Wie behinderte Menschen ihre Lebenssituation beurteilen

Darstellung von Zufriedenheit und Unzufriedenheit durch Smileys. (Bild: S. Hofschlaeger/pixelio.de)
Menschen mit Behinderungen beurteilen ihre Lebenssituation. (Bild: S. Hofschlaeger/pixelio.de)

Das Bundesamt für Statistik hat neue Ergebnisse zum Thema Gleichstellung von behinderten Menschen veröffentlicht. Demnach sind sie mit ihrer Lebenssituation weniger zufrieden sind als Menschen ohne Behinderungen.

Das Bundesamt für Statistik legt regelmässig Daten über die wirtschaftliche und soziale Situation der Bevölkerung vor. Eine aktuelle Erhebung* rückt die Entwicklung der Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft in den Fokus.

Gesetze machen keine Zufriedenheit

Zentrale Aussage der Befragung: Menschen mit Behinderung sind mit ihrer Lebenssituation auch heute weniger zufrieden als Menschen ohne Behinderung. Diese Feststellung gilt für nahezu alle berücksichtigten Aspekte des Wohlbefindens.

Mit Gesundheit logischerweise weniger zufrieden

Logisch erscheint dabei, dass Betroffene weniger zufrieden mit ihrer Gesundheit sind als Menschen ohne Behinderung. Auf einer Skala von null bis zehn erreichen Personen ohne Einschränkung 8,5 Punkte, Menschen mit Behinderung nur 6,0 und Personen mit einer starken Einschränkung gar nur 4,9 Punkte.

Lediglich vier Prozent der Menschen mit Behinderung bezeichnet ihren Gesundheitszustand als sehr gut gegenüber 39 Prozent unter der restlichen Bevölkerung. Gleichzeitig sind sie in ihrer Autonomie häufig eingeschränkt.

Ordnungsreiter mit Aufschrift Termin. (Bild: Rainer Sturm/pixelio.de)
BFS-Erhebung ergibt: Behinderte Menschen arbeiten häufiger Teilzeit. (Bild: Rainer Sturm/pixelio.de)

Mehr Teilzeitarbeit

Praktisch gleich zufrieden wie die restliche Bevölkerung sind Menschen mit Behinderungen mit ihrer Arbeit. Gemäss den Erhebungen beteiligen sich zwei Drittel der Personen mit Behinderungen am Arbeitsmarkt. Das hört sich zwar gut an, aber der Anteil ist geringer als bei der restlichen Bevölkerung. Ausserdem arbeiten sie häufiger Teilzeit als die restlichen Erwerbstätigen, was bei gut zwanzig Prozent auf die Gesundheit zurückzuführen ist. Bei Teilzeitarbeitenden ohne Behinderung sind es nur zwei Prozent.

In der Schweiz bieten Institutionen für Menschen mit Behinderungen 13’200 Arbeitsplätze in geschützten Werkstätten an. Dazu kommen 800 Stellen in anderen Institutionstypen sowie in unabhängigen Werkstätten oder in Unternehmen (Anzahl unbekannt). Im Jahr 2009 wurden an solchen Plätzen von 15’200 Personen 20,3 Millionen Arbeitsstunden geleistet, was einem Durchschnitt von 27,8 Stunden pro Woche und Person entspricht.

In finanzieller Bedrängnis

Aufgrund der eingeschränkten Erwerbsfähigkeit aber auch durch die zusätzliche Kosten verursachenden Behinderungen sind Menschen mit Behinderungen auch unzufriedener mit ihrer finanziellen Situation. Auf der Skala von null bis zehn beträgt die Zufriedenheit durchschnittlich 6,3 gegenüber 7,1 bei der restlichen Bevölkerung. Unter den stark eingeschränkten Personen liegt sie sogar nur bei 5,6. Eine von fünf Personen mit Behinderungen bezieht eine IV-Rente.

Noten und Münzen in Schweizer Franken. (Bild: manwalk/pixelio.de)
Behinderung bringt viele Betroffene in finanzielle Bedrängnis. (Bild: manwalk/pixelio.de)

Tieferer Bildungsstand

Eng verknüpft mit der beruflichen Tätigkeit ist die Bildung. Das Bundesamt für Statistik schätzt den Anteil der Schüler, die in einer Sonderklasse eingeschult sind, auf Grund der vorliegenden Daten auf drei Prozent. Jener der Schüler in einer Sonderschule ausserhalb von konventionellen Schulen wird auf zwei Prozent geschätzt.

Der Bildungsstand von Menschen mit (starken) Behinderungen liegt unter demjenigen der restlichen Bevölkerung: sie haben in grösserem Ausmass nach der obligatorischen Schule keine weitere Ausbildung gemacht und seltener eine tertiäre Ausbildung abgeschlossen.

Die Behinderung ist jedoch nicht der einzige Grund für diese Unterschiede: Menschen mit Behinderungen gehören häufig älteren Generationen an, die allgemein – immer gemäss BFS - eine weniger hohe Bildung haben. Wichtig zu erwähnen ist auch, dass in vielen Fällen die gesundheitlichen Probleme erst nach Abschluss der Ausbildung auftraten; der Bildungsstand also nur bedingt durch die Gesundheit beeinflusst ist.

Häufiger alleine und ohne Kinder

Interessante Ergebnisse liefern auch die Befragungen zum Thema Leben in der Familie und der Gesellschaft. So leben Menschen mit Behinderungen häufiger alleine oder als Paar ohne Kinder. Oft haben Menschen mit Behinderungen eine Familie gegründet, bevor die Behinderung aufgetreten ist. Während die Möglichkeit eines Zusammenlebens als Paar und einer Elternschaft für viele Menschen mit Behinderungen, die in einer Institution leben, schwierig bleibt, scheint sie für jene, die in Privathaushalten leben, weniger problematisch.

Aufgeschlagenes Buch. (Bild: Lupo/pixelio.de)
Bildungsstandard von Menschen mit Behinderung ist tiefer als in der restlichen Bevölkerung. (Bild: Lupo/pixelio.de)

Rege Teilnahme am Vereinsleben

Mehr als die Hälfte der Menschen mit Behinderungen nehmen am Vereinsleben teil. Selbst diese hohe Quote ist jedoch niedriger als jene der Menschen ohne Behinderungen. In Bezug auf die Teilnahme an der Politik sind keine signifikanten Unterschiede feststellbar.

ÖV nur selten ein Hindernis

90 Prozent der Personen mit Behinderungen geben an, die öffentlichen Verkehrsmittel ohne Schwierigkeiten benutzen zu können. Für vier Prozent ist es etwas schwierig, für zwei Prozent sehr schwierig und für vier Prozent nicht möglich. Bei Personen ohne Behinderungen stehen weniger als ein Prozent solchen Schwierigkeiten gegenüber.

Die ermittelten Daten zeigen, dass es bis zu einer wirklichen Gleichstellung noch ein weiter Weg ist. Gleichstellungsgesetz und Behindertenrechtskonvention sind zwar gute Instrumente, Gleichstellung muss aber auch umgesetzt und vor allem gelebt werden.


* Befragte Personen

Als Menschen mit Behinderungen werden in dieser Statistik Personen definiert, die angeben, ein dauerhaftes Gesundheitsproblem zu haben und bei Tätigkeiten des normalen Alltagslebens (stark oder etwas) eingeschränkt zu sein. Dieser Definition liegen die Selbsteinschätzungen von Personen zu ihrer eigenen Situation und keine medizinische Diagnose zugrunde. Sie entspricht dem Gedanken, dass eine Behinderung kein medizinisches Problem ist, sondern dann entsteht, wenn Personen mit dauerhaftem Gesundheitsproblem durch das soziale Umfeld in ihren Möglichkeiten, «normal» zu leben, eingeschränkt sind. Betrachtet man die Bevölkerung zwischen 16 und 64 Jahren, die in Privathaushalten lebt, beträgt der Anteil Menschen mit Behinderungen, gemäss dieser Definition insgesamt 14 Prozent bzw. 730'000 Personen.


Text: Patrick Gunti - 12/2011

Bilder: pixelio.de

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