Die freie Arztwahl soll teurer werden

Arzt misst einem Patienten den Puls. (Bild: Philipp Flury/pixelio.de)
Managed Care: Wer den Arzt frei wählen will, soll künftig mehr bezahlen. (Bild: Philipp Flury/pixelio.de)

Das Parlament hat in der Herbstsession der Managed Care-Vorlage zugestimmt. Patienten, die ihren Arzt frei wählen wollen, sollen sich künftig stärker an den Kosten beteiligen. Gegen die Vorlage wurde erfolgreich das Referendum ergriffen. Die Vorlage kommt im Jahr 2012 vors Volk.

Das Gesundheitssystem der Schweiz ist leistungsstark und es befriedigt die Bedürfnisse der Patienten. Es ist aber auch nach wie vor teuer, ineffizient und zu wenig transparent. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Analyse von OECD und WHO.  

Die Politik versucht seit Jahren mit beschränktem Erfolg, die Kosten in den Griff zu bekommen. Ein Ansatz dazu ist die Managed Care-Vorlage. Nach jahrelangen Diskussionen fand in der Herbstsession 2011 der eidgenössischen Räte ein Kompromiss eine Mehrheit.

Anreize für Wechsel zu Ärztenetzwerk schaffen

Umstritten war vor allem das Anreizmodell, wie die Menschen überzeugt werden sollen, in ein Managed Care-Modell wie ein Ärztenetzwerk zu wechseln. Heute sind nur gerade zehn Prozent der Versicherten einem integrierten Versorgungsnetz angeschlossen. Angestrebt wird ein Anteil von 60 Prozent.

Von linker Seite wurde vorgeschlagen, die Menschen mit einem tieferen Selbstbehalt in ein entsprechendes Versicherungsmodell zu locken. Durchgesetzt hat sich aber genau das Gegenteil. Und so soll wer auch künftig seinen Arzt frei wählen will, dafür einen höheren Selbstbehalt hinnehmen müssen.

Selbstbehalt soll auf 15 Prozent steigen

Dieser liegt heute bei 10 Prozent und beträgt maximal 700 Franken im Jahr. Neu soll er auf 500 Franken sinken, wenn man einem Ärzte-Netzwerk angeschlossen ist. Wer den Arzt dennoch frei wählen will, zahlt künftig einen Selbstbehalt von 15 Prozent, maximal 1000 Franken im Jahr.

Drei Jahre Zeit für Krankenkassen

Zum Ärger der SP wird den Krankenkassen nicht vorgeschrieben, in der ganzen Schweiz mindestens ein Managed Care-Modell anzubieten. Nach den Beschlüssen der Räte haben die Versicherer drei Jahre Zeit, Angebote aufzubauen. Während dieser Zeit sollen die neuen Ansätze für den Selbstbehalt noch nicht gelten. Wenn sich dann zeigen sollte, dass es keine flächendeckenden Angebote gibt, kann der Bundesrat eine Angebotspflicht verhängen.

Hingegen dürfen die Krankenversicherer künftig selber keine Versorgungsnetze mehr führen und sich auch nicht finanziell daran beteiligen. Sie erhalten eine fünfjährige Übergangsfrist, die bestehenden finanziellen Verbindungen aufzulösen.

Stethoskop, Brille und Schreibutensilien auf einem Tisch. (Bild: Hautumm/pixelio.de)
Managed Care bedeutet eine von einer Hand gesteuerte Gesundheits- versorgung eines Patienten durch die gesamte Leistungskette. (Bild: Hautumm/pixelio.de)

FMH bekämpft Vorlage mit Referendum

Ob diese Schritte aber überhaupt in Angriff genommen werden können, ist ungewiss. Gegen die Vorlage wurde das Referendum ergriffen. Die Initianten haben in nur drei Monaten über 130'000 Unterschriften gesammelt, mehr als doppelt so viel wie nötig gewesen wären. Sie wurden am 19. Januar bei der Bundeskanzlei deponiert. Gemäss einem Beschluss des Bundesrates wird das Volk nun noch in diesem Jahr das letzte Wort zu Managed Care sprechen können.

Das Referendumskomitee, das von der Verbindung Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH unterstützt wird, stört sich daran, dass die Vorlage die Arztwahl einschränken will und jene Patienten stärker zur Kasse gebeten werden sollen, die selber  entscheiden möchten, welchen Arzt sie aufsuchen.

Störend sei auch die obligatorische Budgetmitverantwortung: Es sei zu befürchten, dass künftig vor allem wirtschaftliche Kriterien über die Patientenbehandlung Einfluss nehmen würden, führen die Gegner an.

Hausärzte verweigern Gefolgschaft

Die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) unterstützte das Referendum, hingegen verweigerte ausgerechnet der Verband Hausärzte Schweiz die Gefolgschaft. Aus Sicht der Schweizer Haus- und Kinderärzte ist die vom Parlament verabschiedete Gesetzesrevision nicht perfekt, aber als ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung zu werten.

Mit der Vorlage werde die Hausarztmedizin als wesentlicher Bestandteil der Grundversorgung gestärkt; eines der zentralen Anliegen der Volksinitiative des Berufsverbandes „Ja zur Hausarztmedizin“ wäre damit umgesetzt.

Bundeshaus in Bern. (Bild: Schweizer Parlament)
Das Parlament hat sich für die Managed Care-Vorlage ausgesprochen. Doch die Gegner haben das Referendum ergriffen. (Bild: Schweizer Parlament)

Hintergrund: Managed Care

Managed Care bezeichnet ein medizinisches Versorgungskonzept, das eine ganzheitliche,  von einer Hand gesteuerte Gesundheitsversorgung durch die gesamte Leistungskette und über alle Versorgungssektoren hinweg gewährleisten soll.

Vorrangiges Ziel von Managed Care-Organisationen ist die Steuerung der medizinischen Versorgung nach ökonomischen Gesichtspunkten zum Zwecke der Kostenkontrolle. Gleichzeitig soll eine Verbesserung der Diagnose und Therapie, also der Qualität der Behandlung, erreicht werden.

Managed Care ist heute aktueller denn je. Aber bereits in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden in den USA erste Modelle zu Managed Care entwickelt. In den 70er Jahren sorgte der steigende Kostendruck des Gesundheitssystems für eine grössere Bedeutung von Managed Care in den USA.

In der Schweiz wurden erste Modelle in den 90er Jahren installiert: In Health Maintenance Organisations HMO schlossen sich medizinische Leistungserbringer wie Hausärzte, Spezialisten, Physio-, Psycho- und Ergotherapeuten oder Spitäler zusammen.

Neben den HMO hat sich in der Zwischenzeit vor allem das Hausarztmodell durchgesetzt. Dabei verzichten die Versicherten auf die freie Arztwahl und verpflichten sich, in jedem Behandlungsfall zuerst den Hausarzt aufzusuchen. Dieser übernimmt die Behandlung oder koordiniert das weitere Vorgehen innerhalb eines Netzwerks.

Ein integriertes Versorgungsnetz im Rahmen von Managed Care muss alle Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung anbieten können.


Text: Patrick Gunti - 11/2011 / 01/2012

Bilder: pixelio.de

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