Weg vom Defizit-Denken - Teil 2 des Interviews

Nils Jent ist Direktor am Center für Disability und Integration an der Universität St.Gallen. (Bild: Eberle-Schmid)
Nils Jent ist Direktor am Center für Disability und Integration an der Universität St.Gallen. (Bild: Eberle-Schmid)

Was aber, wenn in Belegschaften Neid oder Unmut wegen möglicher Sonderbehandlungen für den Kollegen mit Behinderung aufkommt?

Jent:  Das hängt entscheidend davon ab, wie die Unternehmenskultur gestaltet ist. Sie ist ein zentrales Element im Umgang mit Unterschieden und der Wahrnehmung von Befähigungen. Nur in diversitykompatiblen Unternehmens-, Abteilungs- und Teamkulturen lässt sich die Inklusion auch von Arbeitskräften mit Behinderung relativ reibungsarm an. Es hilft, wenn beide Seiten transparent kommunizieren sowie ganz bewusst geben und nehmen. Wo die innere Einstellung, das Verständnis, wenig vorhanden ist, muss es gefördert werden.

Was macht heterogen zusammengesetzte Mitarbeiter-Pools aus betriebswirtschaftlichen Gründen sinnvoll?

Jent: Nicht in jedem Fall sind heterogen zusammengesetzte Teams erfolgreich. Entscheidend ist die Komplexität der Aufgabe. Für komplexe Aufgabenstellungen ergibt es Sinn, die beauftragte Arbeitsgruppe gezielt heterogen zusammenzusetzen. Bei einfach strukturierten Aufgaben, die dennoch sehr anspruchsvoll sein können, wie etwa bei einem mathematischen Problem, erzielen homogen zusammengesetzte Teams in der Regel die besseren Ergebnisse. Da wir aber in einer Umwelt leben, die stetig an Komplexität zunimmt, nimmt entsprechend auch die Zahl komplexer Aufgaben rasant zu. Und damit auch der Bedarf, zu wissen, wie Teams sich heterogen zusammensetzen und führen lassen, ohne dass die Vielfalt zum Misserfolg führt.

Kommen die Ergebnisse Ihrer Forschung über Personalmanagement auch Menschen ohne Behinderung zu Gute?

Schoss: Entscheidend ist der Fokus auf Abilities, auf Fähigkeiten und Stärken. Der Fokus auf Disabilities, auf die Schwächen bei Menschen, macht krank, auch jene Menschen ohne Behinderung. Der Fokus auf Abilities, also auf das, was Menschen können, auf das Stärken der Stärken, das ist etwas, das man im Umgang mit Menschen mit Behinderung lernen kann, aber auf alle Mitarbeiter anwenden sollte.

Was halten Sie von einer gesetzlichen Behindertenquote, wie es sie in Deutschland gibt?

Jent: Die Quote ist eine von der individuellen Persönlichkeit entkoppelte, administrative Zahl. Als Unternehmer interessiert mich das Einhalten dieser Zahl und nicht der Mensch, der seine Persönlichkeit, seine Befähigungen und seine Leistungsbereitschaft ins Unternehmen einbringt. Daher halte ich persönlich das Instrument der gesetzlichen Quote für ähnlich bedenklich wie die sozialromantische Verpflichtung. Ein Bonus/Malus auf die Qualität von Diversity-Konzepten, die ein Unternehmen einsetzt, hätte meines Erachtens ungleich viel mehr Wirkungskraft. Das gäbe einen unglaublichen Schub in der Entwicklung greifender Diversity Management-Konzepte. Und alle, inklusive jener Arbeitskräfte mit Behinderung, würden davon profitieren

Schoss: Natürlich hat jede Quote ihre zwei Seiten. Man muss sagen, dass die Quote schon auch etwas für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung leistet. Wir sehen ja, dass viele Arbeitgeber genau einen Menschen mehr einstellen, als es die Quote erfordert, um die Ausgleichszahlung zu vermeiden. Aber natürlich wäre es absolut wünschenswert, dass sie nicht nötig wäre, sondern allein aus der Qualität der Bewerber heraus rekrutiert würde.

Welche Rolle spielt die vermehrte Beschäftigung von Menschen mit Behinderung für die Volkswirtschaft, also für den Aufschwung und die sozialen Sicherungssysteme?

Schoss: In einer Situation, in der sich Deutschland und die Schweiz befinden, in der wir einen Mangel an guten Arbeitskräften haben, kann man eigentlich nicht auf Menschen mit Talenten verzichten, die irgendeine Behinderung haben, die aber vielleicht überhaupt keine Relevanz für die Tätigkeit hat. Man darf solche Talente nicht aussondern und ins Abseits stellen, sondern man muss die Fähigkeiten nutzen, die alle Mitglieder dieser Gesellschaft haben. Ohne das, wird es schwer sein, mitzuhalten mit anderen Nationen mit unerschöpflichem Arbeitskräftepotenzial.

Jent: Volkswirtschaftlich gesehen unterstützt jedes Gesellschaftsmitglied mit Behinderung, das einer Erwerbstätigkeit nachgehen kann, das Volksvermögen. Es fallen Steuern sowie Sozialabgaben an, staatliche Ausgaben nehmen ab.

Joachim Schoss, Stiftungsratsvorsitzender von MyHandicap, im Gespräch. (Bild: Eberle-Schmid)
Joachim Schoss, Stiftungsratsvorsitzender von MyHandicap, im Gespräch. (Bild: Eberle-Schmid)

Demographischer Wandel und technischer Fortschritt werden den Arbeitsmarkt in Zukunft deutlich verändern. Welche Auswirkungen wird das Ihrer Meinung nach auf die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung haben?

Jent: Selbstverständlich ist der technische Fortschritt für manche Formen von Behinderung sehr sinnvoll und unterstützend. Betrachten Sie beispielsweise meine technisch hoch komplexe PC-Tastatur, mit der ich mit lediglich einem Finger dennoch brauchbar schnell schreiben kann. Ohne die könnte ich gar nicht vernünftig arbeiten. Insofern ist die Technik für mich ein Segen. Was ich allerdings sehe, ist, dass Behinderung sehr viele unterschiedliche Bedürfnisse und damit Ansprüche an die Technik bedeutet. Jemand, der nicht sieht etwa, hat vollkommen andere Bedürfnisse, als jemand, der auf den Rollstuhl angewiesen ist. Solche unterschiedlichen oder teilweise sogar zuwiderlaufende Bedürfnisse sind sorgsam zu prüfen und gegeneinander abzuwägen.

Schoss: Der demographische Wandel führt ja auch dazu, dass es mehr Menschen mit Behinderung geben wird. Im Moment der Geburt ist unter ein Prozent der Menschen schwerbehindert, im Moment des Todes sind über 50 Prozent schwerbehindert. Je mehr alte Menschen, desto mehr Menschen mit Behinderung. Je mehr Menschen mit Behinderung, desto mehr Kaufkraft haben auch Menschen mit Behinderung. Desto mehr Kunden eine Behinderung haben, desto interessanter wird es auf Seiten der Anbieter, die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung zu verstehen. Abgesehen davon sollten wir alle arbeitswilligen und arbeitsfähigen Talente integrieren, weil wir so wenig Nachwuchs haben. Es gibt viele Punkte, die dafür sprechen, dass es der demographische Wandel für Menschen mit Behinderung leichter macht, einen Job zu bekommen.

Im modernen Management gibt es eine Tendenz zu mehr Flexibilität: keine festen Arbeitsplätze, öfter wechselnde Projektzuständigkeiten oder Stellenprofile, die der Entwicklung der betreffenden Mitarbeiter folgen. Wie verträgt sich das mit Diversity-Management?

Jent: Die Flexibilisierung der Arbeit gehört zu einem der drei Pfeiler, die ein konsequentes Diversity Management verlangt. Durch höhere Flexibilisierung der Arbeit lassen sich viele verschiedenartige Menschen oder Arbeitskräfte, also auch solche mit Behinderung, effektiver in den Arbeitsprozess einbinden. Insofern sind Flexibilisierung und Diversity beinahe  Synonyme.

Apropos Flexibilität: Ich habe gehört, dass Sie, Herr Schoss, an Reinkarnation glauben. Hat Ihnen das nach Ihrem Unfall geholfen?

Schoss: Je grösser die Herausforderung, desto mehr Chance zur Entwicklung hat man ja. Und ich glaube tatsächlich, dass ich durch das, was da passiert ist, ein reiferer Mensch geworden bin. Vielleicht ein bisschen weiser. Im Glauben an viele nachfolgende Leben ist es natürlich höchst sinnvoll, dass man einen Erfahrungszuwachs hat.

Woran glauben Sie, Herr Jent?

Jent: Nach dem Unfall machte mein Herz während der Operation eine rund achtminütige Verschnaufpause. Wieso es dann wieder anfing zu schlagen, das war selbst für die Ärzte ein Wunder. Aufgrund dessen habe ich mir gesagt: `Es muss eine höhere Kraft geben`. Ein Gott oder wie immer man dies nennt, das bewirkte, dass ich wieder ins Leben zurückgeholt wurde und dass mein Herz wieder zu schlagen begann. Für mich ist das eine Energie, die wir Menschen mit unserem Miniverstand nicht begreifen können. Da ich nicht an Zufall glaube, musste es einen mir verborgenen Sinn haben, dass ich dieses zweite Leben erhalten hatte. Auch für mich war der Unfall und mein zweites Leben die Chance, mein Leben besser zu machen. Ich hatte vor dem Unfall viel zu viele Möglichkeiten, die mir offen standen. Es war mir kaum möglich, mich zu fokussieren. Durch die Unfallfolgen schrumpften die Optionen dagegen dramatisch gegen Null, was es mir ungemein erleichtert, mich aufs Essenzielle zu fokussieren. Heute wage ich zu behaupten, dass ich in meinem ersten Leben in meiner persönlichen Entwicklung nie dahin gekommen wäre, wo ich heute bin.

Herr Schoss, gibt es etwas, um dass Sie Herrn Jent beneiden?

Schoss: Um seinen Professorentitel, um seinen Doktortitel, um sein Gedächtnis, um all die Fähigkeiten, die er kompensatorisch entwickelt hat, um mit seiner Behinderung umgehen zu können.

Umgekehrt: Worum beneiden Sie Herrn Schoss?

Jent: Um sein fantastisches Werkzeug, seine linke Hand, die zu so viel mehr dient, als meine spastischen zwei Hände. Um die ausserordentlich klar strukturierte Logik seines Denkens. Und nicht zuletzt um sein phänomenales Netzwerk, mit dem er es schafft, Menschen kennenzulernen und für unsere Arbeit zu interessieren. Das finde ich absolut genial.

Gibt es etwas, das Sie sich im Zusammenhang mit unserem Thema besonders wünschen würden?

Schoss: Vorhin tauchte das Stichwort „Berührungsängste“ auf. Dazu beizutragen, diese abzubauen, ist mir ein ganz grosses Anliegen. Und wenn jeder, der dieses Interview liest, bei der nächsten Begegnung mit einem Menschen mit Behinderung seine Berührungsängste überwände, hätten wir unendlich viel gewonnen.

Jent: Was ich mir wünsche ist, dass man Menschen mit Behinderung mit Achtung und Respekt begegnet, auch mit Neugier, ohne Angst vor Fettnäpfchen, ohne Furcht, selbst auf die eigene Verletzlichkeit aufmerksam zu werden, und immer in der Werthaltung der gleichen Augenhöhe. So gewinnen wir alle und finden zum wahrhaften Miteinander.

Interview: Astrid Eichstedt/Aktion Mensch
Fotos: Eberle-Schmid
Quelle: MENSCHEN. das magazin/Aktion Mensch

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