Flugsport mit Handicap: Wie Vögel über den Wolken

Petra Kreuz in den Lüften im Gleitschirmrollstuhl (Foto: Petra Kreuz)
Fliegt schon seit 19 Jahren: Petra Kreuz in ihrem eigens dafür entwickelten Gleitschirmrollstuhl (Foto: Petra Kreuz)

Love is in the air: Gleitschirm- und Drachenflieger teilen diese Überzeugung wie Frischverliebte. Auch behinderten Menschen steht dieser Sport offen gegenüber – sowohl als einmaliges Vergnügen als auch als dauerhaftes Hobby.

In Schwindel erregende Höhen emporzusteigen, um dann sanft zu Boden hinabzuschweben: Der ewige Menschentraum, fliegen zu können fasziniert immer wieder Menschen, ob mit oder ohne Behinderung.

Abgesehen von motorisierten Alternativen kann man heutzutage in ein Segelflugzeug steigen und dort oben Kreise ziehen. Man kann in drei bis vier Kilometern Höhe aus einem Kleinflugzeug springen und sich im freien Fall von der irdischen Schwerkraft anziehen lassen – bis der Fallschirm nach rund einer Minute ausgelöst wird.

Fernab jeder Schwerkraft

Oder man nimmt einen Gleitschirm beziehungsweise einen Hängegleiter. Für ein einmaliges Vergnügen im Tandem mit einem erfahrenen Profi. Wenn Sie also den Mut dafür haben... Denn technisch spricht (fast) nichts gegen einen Flug – unabhängig von Ihrer Behinderung.

„Für einen Tandemflug muss der Passagier nur wie jeder andere auch schwindelfrei sein“, sagt Petra Kreuz. Die 46-jährige Rollstuhlfahrerin aus Deutschland ist begeisterte Gleitschirmfliegerin. Michael Amtmann pflichtet ihr bei: „Es gibt keine festgelegten Bedingungen bezüglich der körperlichen Verfassung eines Tandem-Passagiers – ausser, dass im Einzelfall zu prüfen ist, ob ein sicherer Flug möglich ist.“

Der ehemalige Diplommathematiker und Gymnasiallehrer Amtmann, 61, durch Kinderlähmung von der Körpermitte abwärts gelähmt, zieht es eher zum Motorflug. Als Vorsitzender des deutschen Vereins DIE ROLLIFLIEGER e.V. kennt er sich deshalb auch in der Gleitschirm- und Drachenfliegenszene aus. „Unsere Hauptaufgabe ist es, Informationen zum Thema zu sammeln, weiter zu geben, und Interessenten bei ihren Bemühungen zu unterstützen“, erklärt Amtmann.

Eigens konstruierter Rollstuhl

Dass es auch mit Behinderung geht, beweist Petra Kreuz selbst. Das Gleitschirmfliegen betreibt sie seit 19 Jahren. Ihr Hobby hat sie selbst nach einem Drachenflugunfall vor rund zehn Jahren, bei dem sie ohnmächtig wurde, gegen eine Felsmauer flog und eine Querschnittlähmung erlitt, nicht aufgegeben. „Bei mir dreht sich alles ums Fliegen. Es gibt mir Kraft und macht mich glücklich“, sagt Petra.

Um auch im Rollstuhl weiterhin im luftigen Element sein zu dürfen, hat Petra einen robusten und geländegängigen Spezialrollstuhl mit Sitzgurt, an dem der Gleitschirm  befestigt wird, entwickelt. Ein derartiger Rollstuhl ist auch bei Boris Maretzke im Einsatz. Damit bietet der Pädagoge und Gleitschirmpilot auf seiner Webseite Tandemgleitschirmflüge.

Interessierte können sich auf Maretzkes Webseite kundig machen und ihn kontaktieren. „Er sucht dann das Gelände in Ihrer Nähe aus und führt dort den Gleitschirmflug mit Ihnen durch“, erklärt Petra Kreuz.

Petra Kreuz in Nahaufnahme mit den Himmel spiegelnder Sonnenbrille (Foto: Petra Kreuz)
Schwindelfreiheit und ein beweglicher Oberkörper sind für Petra Kreuz Voraussetzungen, um den Schein zu machen (Foto: Petra Kreuz)

Es geht aber auch „normal“

Gewöhnliche Tandemflüge, ob im Gleitschirm oder im Hängegleiter, lassen sich aber auch ohne Spezialrollstuhl durchführen. Nicht wenige Anbieter flogen bereits problemlos mit behinderten Passagiern – mit dem üblichen Equipment. Beim Start wird jedoch in der Regel die Unterstützung von Dritten benötigt. Mögliche Anbieter sind Flystar, Flug-Taxi oder Paragliding Oberbayern im nahen Deutschland.

Erkundigen Sie sich also am besten beim Tandemfluganbieter Ihrer Wahl, ob Erfahrungen mit mobilitätseingeschränkten Passagieren vorliegen und was für Voraussetzungen und Bedingungen gesetzt sind.

Schwindelfreiheit und beweglicher Oberkörper

Hat Sie die Begeisterung zum Fliegen bereits gepackt und Sie überlegen, den Schein zu machen, um solo starten zu können? Jedoch sind Sie sich nicht sicher, ob Sie physisch in der Lage für sicheres Fliegen sind?

Für Petra Kreuz ist es neben der Schwindelfreiheit eine Voraussetzung, dass man im Oberkörper voll beweglich ist. Der Beauftragte des Deutschen Hängegleiterverbands e.V. für Flugsport mit Behinderten, Rainer Bürger, empfiehlt auf der DHV-Webseite, dass in Zweifelsfällen die Tauglichkeitsfeststellung ein Sporttherapeut und ein Fluglehrer gemeinsam treffen sollen.

Auch eine Hörbehinderung sollte kein Hindernis sein. Amtmann hält es für technisch möglich, „durch angepasste Verfahren und kluge Kommunikationsmethoden die Ausbildung zu absolvieren und solo zu fliegen“. Bei einer Sehbehinderung wird es jedoch schwieriger, sobald nicht (mehr) ausreichend Sehkraft vorhanden ist. „Das Auge ist schließlich sicherlich das wichtigste Organ beim Fliegen“, betont Amtmann.

Keine klaren Richtlinien für Flieger mit Handicap

Letzten Endes entscheidet in der Schweiz der Schweizerische Hängegleiter-Verband darüber, ob jemand die Zulassung erhält oder nicht. Es gibt aber keine klaren Richtlinien für behinderte Flieger. In seltenen Einzelfällen könne es daher zu einer Nichtzulassung kommen.

Ein Tandemhängegleiter, bei dem die beiden Passagiere übereinander liegen. Und rechts im Bild ein Rollstuhl (Foto: ROLLIFLIEGER)
Die Ausbildung zum Drachenflieger erfolgt in der Regel in einem Tandemhängegleiter (Foto: ROLLIFLIEGER)

Petra Kreuz selbst weiss: „Aus meiner Sicht ist es schwer, einen Weg durch die Vorschriften und Gesetze zu finden, der einem behinderten Menschen das Gleitschirm oder Drachenfliegen erlaubt. Wenn man es jedoch geschafft hat, ist man der Gewinner. Denn Fliegen ist einfach genial“, schwärmt sie. Wenn Sie sich also für tauglich halten und gehalten werden, kann es losgehen.

Petra findet, dass „es für den behinderten Menschen viel einfacher ist, wenn er den Gleitschirmschein an der Winde macht. So landet man auf dem Airbag und benötigt somit nur eine normale Gleitschirmausrüstung.“ Die (Schlepp-) Winde ist eine Seilvorrichtung, die es unter anderem Gleitschirmfliegern und Segelflugzeugen erlaubt, auch auf flacher Ebene aufzusteigen. Und Leute, die es eher zum Drachenfliegen zieht, können die Schulung im Tandem absolvieren.

Nachfrage hält sich in Grenzen

„Leider gibt es meinem Wissen nach keine Institution, die sich regelmässig im Bereich der Gleitschirm- / Drachenflieger-Ausbildung für behinderte Interessenten beschäftigt“, sagt Amtmann. Dazu sei die Nachfrage zu gering. An den folgenden Stellen sollte man aber, so Amtmann weiter, die Recherchen starten, wenn man den Gleitschirm- oder Drachenfliegenschein anstrebt: Drachenfliegenlernen.de und Parawings.de. Schweizer Interessierte können sich beispielsweise an Florient.ch oder an Paraworld.ch wenden.

„Fliegen ist einfach genial“

Die Kosten für einen einmaligen luftigen Tandemausflug belaufen sich auf einen Betrag im niedrigen dreistelligen Preisbereich. Und wenn Sie selbst nach einem Tandemflug noch unentschlossen zu Ihrem neuen Hobby stehen: Viele Anbieter bieten einen günstigen Schnupperkurs an, in der Regel für rund 100 CHF.

Eine Schulung zum Gleitschirm- oder Drachenflieger schlägt sich mit rund eintausend Franken zu Buche. Und falls Sie eine eigene Ausrüstung besitzen möchten, müssen Sie wiederum ein paar Tausender hinlegen.

Für Petra Kreuz hat sich die Investition aber auf alle Fälle gelohnt.

Petra Kreuz und Michael Amtmann stehen Ihnen für weitere Fragen gerne zur Verfügung.


Text: Thomas Mitterhuber – 06/2011

Fotos: Petra Kreuz

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