Rollstuhl statt Schneidersitz

Yoga im Rolli (Foto: Martin König)
"Rollstuhl statt Schneidersitz" ist das Motto der Rollstuhlyogagruppe von Martin König (Foto: Martin König)

Yoga ist auch für Menschen im Rollstuhl möglich. Wie Yoga für Menschen mit Gehbehinderungen funktioniert, erfahren Sie hier.

Yoga ist eine Lebenseinstellung, eine Haltung. Die philosophische Lehre aus Indien bringt Körper, Geist und Seele in Einklang“, erklärt Yogalehrerin Ulrike Klebensberger. Und dafür braucht man keinen zu hundert Prozent funktionstüchtigen Körper.

Yoga für alle

Ganz im Gegenteil: „Jeder kann Yoga machen“, ist Klebensberger überzeugt. Wie ist das möglich? „Jeder darf so sein, wie er ist“, sagt die Yogalehrerin. Es geht nicht darum alles perfekt machen zu wollen, sondern in seinem eigenen Rahmen sein Bestes zu geben. Das hört sich einfach an, ist es das auch? „Vor allem die Übungen, die den Rücken entlasten, fallen anfangs sehr schwer. Veränderungen passieren. Das Bewusstsein erweitert sich, die Wirkung von Yoga setzt sehr rasch ein“, erklärt Klebensberger.

Kundalini Yoga

Ulrike Klebensberger unterrichtet Kundalini Yoga- auch für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung. Speziell diese Art von Yoga bietet Alternativbewegungen des Körpers an. So kann jeder Teilnehmer trotz unterschiedlichen Einschränkungen an den Übungen teilnehmen. Eine Kundalini Yogaeinheit setzt sich aus Entspannung, dynamischen Körperübungen und Meditieren zusammen.

Kundalini Yoga aktiviere die Lebenskraft, heisst es. Es soll die innere Heilung, geistiges Wachstum und die Lebensfreude fördern. Yoga hilft mit beiden Beinen im Alltag zu stehen und die täglichen Herausforderungen gelöster und entspannter anzunehmen, behaupten die vielen Yogis und Yoginis einhellig.

Für Menschen mit Behinderung hat Yoga zusätzlich noch mehrere besondere Wirkungen: „Ich lerne meinen Körperteil, der beeinträchtig ist, für mich wahrzunehmen, zu akzeptieren und bekenne mich dazu“, berichtet Klebensberger über die Erfahrung ihrer Yogaschüler. 

Yoga bringt die Lebensenergie in Fluss.
Einmal in der Woche aktivieren die rollenden Yogaschüler gemeinsam mit Martin König ihre Lebensenergie (Foto: Martin König)

Yoga für Rollstuhlfahrer

Auch Antje Kuwert lehrt Kundalini Yoga für Menschen mit Behinderung. Als Sporttherapeutin hat die Yogalehrerin viel mit Rollstuhlfahrern gearbeitet. „Ich dachte, Yoga ist auch für Menschen im Rollstuhl möglich. Es müssen nur ein paar Dinge verändert werden“, erzählt Kuwert über ihre Idee Yoga für Rollstuhlfahrer anzubieten. „Niemand bringt Yoga mit Rollstuhlfahrern in Verbindung. Das ist ganz viel Pionierarbeit“, sagt Kuwert.

Dass sich Yoga auf Menschen mit Behinderung besonders positiv auswirkt, davon ist Antje Kuwert überzeugt: „Das meist verkleinerte Lungenvolumen von Menschen mit Behinderung kann mit Hilfe von Yoga vergrössert werden. Das fördert die gesamte Gesundheit.“

Das erste Seminar für Menschen im Rollstuhl führte Kuwert im Juni 2009 durch. Die Skepsis einiger Teilnehmer legte sich bald und schlug in Begeisterung um.
Besonders freute sich die Yogalehrerin über die Aussage eines Tetraplegikers: „Ich habe durch das spezielle Atmen in Körperteilen etwas gespürt, von denen ich dachte, dass sie schon tot wären.“

Netzwerk aufbauen

Kuwert möchte ein Netzwerk an Yogalehrern aufbauen, die sich unverkrampft an Yoga mit behinderten Menschen heranwagen, Privatstunden anbieten beziehungsweise Menschen mit Behinderung in ihre Kurse integrieren. Für Menschen mit Beeinträchtigung, die Yoga innerhalb einer Gruppe nichtbehinderter Menschen ausüben wollen, ist es sinnvoll, vor dem Gruppentraining ein paar Einzelstunden zu nehmen. „So sieht der Lehrer, was geht und was nicht mehr und wie die Integration in die Gruppe am besten erfolgen kann“, sagt Kuwert.

Antje Kuwert möchte Yoga für so viele Menschen mit Behinderung wie möglich zugänglich machen. Verbände, Vereine, Gruppen, alle die Interesse an Yoga für Menschen mit Behinderung haben, sind aufgerufen sich bei der Yogalehrerin zu melden. Schnuppertag oder Wochenendeseminar, Kuwert ist so flexibel wie Yoga. Sehr gerne kommt die Yogalehrerin für ein Seminar auch in die Schweiz.

Yoga für Menschen mit Behinderung in der Schweiz

Das Yogaangebot für Menschen mit Behinderung in der Schweiz ist nämlich leider noch dünn gesät. Domenica Richi aus Horgen im Kanton Zürich gliedert Menschen mit Behinderung, soweit raumtechnisch möglich, in ihre Yogagruppen ein. „Die körperlichen Einschränkungen der Teilnehmer verlangen viel Kreativität und Phantasie“, sagt die Yogalehrerin. Sie möchte in Zukunft noch mehr für Menschen mit Behinderung da sein. „Viele Menschen wissen nicht, was Yoga ist und was es beinhaltet. Dabei können wir soviel ausrichten“, sagt Richi.

In unregelmässigen Abständen organisiert das Schweizer Paraplegiker-Zentrum Yoga Basiskurse. Wann der nächste stattfindet, erfahren Sie hier.

Die Yogaschüler von Maria Proske treffen sich ein mal in der Woche zum Training.
Beim Yoga für Gehbehinderte mir Maria Proske werden alle Übungen ausschließlich im Sitzen oder Liegen durchgeführt (Foto: Maria Proske)

Yoga als Ausgleich

Die Yogalehrer Maria Proske und Martin König trainieren ihre Schüler nach der Hatha Yoga Form. Im Mittelpunkt des Hatha Yogas stehen Körperübungen, die Asanas. Ein Asana entsteht erst durch die Verbindung von Körperübung, Atmung und Konzentration. „Jedes Asana hat eine ganzheitliche Wirkung auf Körper, Geist und Seele“, sind die Hatha Yogalehrer überzeugt.

Maria Proske ist selbst oberschenkelamputiert. Yoga hat sie schon vor ihrer Amputation gemacht. Wirklich für sich entdeckt hat sie es erst nachher. In ihren Kursen für Menschen mit Gehbehinderung werden alle Übungen im Sitzen oder Liegen ausgeführt. Ein grosses Gewicht liegt auf der Atmung. Rückenübungen bilden den Schwerpunkt, da der Rücken beim Menschen mit Mobilitätseinschränkung am schlimmsten betroffen ist.

„Beim Yoga kann eine unentspannte Körperhaltung sehr gut ausgeglichen werden“, sagt Proske. „Seit ich Yoga mache, bin ich viel zufriedener und ausgeglichener im Leben. Ich bin ruhiger, gelassener. Körper, Geist und Seele sind eins“, erzählt die Yogalehrerin.

„Mir chönd alles - sogar Yoga“

Martin König trainiert einmal in der Woche eine Gruppe von fünfzehn Rollstuhlfahrern. Die Rückmeldungen sind immer positiv. „Jeder hat seine eigenen Grenzen. Diese gilt es durch Yoga auf sanfte Weise zu erweitern“, sagt König. Beim Training müssen die Übungen speziell angepasst werden, keiner darf sich schaden. Die Yogagruppe ist seit einem Jahr konstant.

Den Schritt zum Yoga müssen Sie selbst machen. Denn nur wer sich darauf einlässt, kann auch Erfolge erzielen. „Jeder kann seinen Weg finden. Jeder kann etwas für sich tun. Sein Leben selbst in die Hand nehmen“, sagt Ulrike Klebensberger.

Vielleicht ist Yoga ja gerade Ihr Weg!

 

Text: MHA - SMU

Fotos: Martin König, Maria Proske

Sie haben noch Fragen? Stellen Sie diese gleich hier im Forum!

Links zu diesem Artikel