Hoch hinaus

Hoch zum Kilimandscharo (Foto: Jimmy Goddard)
Bergsteigen und Behinderung - kein Widerspruch! (Foto: Jimmy Goddard)

Bergsteigen für gehbehinderte Menschen ist möglich. Tom Whittaker bezwang als erster Beinamputierter den Gipfel des Mount Everest. Im dritten Anlauf bezwingt der US-Amerikaner mit einer Fussprothese aus Carbon den mit 8'844 Metern höchsten Berg der Welt. In den USA hat ihn das zu einer Ikone gemacht.

Heute lehrt Whittaker Abenteuerpädagogik und propagiert das Bergsteigen für Menschen mit Behinderung in der von ihm gegründeten „Handicapped Outdoor Group“. Ein lesenswertes Buch über seine Abenteuer erschien unter dem Titel „Hoch hinaus“ im Lübbe-Verlag . 

Paraplegiker erklimmt Kilimanjaro

Jimmy Goddard, seit einem Kletterunfall querschnittgelähmt, erreicht als erster Paraplegiker den Kraterrand des Kilimanjaro auf 5'650 Metern Höhe. Neun Tage lang hat sich der Brite ganz aus eigener Kraft und mit Hilfe eines speziellen Handbikes Afrikas höchsten Berg hinauf gearbeitet. So hoch ist noch nie ein Mensch allein durch die Kraft seiner Arme gekommen.

Ohne Beine auf den Mount Everest

Mit zwei Unterschenkelprothesen erreicht Mark Inglis den Gipfel des Mount Everest. 1982 mussten dem Neuseeländer beide Beine wegen schwerer Erfrierungen beim Bergsteigen amputiert werden. Jetzt verliert er fünf Fingerkuppen. Aber Sir Edmund Hillary, Erstbesteiger des Mount Everest, wirft Inglis und seiner Expedition vor, einem sterbenden Briten auf dem Weg zum Gipfel keine Hilfe geleistet zu haben.

Die Beispiele zeigen, zu welchen heroischen Leistungen behinderte Menschen beim Bergsteigen in der Lage sind. Der Extremsport fasziniert, weil es immer darum geht, die eigenen Grenzen zu spüren und zu verschieben. Das Leben hängt im Kampf gegen die häufig widrigen Naturkräfte buchstäblich am seidenen Faden, und manchmal werden dabei leider auch ethische Grenzen überschritten.

Kein Risikosport mehr

Der anhaltende Boom des Kletterns als Freizeitsport beweist, dass es auch jenseits der Todeszonen genügend Herausforderungen, Nervenkitzel und Spass gibt. Klettern gehört zu den Grundformen der menschlichen Bewegung. Kleinkinder beginnen mit dem Klettern auf Stufen oder Leitern häufig bevor sie gehen können.

Und überall sind in den letzten Jahren Hochseilgärten, Kletterhallen und Klettergärten entstanden, in denen ein weitgehend gefahrloses und spielerisches Kennenlernen der grundlegenden Kletter- und Sicherungstechniken möglich ist. Weil Sicherheit mit modernen Sitz- und Brustgurten, Karabinern, Bandschlingen und den entsprechenden Knoten über alles geht, ist Klettern heute kein Risikosport mehr. An den künstlichen Wänden der Kletterhallen sind ebenso wie an Naturfelsen meist Sicherungsseile vorinstalliert.

Auch das Freiklettern in natürlichen Felsformationen bedeutet nicht, dass keine Seilsicherung erfolgt, sondern nur, dass Haken und sonstige Sicherungsmittel nicht zur Fortbewegung eingesetzt werden. Nur beim so genannten Bouldern, dem seilfreien Klettern in Absprunghöhe, wird nicht gesichert, weil dicke Matten auf dem Boden Stürze abfedern.

Training für Körper und Geist

Das Klettern trainiert wie kaum eine andere Sportart die gesamte Muskulatur. Der wichtigste „Muskel“ ist dabei aber das Gehirn: Klettern erfordert ein hohes Mass an Konzentration und Aufmerksamkeit. Wenn der Fuss auf einem Tritt zu rutschen beginnt, muss man blitzschnell überlegen, wie man seine Kräfte anders einsetzen kann. Stets sind Risiken zu bedenken und das weitere Vorgehen ist zu planen.

Klettern bietet das Erfolgserlebnis, Aufgaben gewachsen zu sein und mit den Aufgaben zu wachsen. Kletternde und Sichernde sind aufeinander angewiesen und übernehmen füreinander Verantwortung. Sie erfahren ihre Partnerschaft in der unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung. Kurzum: Das Klettern ist eine Schule des Lebens. 

Kletterangebote für Menschen mit Behinderung

Kein Wunder, dass Klettern im Rahmen von erlebnispädagogischen und therapeutischen Konzepten immer häufiger zum Einsatz kommt, denn für geistig-, lern- und sinnesbehinderte Menschen ist es ebenso sinnvoll wie etwa für Kinder und Jugendliche mit körperlichen Handicaps.

MS-Betroffene stärken an der Kletterwand ihr Selbstbewusstsein und sogar Rollstuhlfahrer können in Hochseilgärten den Höhenrausch erleben. In der Schweiz gibt es Kletterangebote von Alpinisme & Handicap und vom Verein Vitamin Berg.

Der Verein „Freizeit Para-Special Olympics“ aus dem österreichischen Schladming bietet Klettern im Rahmen verschiedener Abenteuerprogramme an. Und auch das Jugendreferat des Deutschen Alpenvereins führt unter dem Motto „No Limits“ regelmässig Trekking- und Kletteraktivitäten für Menschen mit und ohne Behinderung durch. 

 

Quelle : Gunther Belitz, Magazin HANDICAP Ausgabe 2/2006

Foto: Jimmy Goddard

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