Paralympics 2012: Die Bilanz

Das Zeichen des Internationalen Paralympischen Komitees
Die besten Paralympics aller Zeiten: Die Veranstalter von London haben neue Maßstäbe gesetzt. (Foto: LOCOG)

Mit einer beeindruckenden Schlussfeier sind die Paralympics 2012 zu Ende gegangen. Während 10 Tagen hat London die Weltspiele zelebriert und neue Massstäbe gesetzt. Eine Bilanz der besten Paralympics aller Zeiten.

Sportlerinnen und Sportler, Organisatoren wie Zuschauer waren sich bereits während den Paralympics einig: „Das sind die besten Paralympics aller Zeiten.“ Diese Bilanz zogen sie nicht in erster Linie auf Grund der herausragenden sportlichen Leistungen, vielmehr war es die enthusiastische Stimmung in den Stadien, rund um die Sportstätten, ja in der ganzen Stadt.

Die Zuschauer

Täglich füllten 80'000 Zuschauer das Olympiastadion bis auf den letzten Platz und veranstalteten dort einen Lärm, wie man ihn noch selten an einem Sportevent gehört hat. Insgesamt wurden 2,7 Millionen Tickets abgesetzt. 180'000 Zuschauer fanden sich täglich in den Sportstätten ein und sie zeichneten sich nicht nur durch ihren Enthusiasmus, sondern auch durch ihren grossen Sachverstand aus.

Die Schweizer Athletinnen und Athleten

Alle Sportler gaben an diesem grandiosen Sportfest ihr Bestes und zeigten, zu was Menschen mit einem Handicap fähig sind. Überragend war die Delegation aus China. Sie sicherte sich nicht weniger als 231-mal Edelmetall. Für die Schweiz resultierten 3 Gold-, 6 Silber- und 4 Bronze-Medaillen. In der Endabrechnung ergab dies Platz 33 im Medaillenspiegel. Sämtliche Medaillen wurden in den Sportarten Leichtathletik und Rad erobert.

  • In überragender Form präsentierte sich Edith Wolf-Hunkeler, die nicht weniger als vier Medaillen gewann. Die Rollstuhlfahrerin setzte sich im 5000-Meter-Rennen durch, gewann sowohl im 800- wie auch im 1500-m-Rennen Silber und rundete den Medaillensatz mit Bronze über 400 Meter ab.
  • Rollstuhlfahrer Marcel Hug gewann Silber im 800-Meter-Rennen und ebenso im abschliessenden Marathon.
  • Heinz Frei triumphierte im Handbike-Zeitfahren über 16 Kilometer. Für den 54-jährigen Solothurner war dies schon die 15. Goldmedaille an Paralympics.
  • Über die gleiche Distanz tat es ihm nur wenige Minuten später Sandra Graf gleich. Die 42-Jährige gewann nicht nur Gold sondern realisierte ihren ersten Paralympic-Titel überhaupt. Ausserdem holte sie sich im abschliessenden Marathon Bronze.
  • Für Tobias Fankhauser und Jean-Marc Berset gab es in den Handbike-Rennen Silber,  Ursula Schwaller und die Mixed-Staffel sicherten sich eine Bronzemedaille.
Porträt von Lord Sebastian Coe
Der ehemalige Weltklasse-Leichtathlet Lord Sebastian Coe zeichnete für die Organisation der Olympischen und der Paralympischen Spiele verantwortlich. (Foto: LOCG)

Die Material-Diskussion

Viel war während der Paralympics von den herausragenden Leistungen und der fantastischen Stimmung die Rede. Für Schlagzeilen sorgte aber auch das Material. Vor allem die Leichtathleten mit ihren Beinprothesen, die immer bessere Lauf- und Sprungergebnisse ermöglichen, standen im Fokus. „Blade Runner“ Oscar Pistorius aus Südafrika - der seit Jahren mit seinen Carbon-Prothesen im Mittelpunkt des Interesses steht – heizte die Diskussionen an. Mit seinen Vorwürfen, der 200-m-Lauf sei wegen der zu hohen Stelzen des siegreichen Brasilianers Alan Oliveira unfair gewesen, handelte er sich viel Kritik ein.

Und am Tag des 100-m-Finals in der Leichtathletik warf Wojtek Czyz seinem deutschen Teamkollegen Heinrich Popow „technisches Doping“ vor. Dieser habe von seinem Ausrüster Ottobock ein künstliches Kniegelenk erhalten, an das sich nur er habe gewöhnen können, weil er es vor den anderen Athleten erhalten habe.

Die Materialdiskussionen zeigen auch auf, dass zumindest in den Top-Sportarten Leichtathletik oder Rad der Trend in Richtung Professionalisierung geht. Dies bestätigt auch der deutsche Chef de Mission, Karl Quade. „Der Behindertensport wird immer mehr zum Spitzensport. Es gibt immer mehr Profis und auch das Material wird besser.“

Die berührendsten Momente

Sport – das ist gleichbedeutend mit Emotionen. Und im Behindertensport gehen diese vielleicht noch etwas tiefer als bei Sportlern ohne Handicap. Alle Behindertensportler haben früher oder später in ihrem bisherigen Leben einen Schicksalsschlag erlitten. Von diesem Moment bis zum Glanz der paralympischen Spiele ist es ein ganz weiter Weg, der mit enormen Hindernissen, Aufwendungen und Entbehrungen gepflastert ist. Das Glück über das Erreichte ist entsprechend gross, ebenso die Enttäuschung über möglicherweise Verpasstes. Stellvertretend für die Erlebnisse der über 4200 Athleten an den Paralympics stehen:

Gold-, Silber- und Bronzemedaille der Paralympics 2012.
China holte bei den Paralympics die meisten Medaillen. In Erinnerung werden aber nicht nur die Medaillengewinner bleiben. (Foto: London 2012)

Yohansson Nascimento

Am brasilianischen Sprinter Yohannson Nascimento zeigte sich in London in extremis, wie nahe Freud und Leid auch im Behindertensport zusammen liegen. Zunächst machte er seiner Freundin via Fernsehen einen Heiratsantrag. Anschliessend gewann er im 200-m-Rennen die Goldmedaille und feierte diese mit einem spektakulären Überschlag. Und nur wenige Tage berührte Nascimento die Sportwelt erneut: Im 100-m-Lauf stoppte ihn eine Verletzung. Aufgeben kam für den Brasilianer nicht in Frage. In Tränen aufgelöst und untröstlich schleppte er sich in einer Zeit von 90 Sekunden ins Ziel – begleitet von stehenden Ovationen der 80'000 Zuschauer im Stadion.

Alessandro Zanardi

Der ehemalige Formel-1-Fahrer Alessandro Zanardi verlor 2001 bei einem Unfall auf dem Lausitzring beide Beine. Mittlerweile hat er zwar trotzdem wieder Autorennen bestritten, in den letzten zwei Jahren hat er aber alles den Paralympics untergeordnet, genauer den Wettbewerben im Handbike. Wie viel der mittlerweile 45-jährige Italiener dem Erfolg untergeordnet haben muss, zeigt sich auf der Rennstrecke in Brands Hatch: Er holt sowohl Gold im Zeitfahren als auch im Strassenrennen. Dazu kommt noch Silber im Mixed. Die Emotionen zeigen sich nicht zuletzt in einem Tweet, den er nach seinem ersten Erfolg absetzt: „Ich wünschte, ich hätte ein Wort für alle, die mein Herz berührt haben.“

Jochen Wollmert

Der deutsche Tischtennisspieler Jochen Wollmert gewann in London zum dritten Mal in seiner Karriere Einzel-Gold bei den Paralympics. Er setzte sich im Finale der Klasse 7 gegen Lokalmatador Will Bayley durch. Dies alleine sorgte aber noch nicht für die grossen Schlagzeilen. Es war die Geste gegenüber seinem untröstlichen Kontrahenten, die zeigte, mit welcher Fairness bei den Paralympics in den meisten Fällen um Meriten gekämpft wird: Wollmert ging zu dem von einem Weinkrampf geplagten Briten hin, richtete ihn auf und reckte Bayleys Hand wie nach einem Sieg in die Luft.

Die Herausgeforderten

Die Paralympics in London haben für alle künftigen paralympischen Spiele neue Massstäbe gesetzt. Die sportlichen Leistungen so gut wie nie, das Zuschauerinteresse gewaltig, das Interesse der Medien immens, nie zuvor flogen den Behindertensportlern soviel Respekt und Bewunderung zu. Das sind Vorgaben, an denen sich die Veranstalter der Paralympics 2016 in Rio gemessen werden. Zu wünschen bleibt, dass der Behindertensport bis Rio nicht wieder zur Randnotiz verkommt und in der medialen Versenkung verschwindet.  

Text: Patrick Gunti – 09/2012
Fotos: London 2012 / LOCOG

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