Leichter lesen – leichter leben

Illustration Leichte Sprache
Durch die Leichte Sprache erhalten alle Menschen Zugang zu wichtigen Informationen. (Bild: Büro Leichte Sprache Basel)

Seit 13 Jahren gibt es ein Gesetz, das die Gleichstellung von Menschen mit Beeinträchtigung gewährleisten soll. Die Befähigung aller Menschen beginnt mit dem Zugang zu Information. Die Übersetzung von schwierigen Texten in „Leichte Sprache“ kommt auch vielen anderen zugute, die mit komplexen Formularen, Gebrauchsanleitungen oder Beipackzetteln überfordert sind.

Weshalb braucht es Leichte Sprache?

Im Jahr 2002 hat die Bundesversammlung der schweizerischen Eidgenossenschaft ein Gesetz der besonderen Art verabschiedet: das „Bundesgesetz über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderung“. Laut Gesetz müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es diesen Menschen ermöglichen, soziale Kontakte zu pflegen und sich aus- und fortzubilden. Somit sollten Menschen mit kognitiven Defiziten möglichst ungehinderten Zugang zu Informationen erhalten, die für Menschen ohne Beeinträchtigung eine Selbstverständlichkeit sind. Denn Barrierefreiheit beginnt bei der Kommunikation.

Wer profitiert von Leichter Sprache?

Die „Leichte Sprache“ richtet ihren Fokus nicht nur auf Menschen, die als Menschen mit kognitiven oder psychischen Beeinträchtigungen eingestuft werden. Viele andere Menschen sind auf „Leichte Sprache“ angewiesen: Menschen mit Lernschwierigkeiten, funktionalem Analphabetismus, geringem Bildungsniveau, Sinnesbehinderung (z.B. Gehörlosigkeit), Aphasie, Autismus, Legasthenie, sowie ältere, vor allem demenzkranke Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund.

Gemäss einer im Jahr 2007 durchgeführten Studie des Büros für „Arbeits-und Sozialpolitische Studien“ sind in der Schweiz knapp eine Million Personen von Leseschwäche betroffen. Etwa zwei Drittel dieser Personen haben mindestens die Hälfte der Schulbildung in der Schweiz absolviert, und etwas mehr als 60% geben an, dass Deutsch ihre Muttersprache sei.

Rund 20% der Menschen in unserem Land sind also mit gängigen Texten überfordert. Da stellt sich die Frage, ob nicht auch Behörden, Anbieter öffentlicher Dienste und Firmen von der „Leichten Sprache“ profitieren könnten. Amtliche Mitteilungen, Bedienungsanleitungen oder beispielsweise Beipackzettel von Medikamenten sind oft in einer Sprache abgefasst, bei der auch lesekundige Menschen an ihre Grenzen stossen. Das führt zu Missverständnissen und Rückfragen, die beim Absender einen beträchtlichen Mehraufwand zur Folge haben.

Eine Illustration zur Leichten Sprache
Texte in „Leichte Sprache“ zu übersetzen ist nicht leicht. (Bild: Büro Leichte Sprache Basel)

Wie ist die Leichte Sprache entstanden?

In den 1970er Jahren kam in den USA die Bewegung „People First“ auf. Eine Gruppe von Menschen mit Lernbehinderung setzte sich zum Ziel, gesellschaftliche Nachteile für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung abzubauen. Im Zuge dieser Bemühungen entwickelte sich auch die Leichte Sprache. 

Die ersten Büros für Leichte Sprache im deutschen Sprachraum entstanden in den 1990er Jahren in Deutschland. Treibende Kraft war dabei die Bewegung „Mensch zuerst“. Wie in den USA stand dahinter eine Gruppe von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, die sich für ihr Recht auf Selbstbestimmung einsetzten.

2014 wurden in der Schweiz die ersten Büros für Leichte Sprache gegründet. Die „Pro Infirmis“ in Zürich und das „Büro für Leichte Sprache des Wohnwerks“ in Basel bieten seither ihre Dienste an.

Wie funktioniert Leichte Sprache?

Texte in „Leichte Sprache“ zu übersetzen ist nicht leicht. Für Übersetzerinnen und Übersetzer sind ein hohes Mass an sprachlicher Kompetenz und Kreativität, sowie eine entsprechende Schulung erforderlich. Es gilt Regeln zu beachten, bei deren Ausarbeitung Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung federführend waren.

Die Regeln beziehen sich unter anderem auf die korrekte Verwendung von Wörtern. Sie schreiben aber auch vor, wie Zahlen und Zeichen korrekt wiedergegeben werden und wie der Satzaufbau gestaltet werden soll.

Besonderes Augenmerk gilt dem Layout. Schriftgrösse und ein grosser Zeilenabstand sind entscheidend, wenn es um die Lesbarkeit eines Textes geht. Ausserdem wird die Verständlichkeit des Textes durch die Verwendung von Bildern unterstützt.

Bevor ein Text in Leichter Sprache veröffentlicht wird, muss er von geschulten Prüferinnen und Prüfern hinsichtlich seiner Verständlichkeit gegengelesen werden. Die Prüfgruppe setzt sich aus Menschen mit einer Leseschwäche zusammen, denn nur sie können letztendlich beurteilen, ob ein Text leicht lesbar ist.

Text: Martin Häne - 06/2015
Bilder: Büro Leichte Sprache Basel

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