Grundrecht Selbstbestimmung

Das Grundrecht, selber bestimmen zu dürfen wo und wie man sein eigenes Leben führen möchte, gehört neben Existenzsicherung, Integration und Gleichstellung zu den vier zentralen Forderungen der schweizerischen Behinderten-Selbsthilfe. Was selbstverständlich scheint ist für viele Menschen mit einer Behinderung längst nicht so. Vielmehr erleben sie oft, dass ihr Leben auf Grund ihrer speziellen Hilfsbedürfnisse und entsprechenden finanziellen Zwängen von professionellen Fachleuten und Institutionen weitgehend fremd bestimmt wird.

Die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung (SL-Bewegung) wurde in den siebziger Jahren in den USA unter dem Titel "Independent Living Movement" von Behinderten aller Behinderungskategorien gemeinsam als eine politisch aktive Bürgerrechts- und Emanzipationsbewegung gegründet. Sie ist eine Reaktion auf die vielen Behinderten gemeinsamen Erfahrung, dass ihr Leben meist mehr durch Vorurteile, Aussonderung, unnötige, gedankenlose Hindernisse und von unbehinderten Fachleuten geschaffenen Hilfs-Strukturen behindert und verhindert wird, als durch die eigentliche medizinische Beeinträchtigung selber. Menschen die den gängigen Normen und Erwartungen nicht entsprechen können, werden durch allerlei bauliche und andere Barrieren von der Teilhabe ausgeschlossen, benachteiligt und dadurch in ihren Lebensmöglichkeiten behindert, hilfloser gemacht, als sie es eigentlich wären. 

Stärkung der Selbstbestimmung Menschen statt Versorgung

Aus dieser Erfahrung heraus, verzichtet die SL-Bewegung weitgehend auf die medizinische oder versicherungstechnische Unterscheidung der Behinderungarten welche Behinderte von anderen Behinderten trennt und die einzelnen Gruppierungen politisch schwächt. Stattdessen versuchen die Betroffenen auf der behinderungsübergreifenden Erfahrung aufbauend, gemeinsam die gesellschaftlichen Bedingungen zu verändern, welche einzigartige Menschen zu Invaliden machen. 

Statt auf die "Versorgung von Hilflosen" durch unbehinderte Fachleute, setzt die SL-Bewegung auf "Empowerment": Behinderte sind die ExpertInnen ihres eigenen Lebens. Wie können wir jede und jeden soweit es irgendwie geht befähigen, die möglichen Entscheidungen selber zu treffen, ihr oder sein Leben selber zu gestalten? Statt Menschen in Gettos, getrennt nach Beeinträchtigungsarten und schwere, aus der Gemeinschaft "auszusondern" und so zu "versorgen", kämpft die SL-Bewegung für "persönliche Assistenz" (PA): Behinderte leben in ihrer angestammten Umwelt und erhalten das nötige Geld um die ihren persönlichen behinderungsbedingten Bedürfnissen entsprechenden Hilfen selber einzustellen, anzuleiten, auszubilden und wenn nötig auch zu ersetzen. Es gelang der Bewegung zu zeigen, dass diese Form der direkten Hilfe (Subjektfinanzierung) eine bedeutend effizientere und gleichzeitig menschenwürdigere Nutzung der vorhandenen Finanzen ermöglicht. Dies vor allem, weil die Fähigkeiten der Betroffenen und ihrer Familien bzw. Umwelt auf diese Weise gefördert und nicht ausgeschaltet und durch teure professionelle Hilfen ersetzt werden müssen. Persönliche Assistenz ersetzt in vielen, vor allem den Nord-Europäischen Ländern zusehends die alten Modelle der Institutionalisierung.

Gegenseitige Unterstützung und Beratung in Zentren

Überall wo Menschen mit Behinderungen diesen gemeinsamen Kampf aufnehmen gründet die SL-Bewegung Büros, so genannte Zentren für Selbstbestimmtes Leben (Center of Independent Living, CIL). Dort beraten und unterstützen Betroffene sich gegenseitig (Peer Counseling) und organisieren Dienstleistungen und politische Vorstösse und Aktionen. Seit den achtziger Jahren findet die Diskussion der SL-Ansätze - oft unter dem Titel "Paradigmenwechsel" - in Europa und auch in der Schweiz statt. Trotzdem entstand das erste Zentrum für Selbstbestimmtes Leben (ZSL) erst 1996 in Zürich. Ein tiefgreifendes Umdenken bezüglich der Fremdbestimmung - betroffen sind in erster Linie all jene, die auf tägliche Assistenz in ihren persönlichen Belangen angewiesen sind - fand hierzulande vorher nur marginal statt. Grund dafür dürfte das im Vergleich zu anderen Ländern gut finanzierte und entsprechend komfortable Versorgungssystem für Behinderte sein.

Das ZSL Zürich verficht die Position des Selbstbestimmungrechts von Behinderten als Expertinnen und Experten in eigener Sache. Entsprechend setzt es sich für rechtliche und sozialversicherungstechnische Grundlagen ein, damit Behinderte ein gleichberechtigtes Leben ausserhalb der Institutionen führen können. Es kämpft folgerichtig gegen ausgrenzende Strukturen - u.a. technischer, juristischer und architektonischer Natur - für den Einbezug und die Mitbestimmung Betroffener wo immer ihre Interessen verhandelt werden und für eine bedarfsgerechte Finanzierung der persönlichen Assistenz.

Text: Peter Wehrli, Geschäftsleiter Zentrum für Selbstbestimmtes Leben

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