Fallpauschale: Mehr Transparenz in Schweizer Spitälern

Aussenansicht eines Krankenhauses mit leuchtendem Schriftzug. (Bild: Thorben Wengert/pixelio.de)
Im Rahmen der neuen Spitalfinanzierung gelten ab 2012 Fallpauschalen. Neu wird die gesamte medizinische Leistung pro Behandlungsfall vergütet. (Bild: Thorben Wengert/pixelio.de)

Vorbehalten zum Trotz ist am 1. Januar 2012 die diagnosebasierte Fallpauschale flächendeckend eingeführt worden. Das System soll die Kosten für medizinische Leistungen schweizweit vergleichbar und transparent machen.

Die schweizerische Spitalfinanzierung hat 2012 eine Revolution erlebt. Am 1. Januar 2012 wurden Fallpauschalen eingeführt. Dies bedeutet, dass bei Patienten nicht mehr pro Tag oder nach einzelnen Leistungen abgerechnet wird. Stattdessen wird die gesamte medizinische Leistung pro Behandlungsfall pauschal vergütet. Seither übernehmen die Kantone mindestens 55 Prozent der Spitalkosten, die Krankenkassen höchstens 45 Prozent. Die Fallpauschalen decken den auf den kantonalen Spitallisten eingetragenen Spitälern sämtliche Behandlungskosten inklusive der Investitionen.

Gleiches Geld für gleiche Leistung

Das Prinzip lautet „gleiches Geld für gleiche Leistung“. Es bedeutet, dass vergleichbare Behandlungsfälle mit den gleichen Leistungen immer ein und derselben Fallpauschale zugeordnet und entsprechend schweizweit zum gleichen Tarif verrechnet werden. Mit der Fallpauschale sollen die Leistungen und die Qualität der Spitäler transparenter und vergleichbarer werden und damit der Leistungswettbewerb steigen.

Als Beispiel kann eine Blinddarm-Operation dienen. Sie kostet jetzt in allen Spitälern der Schweiz gleich viel. Dies geschieht unabhänig davon, welcher Arzt operiert, wie lange die Operation dauert, ob Komplikationen auftreten oder nicht, wie viele Medikamente benötigt werden und wie lange der Patient anschliessend im Spital bleiben muss.

Zwei Ärzte operieren einen Patienten. (Bild: Martin Büdenbender/pixelio.de)
Mit dem Fallpauschalen-System sollen Operationen im kommenden Jahr in allen Spitälern der Schweiz gleich viel Kosten. (Bild: Martin Büdenbender/pixelio.de)

Ein Blick zurück

Das Thema Fallpauschale wurde in der Schweiz im Jahre 2004 von Ärzten, Spitälern, Krankenversicherern sowie den Kantonen lanciert. Es floss in die neue Spitalfinanzierung ein, welche das Parlament im Jahre 2007 verabschiedete. 2008 wurde die SwissDRG AG (DRG = Diagnose Related Groups) gegründet, die die Tarifstruktur in den Spitälern vereinheitlichen und transpartenter machen soll.

Die SwissDRG-Aktionäre sind die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren, der Spitalverband H+, der Krankenkassenverband santésuisse, die Medizinaltarifkommission und die Vereinigung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH.

Das neue Fallpauschalen-System hat trotz dieser breiten Abstützung zahlreiche Befürworter und Gegner auf den Plan gerufen. Welche der erhofften oder eben befürchteten Szenarien letztendlich eintreffen werden, wird die Zukunft zeigen.

Befürworter erhoffen sich Verbesserungen wie

  • Vergleichbarkeit und Transparenz der Leistungen in den Spitälern
  • eine leistungsgerechte Vergütung
  • Beseitigung von Fehlanreizen im System, zum Beispiel dass Patienten länger im Spital bleiben, als nötig
  • die Möglichkeit für Spitäler, Sparpotenziale zu nutzen, Prozesse zu optimieren, die Effizienz zu steigern und so Kosten zu sparen
  • eine Stärkung der Zusammenarbeit zwischen den Fachdisziplinen und Institutionen innerhalb der Spitäler
  • eine Zunahme der Spezialisierung der einzelnen Spitäler auf bestimmte Fachgebiete
  • die Vereinfachung einer kantonsübergreifenden Spitalplanung
  • Patientinnen und Patienten profitieren langfristig von einem abgestimmten Behandlungsprozess und dem zunehmenden Qualitätswettbewerb

Dem halten die Gegner entgegen, dass

  • Patienten aus Kostengründen weniger lang, dafür mehrmals behandelt werden. Im Klartext befürchten die Gegner, dass die Patienten früher nach Hause geschickt werden, wenn die Fallpauschale einen längeren Aufenthalt nicht abdeckt
  • Fallpauschalen Anreize bieten, sich auf standardisierte Fälle zu spezialisieren und die Versorgung komplexerer Fälle dadurch eingeschränkt oder verlagert wird
  • der administrative Aufwand steigt und so weniger, oder noch weniger Zeit für die Patienten zur Verfügung steht
  • die Spitalfinanzierung über Fallpauschalen in erster Linie als Kostensenkungs-Programm missbraucht wird oder dass
  • Spitäler nur noch Patienten aufnehmen, deren Behandlung routiniert und ökonomisch durchgeführt werden kann, während Patienten mit aufwändigeren und risikoreicheren Behandlungen von Spital zu Spital weitergereicht werden
Akten. (Bild: Rainer Sturm/pixelio.de)
Angestellte im Gesundheitswesen befürchten einen steigenden administrativen Aufwand. (Bild: Rainer Sturm/pixelio.de)

Freie Spitalwahl

Im Zuge der neuen Spitalfinanzierung gilt ab 2012 auch die freie Spitalwahl. Patienten können sich in der ganzen Schweiz behandeln lassen, sofern das Spital auf der Liste des Wohnkantons steht. Die effektive Höhe der Spitalrechnung hängt aber immer noch vom kantonalen Spitaltarif ab. Dieser ist derzeit noch nicht überall verbindlich festgelegt. Daher müssen Patienten auch in Zukunft bei freiwilligen ausserkantonalen Behandlungen allfällige Mehrkosten selber berappen.


Text: Patrick Gunti upd 07/2014

Bilder: pixelio.de

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