Schneller als auf Beinen: Bewegte Sportarten für Gehbehinderte

Schnell unterwegs - Auch als Paraplegiker. (jpavan/fotolia.com)

Von wegen „lahmer Paraplegiker“: Diese Liste von Sportarten zeigt, dass eine Lähmung der Beine längst nicht mehr den Verzicht auf Schnelligkeit und Action bedeutet – ganz im Gegenteil.

Schon wer als verhältnismässig unsportlicher Mensch im Rollstuhl landet, der glaubt schnell, dass es für ihn künftig kaum noch viel Bewegung geben wird. Noch schlimmer erscheint dieses Schicksal solchen Leuten, die vor Krankheit oder Unfall ein äusserst aktives Leben mit viel Bewegung pflegten. Paraplegie bedeutet zwar in der Tat, künftig vieles anders angehen zu müssen, aber beim Thema Sport gilt das nicht: Hier existieren Disziplinen, die so action- und temporeich sind, dass sie sich nur nicht hinter Sportarten für völlig Mobile verstecken müssen, sondern teilweise auch weit über diese hinausgehen.

Der folgende Artikel will zeigen, was selbst dann noch alles möglich ist, wenn die eigenen Beine nicht mehr mitmachen. Helm auf, Handschuhe anziehen und Action:

Leicht, High-Tech und extrem schnell: Renn-Rollstühle haben mit normalen Stühlen kaum noch etwas gemein. (Ben Keith/fotolia.com)

1: Rollstuhlrennen

Die fast schon einfachste Disziplin ist das Rollstuhlrennen. Sie funktioniert ganz klassisch wie Rennrad- oder Laufdisziplinen: Die Sportler fahren also entweder gegen die Uhr oder gegeneinander, im Sprint- oder Langstreckenmodus. Der grosse Vorteil dabei: Amateure können das Rollstuhlrennen auch erst einmal in ihrem gewohnten Stuhl ausüben. Zumindest, um in den Sport hinein zu schnuppern. 

Allerdings sind selbst moderne Rollstühle nicht für die Geschwindigkeiten und die Belastungen ausgelegt, die bei diesen Rennen erzielt werden können. Wem der Sport zusagt, sollte also in einen Renn-Rollstuhl investieren. Und diese Geschosse haben mit einem normalen Stuhl nur noch so viel Ähnlichkeit, wie ein Kleinwagen mit einem Formel-1-Renner: 

Dreirädrige Auslegung mit den beiden Antriebsrädern hinten und einem grossen lenkbaren Rad vorne.

Langer Radstand für maximale Spurstabilität.

Stark schräg gestellte Hinterräder (negativer Sturz), um höchste Kurvengeschwindigkeiten zu erzielen.

Hockende Sitzweise, damit der Fahrtwind weniger Angriffsfläche hat und um den Schwerpunkt nach hinten zu verlagern.

Extremer Leichtbau aus High-Tech-Materialien, damit alle Kraft in den Vortrieb gesteckt werden kann. 

Wer sich einmal die Fahrer solcher Rennmaschinen angeschaut hat, der kann sich den Vergleich mit Profischwimmern nicht verkneifen: Ein breites Kreuz, muskulöse Ober- und Unterarme und ein stahlharter Händedruck, weil die Greifringe im Vergleich zu normalen Rollstühlen einen deutlich geringeren Durchmesser haben – für die bessere Übersetzung der Arm- in Drehbewegung der Räder. Allerdings ist die Folge von so viel Technikeinsatz, dass die Rollstühle Tempi von teilweise weit über 30 Kilometern pro Stunde erreichen. Und spätestens hier sollte dann unbedingt der Kopf durch einen Helm geschützt werden. Bei den Paralympics und den meisten anderen Wettbewerben ist er Pflicht. Allerdings müssen Paraplegiker hier nicht auf teure Sonderanfertigungen zurückgreifen: Ein normaler Helm für Velofahrer reicht vollkommen. Wobei es bei sehr sportlichen Fahrern freilich ein Mikroschalen-Helm sein sollte, weil der, wie auch Sportscheck schreibt, die leichtere Variante darstellt.

Übrigens: Für das Training auf der Strasse lassen sich Renn-Rollstühle auch mit Schutzblechen und Beleuchtung ausrüsten. Und wie das Rennen auf der grossen Weltbühne aussieht, zeigt dieses Video von den Paralympics 2012 in London:

2. Sledge-Eishockey

Das Schlitten-Eishockey, so die Übersetzung, ist wohl unter allen Disziplinen dieses Artikels zwar nicht die schnellste, aber sicherlich die härteste. Die Teilnehmer sitzen auf kleinen Schlitten. Ansonsten funktioniert alles wie beim „normalen“ Eishockey: Der Abtrieb funktioniert über zwei kurze Schläger in den Händen der Spieler: Die Sportgeräte verfügen zudem auch über Spikes und dienen so als kombiniertes Antriebs- und Spielgerät. 

Und wer jemals ein solches Spiel mitverfolgt hat, der weiss: Von einer irgendwie sanfteren, behindertengerechten Variante des klassischen Eishockeys kann hier keine Rede sein. In den Profiligen, die es in Deutschland und Österreich gibt, geht es genauso hart zu wie beim stehenden Eishockey.

Allerdings muss natürlich auch gesagt werden: Für zarte Gemüter ist dieser Sport nichts, denn es geht nicht nur ruppig zu, auch das Verletzungsrisiko ist hoch. Und das nicht nur, weil im Gewühl des Kampfs um den Puck auch schnell mal die Hände unter die Kufen gelangen. 

Wer aber schon immer auf Vollkontakt-Sport stand, für den gibt es beim Sledge-Eishockey eine vollwertige Alternative. 

Pedale raus, Handgas und –bremse einbauen. Mehr braucht es nicht, um Rennsport behindertengerecht zu machen. (vasilisa_k/fotolia.com)

3. Autorennen

Ja, richtig gelesen: Während sich für die meisten Paraplegiker-Umbauten an Autos vor allem darauf beschränken, dass der Rollstuhl besser hineinpasst, gibt es natürlich auch die Möglichkeit, den Wagen so umzubauen, dass er mit der Gewalt eines Reto Meisel über die Strecke fliegen kann. 

Prominentestes Beispiel, dass hierbei wirklich sämtliche Einschränkungen für Gehbehinderte aufgehoben werden, ist der Rennfahrer Alessandro Zanardi. Der Italiener verunglückte 2001 bei einem Rennen in Deutschland so schwer, dass ihm beide Beine amputiert werden mussten – was den Geschwindigkeitsfanatiker freilich nicht davon abhielt, wieder ins Cockpit zu steigen: Zwischen 2005 und 2009 steuerte er für BMW einen Boliden in der Tourenwagen-Weltmeisterschaft. 2012 nahm er auch noch zwei Paralympics-Gold- und eine Silbermedaille beim Handbiking mit und sitzt seit 2014 für eine andere Rennwagenserie am Steuer. Und wenn er nicht gerade paralympisches Gold gewinnt oder mit dem PS-Monster um die Strecke jagt, nimmt Zanardi auch noch erfolgreich am Ironman teil

Freilich ist es leichter, einen bereits bestehenden Rennwagen auf einen Paraplegiker umzubauen, als ein normales Strassenfahrzeug zu einem Rennmobil. Aber so viel muss nicht getan werden:

Entfernung der Pedalerie im Fussraum zur Gewichtsreduktion.

Rennsportschaltung über Schaltwippen am Lenkrad.

Gashebel rechts am Lenkrad, Bremshebel links

Und dann geht es auf die Piste. Die Grenzen liegen nur bei der Motorleistung des Autos und nicht beim Fahrer. Und wer aufgrund einer Beinamputation diesen Sport ausüben muss, so wie Alessandro Zanardi, der hat sogar noch einen Vorteil, den die wenigsten sofort parat hätten: Beim Motorsport zählt tatsächlich jedes einzelne Gramm. Ein menschliches Bein wiegt um die 15 Kilogramm. Ein beidseitig Amputierter, der sich in einen Rennwagen zwängt, kann also schon alleine deshalb schneller fahren, weil das Auto 30 Kilo weniger Gewicht befördern muss – kein Zynismus, sondern schlichte Mathematik, denn im professionellen Rennsport, wo mit Betankungsgewichten gerechnet wird, können diese 30 Kilo einen gewaltigen Unterschied ausmachen. 

4. Monoski

Selbst wer vor seiner Behinderung die Pisten der Schweizer Berge unsicher machte, muss auch ohne funktionierende Beine nicht darauf verzichten. Das Zauberwort heisst Monoski. Und wie bei allen anderen genannten Disziplinen gilt auch hier: Etwas anders ja, weniger actionreich nein. 

Monoskier bestehen nur aus einem Brett, kaum breiter als ein normaler Alpinski. Darauf sitzt ein gefedertes System. Obenauf ein Tragegestell, welches den Fahrer mit Gurten auf seinem schmalen Sitz hält. Die Beine stecken in einer Art Kunststoff-Panzerung. Dies, damit sie zusammenbleiben und so weder dem Wind eine Angriffsfläche bieten, noch bei einem Sturz in Mitleidenschaft gezogen werden – bei Paraplegikern sind die Beinmuskeln meist wesentlich schwächer und können so einem Sturz kaum Widerstand entgegensetzen, sodass dann viel schneller Knochen in Mitleidenschaft gezogen werden. 

Der Abtrieb beziehungsweise die Kontrolle und Richtungssteuerung erfolgt über zwei Skistöcke in den Händen des Fahrers. Diese sind am unteren Ende ebenfalls mit kleinen Kufen ausgestattet. Das macht das ganze System extrem wendig und gleichzeitig so gut kontrollierbar, dass selbst Anfänger zügig ihre ersten Abfahrten absolvieren können. 

Das Handbike ist ein kompromissloser Sportbolide – und dabei sogar noch vergleichsweise bequem. (exploder/pixabay.com)

5. Handbike-Rennen

Von der Grundkonstruktion schon etwas älteren Datums, kennen viele Rollstuhlfahrer das Handbike eigentlich nur als Ergänzung zu ihrem normalen Alltagsrollstuhl, dem sogenannten Adaptivbike: Vorne wird ein Gestell ähnlich dem Vorderteil eines Velos angekoppelt. Dessen Rad ist über eine Kette mit Handpedalen verbunden und macht den Rollstuhl etwas komfortabler beweglich. 

Doch wie schon beim Rollstuhl hat auch das normale Handbike einen „bösen Bruder“ in Form eines wirklich kompromisslosen Sportgeräts, das noch viel weniger einen Gedanken an irgendeine Form von Behindertenvehikel aufkommen lässt: Das Renn-Handbike. Und auch das ist nur mit dem Wort High-Tech zu beschreiben: 

Eine extrem niedrige aber steife Sitzwanne aus Aluminium oder Kohlefasern als zentrales Chassis. Sie liegt dicht an der Fahrbahn für einen wesentlich niedrigeren Schwerpunkt als beim Renn-Rollstuhl.

Hinterräder mit negativem Sturz, breiter Spur und sehr schmalen Reifen zur Reduzierung des Rollwiderstandes, ebenfalls aus Carbon.

Ein ebenso schmales Vorderrad aus dem gleichen Werkstoff. An seiner Seite sitzen die Ritzel der Gangschaltung, die aus der Rennrad-Technik stammt und grundsätzlich ähnliche Änderungen der Übersetzung während der Fahrt erlaubt.

Seit den frühen 2000ern ist das Handbike nicht nur paralympisch, auch existiert in der Schweiz eine ganz normale Sportordnung für damit ausgetragene Rennen der Schweizer Paraplegiker Vereinigung.

Im Kanton Schwyz findet jedes Jahr das Rollstuhlrennen Steinen statt. Einige Impressionen gibt es in diesem Video

Fazit:

Die eigenen Beine nicht mehr verwenden zu können ist im ersten Moment immer ein grosser Schock. Diese Nachricht bedeutet jedoch niemals, dass das künftige Leben sich zwischen Bett und Wohnzimmer abspielen wird. Wer Geschwindigkeit und Action mag, der findet auch als Paraplegiker neben den hier genannten Sportarten noch dutzende weitere, die den Puls nach oben treiben. Und wer sieht, dass beinamputierte Sprinter auf ihren Prothesen mittlerweile Tempi erreichen, die noch vor wenigen Jahren Ausnahmesprintern mit vollwertigen Beinen vorbehalten waren, der sieht: Paraplegiker zu sein bedeutet vieles, nur keinen Nachteil.

Text: MyHandicap, 03/2016

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