teil von mir.“ Zanardi verliert das Bewusstsein. Er ist schwer verletzt und verliert sehr schnell sehr viel Blut. Die Blutung verringert sich erst ein wenig, als ein Arzt seine Finger zur Dichtung der Arterien der beiden Beine verwendet. Wegen der Schwere des Unfalls beschliessen die Ärzte, Zanardi trotz längerer Flugzeit direkt nach Berlin zu fliegen.

Schwierige Zeit im Spital

Auch während des Fluges verliert Zanardi sehr viel Blut. Er erleidet drei Herzstillstände und wird jeweils mit einer Herzmassage wieder zurückgeholt. Im Spital wird er mit nur noch einem Liter Blut eingeliefert und sofort in den Operationssaal gefahren. Die Ärzte müssen im OP sehr schnell die Entscheidung fällen, was sie von den schwer verletzten Oberschenkeln erhalten wollen und entscheiden richtig.

Im rechten Bein verzichten sie auf die schwierige und nicht besonders aussichtsreiche Erhaltung des Knies zugunsten einer rascheren Stillung der Wunde. Auf der linken Seite erhalten sie wenigstens einen Stumpf von Zanardis Bein. So „haben sie es möglich gemacht, dass ich Prothesen gebrauchen kann, die es mir heute erlauben, einigermassen gut zu laufen“, sagt Zanardi. Nach einer achtstündigen Notoperation ist sein Zustand zwar stabil, aber sehr kritisch. Weitere Operationen während Monaten sind notwendig.

Frau und Freunde an seinem Bett nimmt der Italiener immer wieder wahr. Die Menschen tragen ihn. Sein Lebenswille ist ungebrochen. Nach der akuten Phase beginnt Zanardi, sich auf sein neues Leben einzustellen. Er empfindet ein „furchtbares Gefühl der Abgetrenntheit von meinem Körper“, ist aber sehr schnell optimistisch, die Herausforderung zu schaffen und mit Prothesen Lebensqualität zurück zu gewinnen.

Der lange Weg zurück

Das neue Leben stellt ganz neue Fragen an den Menschen Zanardi und verlangt ganz neue Qualitäten. Die psychisch schwierigste Zeit erlebt er nicht etwa im Spital in Berlin, sondern erst nach seiner Rückkehr nach Italien. Wenn Besuch kommt, kann er die schwierigen Fragen und das „Leiden“ verbergen. Gegenüber engen Vertrauten, die nicht bloß einen kurzen Besuch abstatten, wird der ganze Schmerz offenbar.

In längeren Gesprächen wird ihm erst klar, was alles passiert ist und was das für sein neues Leben bedeutet. Zanardi durchlebt Zeiten von tiefer Melancholie. Seine Umgebung, vor allem seine Frau Daniela und sein Sohn Niccolo stärken seine Willenskraft, sich mit der neuen Situation zurechtzufinden.

Sein Ziel bleibt es, seinen dreijährigen Sohn wieder auf seinen Schultern tragen zu können. Die ersten kleinen Erfolge – und sei es nur ein Ausflug im Rollstuhl ins Grüne – machen Mut und geben Kraft. Die Anpassung der Prothesen und das Training mit ihnen ist anstrengend und nicht frei von Rückschlägen.

Zanardi denkt bei „seinen neuen Beinen“ selber mit und verbessert deren manchmal unglaublich dilettantische Machart. Er beschreibt zum Beispiel, wie ein eigentlich gutes Modell bei Stürzen dazu neigt, die Hose von Innen aufzureissen – und die Hersteller dazu meinen, wem es die Hosen aufreisse, der wisse eben nicht, wie man sich fallen lassen müsse.

Die Rückkehr auf die Piste

Zwei Jahre nach dem Unfall kehrt Zanardi an den Schauplatz seines Unfalls zurück und fährt mit einem umgebauten Rennwagen seine 13 noch zu fahrenden Runden unter dem Beifall von 50.000 Zuschauern zu Ende.

Er schafft es auch, seinen Sohn wieder auf seinen Schultern zu tragen. Der Umgang mit seinem Unfall und seinen neuen Leben ist für den Optimisten eine ganz neue, ein noch nie dagewesenes Rennen um Lebensqualität. „Ich bin nur ein Optimist, der ein wunderbares Leben gelebt hat und es noch immer lebt; einer, der zu schätzen weiss, wie viel Gutes ihm geblieben ist.“

Sieg in Oschersleben

Aber Zanardi schafft noch viel mehr: Zanardi fährt in der Tourenwagen-WM und gewinnt 2005 in Oschersleben sein erstes Rennen seit dem schweren Unfall. Zanardis Rückkehr ermöglichte das BMW-Team von Roberto Ravaglia. Die Italiener bauten einen BMW 320i, der speziell auf seine Behinderungen ausgerichtet ist. Zanardi gibt am Lenkrad Gas und kuppelt über einen Schalthebel.

 

Dominik Feusi / aktualisiert Patrick Gunti / Zitate aus dem Buch „Nicht zu bremsen“ von Gianluca Gasparini und Alex Zanardi