Paralympics 2012: Erlebnisbericht von Adrian Moser

Passanten auf der Brücke, mit Blick auf den London Tower (Foto: Adrian Moser)
London calling! (Foto: Adrian Moser)

MyHandicap-Mitarbeiter Adrian Moser machte sich selbst ein Bild von den Paralympischen Spielen 2012 und reiste mit einer Gruppe nach London. Hier sein Bericht:

"Am Mittwoch, dem 5. September, ging die Reise nach London los. Nachdem wir die Qualifikation an der Heim-EM als paralympisches Rugbyteam letztes Jahr nur hauchdünn verpasst haben, müssen wir nun halt als Zuschauer an die Paralympics reisen.

Kinderleichte Anreise

Bei der zweiten Phase des Ticketverkaufs hatten wir Glück und konnten uns 12 Tickets sichern. Diese waren zwar lediglich Tagespässe, die uns den Zutritt zum Olympic Park gewährten, jedoch nicht mit Sicherheit zu den Sportstadien. Es galt die Regel „first come, first serve“ für eine begrenzte Anzahl von Plätzen, die für diese Tagespässe reserviert wurden. Unsere Gruppe bestand aus fünf Spielern der Rugby-Nationalmannschaft, die eben die Qualifikation nicht geschafft hatten. Nun reisten wir mit gemischten Gefühlen nach London. Denn eigentlich wollten wir ja unsere Rugbystühle auch mitnehmen.

Nach der Landung in London Luton trafen wir auf sehr freundliche Stewarts, die uns in der auffälligen, violetten Paralympic-Bekleidung den schnellsten Weg zu unserem Hotel erklärten. Wir fuhren mit dem Zug ins Zentrum und bei jedem Umsteigen kamen sofort Bahnangestellte mit Rampen, um uns das Aus-und Einsteigen zu erleichtern.

Breite, flache Wege zum Stadion (Foto: Adrian Moser)
Beeindruckendes Gelände - und vollständig barrierefrei! (Foto: Adrian Moser)

Beeindruckendes Gelände

Nach einem Drink in der Hotelbar gingen wir schlafen. Für Donnerstag hatten wir die ersten Tickets. Die Anreise war wirklich kinderleicht, denn alles war sehr gut beschriftet und dieser violette Paralympicschriftzug war überall sehr schnell zu erkennen. Falls dennoch mal etwas unklar war, konnte man sofort einen Stewart erkennen, welcher einem die nötigen Infos gab.

Mit der U-Bahn fuhren wir zum Olympia-Gelände, wo schon von weitem das Olympiastadium und der Orbit (ein 115m hoher Aussichtsturm auf dem Gelände) zu erkennen waren. Der Eingang war wie an einem Flughafen organisiert, wo Taschen und alles kontrolliert wurden.

Voller Erwartung auf das erste Spiel

Die ersten Rugbyspiele begannen um 14 Uhr und es blieb uns noch etwas Zeit, um den Orbit zu erklimmen. Als wir Tickets kaufen wollten, mussten wir jedoch feststellen, dass wir frühestens für die Session um 20 Uhr Tickets kaufen konnten, da alles vorher bereits ausverkauft war. Wir begaben uns also sehr früh vor die Basketballarena, um sicher Eintritt zu erhalten, da ja nur die ersten Zuschauer vor Ort sicher Zutritt erhielten. Nach 1.5 h Warten waren wir im Stadium. Wir waren sehr glücklich, endlich drinnen zu sein und Rugby an den Paralympics 2012 zu sehen!

Das erste Spiel war Schweden gegen Australien und verlief wie erwartet etwas einseitig. Australien besitzt zwei extrem dominante Spieler, die das Spiel klar für sich entschieden. Wir haben alle vier Spiele an diesem Tag geschaut und eine Überraschung blieb aus.

Blick auf Kuppel des London Eye (Foto: Adrian Moser)
Hoch hinaus auf dem London Eye (Foto: Adrian Moser)

Sportliche und persönliche Highlights

Als wir gegen 23 Uhr das Stadium verliessen, war es dunkel und die Stadien strahlten in wechselnden Lichtern. Dazu diese unfassbare Menge an Menschen, was für ein Erlebnis! Da wir für Freitag leider keine Tickets hatten, blieb Zeit für Sightseeing in London und anschliessend das Nachtleben zu geniessen.

Den ganzen Tag sind wir immer über die Resultate updatet worden und konnten so erfahren, dass Schweden gegen Kanada mit einem Tor Differenz verlor. Damit hatten sich in der Gruppe B Australien und Kanada für die Halbfinals qualifiziert und Schweden und Belgien würden um die Plätze 5 bis 8 spielen. In der Gruppe A setzte sich der Weltmeister und Paralympicsieger von Peking USA klar durch. Als Zweiter erreichte auch Japan die Halbfinals nach einem deutlichen Sieg von 51:39 gegen Grossbritannien.

Adrian Moser auf Brücke (Foto: Adrian Moser)
Auch für Sightseeing blieb noch etwas Zeit (Foto: Adrian Moser)

Unsere früheren Gegner

Am Samstag machten wir uns wieder sehr früh auf, um auch wirklich Zutritt zu erhalten, denn es begannen die Crossoverspiele. Soviel schon jetzt, heute wurde es dramatisch! Im ersten Spiel trat Grossbritannien gegen Belgien an, und sich der Lokalmatador klar durchsetzen konnte. Als nächste spielten die Schweden gegen Frankreich, wobei Frankreich bis zum Ende des dritten Viertels das Spiel im Gleichstand halten konnte und erst im vierten Viertel etwas an Substanz verlor. So konnte Schweden dieses Spiel doch noch für sich entscheiden.

Schweden gegen Frankreich war für mich besonders schwer zu ertragen, denn gerade gegen Frankreich hatten wir unsere Qualifikation mit nur einem (!) Tor Differenz nicht erreicht. Sonst wären wir da unten gewesen und hätten vor 12‘000 Zuschauern und einer atemberaubenden Stimmung gespielt.

Spannung pur auf dem Spielfeld

Als nächstes kam der erste Halbfinal zwischen Australien und Japan. Die beiden dominanten Spieler Batt und Bond entschieden auch dieses Spiel sehr deutlich mit 59:45 für Australien. Im zweiten Halbfinal trafen die Erzrivalen Kanada und USA aufeinander.

Von den USA wurde erwartet, dass sie ihre Goldmedaille von vor vier Jahren verteidigen würden und galten als grosses Mass in der Rugbywelt. Doch was dann im ersten Viertel des Spiels geschah, raubte allen Zuschauern den Atem. Kanada startete unglaublich stark und die USA gerieten immer mehr in Rückstand. Erfahrenen Spielern unterliefen Fehler um Fehler und am Ende des Viertels führte Kanada mit 7(!) Toren!

Blick auf das rot, weiss und blau beläuchtete Stadion (Foto: Adrian Moser)
Lichtspektakel im Dunkeln (Foto: Adrian Moser)

Die Spannung steigt

Die USA waren gedemütigt worden, doch ihre Reaktion folgte deutlich. So konnte im zweiten und dritten Viertel der Rückstand wettgemacht werden und ungefähr vier Minuten vor Schluss stand es unentschieden. 50 Sekunden vor Schluss hatten die USA den Ball und hätten das letzte Tor erzielen und den Final erreichen können, doch es kam anders. Die Kanadier eroberten den Ball und Amerikas schnellster Spieler erhielt bei dieser Aktion gleich auch noch eine Strafe und musste auf die Strafbank.

Somit konnte Kanada das letzte Tor erzielen und den Finaleinzug realisieren. Die Freude war grenzenlos, wie auch die Enttäuschung auf Seiten der USA. Speziell bei Chuck Aoki, der den Ball verloren hatte, und damit die entscheidende Szene ausgelöst hatte.

Anschliessend folgten noch die Klassierungsspiele der 5. - 8. Plätze, wobei Grossbritannien den amtierenden Europameister Schweden besiegte und damit Fünfter wurde. Den siebten Platz erreichte Belgien mit einem Sieg über Frankreich. Den kleine Final konnten die USA gegen Japan wie schon in der Gruppenphase erneut gewinnen und erreichen somit die Bronzemedaille.

Im Final hatte Kanada den Australiern nicht mehr viel entgegenzusetzen. Immerhin hatte Kanada in der Gruppenphase bereits gegen Schweden mit lediglich einem Goal gewonnen und ja auch im Halbfinal gegen USA mit einem. Dies hatte den Spielern physisch wie auch psychisch sicherlich alles abverlangt und so verloren sie mit 66:51.

Tolle Spiele!

Rückblickend bin ich von der Organisation, dem Zuschaueraufmarsch wie auch von der medialen Präsenz wirklich sehr begeistert. Die ganzen Spiele waren ausverkauft und über die zwei Wochen waren schätzungsweise 2.7 Millionen Menschen an den Paralympics. Dies ist sicherlich eine grosse Anerkennung für den Behindertensport!"

Mehr zu den Paralympischen Spielen 2012 in London gibt es hier nachzulesen.


Text: Adrian Moser - 10/2012

Bilder: Adrian Moser / MyH

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