Leichte Sprache in der Schweiz: «Jetzt ist die richtige Kommunikation wichtig.»

Helena Jansen vom Kompetenzzentrum leicht·und·einfach
Helena Jansen vom Kompetenzzentrum leicht·und·einfach

In Deutschland gehören sie schon fast zum Standard. In der Schweiz sind sie noch relativ selten: Texte in Leichter Sprache. «Verfasser von Texten in vereinfachtem Deutsch müssen mithelfen, Vorurteile abzubauen», ist Helena Jansen, Leiterin des Kompetenzzentrums leicht·und·einfach überzeugt.

Helena Jansen leitet das Kompetenzzentrum leicht·und·einfach in Bern. Das Kompetenzzentrum verfasst und gestaltet Texte in Leichter Sprache und in Einfacher Sprache und setzt komplexe Kommunikationsprojekte barrierefrei um. Das Kompetenzzentrum arbeitet nach den wissenschaftlich fundierten Leichte-Sprache-Regeln von Prof. Dr. Ursula Bredel und Prof. Dr. Christiane Maass von der Universität Hildesheim.

MyHandicap: Frau Jansen, braucht die Schweiz Texte in Leichter Sprache?

Helena Jansen: Eindeutig ja. Einfach verständliche Texte erleichtern allen Menschen ein selbstbestimmtes Leben und die Teilhabe an der Gesellschaft. Das ist in der Schweiz nicht anders als in Deutschland oder Österreich.

MyHandicap: Trotzdem sind Texte in Leichter Sprache in der Schweiz noch die Ausnahme. Wieso?

Helena Jansen: Grundsätzlich ist die Kluft zwischen Amtsdeutsch und Leichter Sprache bei uns nicht ganz so gross wie in Deutschland und Österreich. Die Schweizer Verwaltung bemüht sich explizit darum, «Fachchinesisch» zu vermeiden. In Deutschland und Österreich haben Vereine über Jahre aus gesellschaftspolitischen Motiven heraus für die Leichte Sprache gekämpft. In der Schweiz ist diese Bewegung weniger stark ausgefallen. Und es gibt natürlich auch rein ökonomische Gründe: Als kleines Land verfügt die Schweiz über einen vergleichsweise kleinen Markt für Texte in Leichter Sprache. Dass wir darüber hinaus auch noch viersprachig funktionieren, macht die Sache nicht einfacher.

MyHandicap: Was müsste denn geschehen, dass auch in der Schweiz mehr Texte in Leichter Sprache verfasst werden?

Helena Jansen: Ich denke, es ist nur noch eine Frage der Zeit, dass Verwaltungseinheiten mit der Übersetzung von Inhalten in die Leichte Sprache starten. 2014 wurde die UNO–Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2006 auch von der Schweiz ratifiziert. Auf Bundesebene setzt sich der Eidgenössische Beauftragte für die Gleichstellung von Behinderten (EBGB) für Barrierefreie Kommunikation ein. Die Schweizer Forschung interessiert sich heute für das Thema: Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften führt neu ein Zentrum für Barrierefreie Kommunikation. Und auch private Anbieter haben damit angefangen, Texte in Leichte Sprache zu übersetzen. Es gibt also starke Anzeichen für eine Trendwende. Ganz wichtig ist jetzt die richtige Kommunikation. Sie kann mithelfen, das Vertrauen in die Leichte Sprache zu stärken.

MyHandicap: Was meinen Sie damit?

Helena Jansen: Verfasser von Texten in vereinfachtem Deutsch müssen mithelfen, Vorurteile abzubauen. Die Botschaften sind klar: Texte in Leichter Sprache sind auch in der Schweiz immer eine Ergänzung zu den Ursprungstexten – niemals ein Ersatz. Zudem halten sich Texte in Leichter Sprache immer an die grammatikalischen und orthographischen Regeln der deutschen Sprache. Es ist wichtig, dass Absender von Texten in Leichter Sprache diese Grundsätze einhalten. Damit wird auch dem grössten Skeptiker klar, dass die Leichte Sprache in keiner Weise die Schönheit und Vielfalt der deutschen Sprache gefährdet. Im Gegenteil: Sie ermöglicht Menschen mit schwacher Lesekompetenz den Zugang zu dieser reichen Welt.

Text & Bild: MyH / Helena Jansen - 06/2018

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