Mein Freund, die Pflegekraft?

Eine Pflegefachkraft hebt den Oberkörper eines älteren Mannes hoch (Bild: Gerda Mahmens/pixelio.de)
Die Pflege behinderter Menschen ist nicht nur körperlich, sondern auch psychisch anstrengend. (Bild: Gerda Mahmens/pixelio.de)

Menschen, die in ihrem Beruf andere Menschen pflegen, sind hohen Belastungen ausgesetzt - körperlicher, aber auch psychischer Natur. Über die Herausforderung von Pflegefachkräften, die nötige professionelle Distanz zu ihrem Job zu wahren.

Die Pflege von schwerbehinderten Menschen ist ein knochenharter Job. Erstens, weil die pflegerischen Aufgaben körperlich anspruchsvoll sind und innerhalb oft knapp bemessenen Zeitbudgets erledigt werden müssen. Zweitens wird von verschiedenen Interessenverbänden immer noch die niedrige Bezahlung bemängelt.

Und nicht zuletzt schlägt sich der Pflegeberuf mitunter auch auf die Psyche nieder. Wie stressig der Job ist, bestätigte eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts aus 2012.

All dies trägt zu einer hohen Gesamtbelastung für Pflegekräfte bei - und dazu, dass es dem Pflegeberuf insgesamt an Attraktivität mangelt und hierzulande ein Pflegefachkräftemangel herrscht. Der psychische Stress, dem viele Pflegeende ausgesetzt sind, liegt einerseits an der berufsbedingten Nähe zu Menschen mit schweren Schicksalen, aber auch an der Schwierigkeit, das Private vom Beruf zu trennen.

Kräftezehrend: Die Pflege von behinderten Menschen

Die alltägliche, körperbetonte, ja vertrauliche Nähe zwischen Pflegekräften und behinderten Klienten lässt die Grenzen zwischen dem Beruf und dem Privaten oft verschwimmen. Warum gilt es, genau dies zu verhindern? Und wie kann es Pflegenden gelingen, nach Feierabend von ihrem Beruf abzuschalten und die professionelle Distanz trotz intimer Nähe zu wahren?

Thomas Betz kennt diese Schwierigkeiten aus eigener, langjähriger Erfahrung als Krankenpfleger: „Die Arbeit mit behinderten und kranken Menschen ist nicht nur physisch sehr anstrengend, sondern auch psychisch. Zum Beispiel geht es dem zu betreuenden Klienten schlecht, es fallen Arbeiten an, die über das „Normale“ hinaus gehen oder es gibt personelle Probleme. Daher ist es wichtig, für sich einen Weg zu finden, der einem die Möglichkeit bietet, nach der Arbeit abzuschalten. Dies gelingt je nach aktueller Situation mal besser und mal gelingt es überhaupt nicht.“

Drahtseilakt zwischen Nähe und professioneller Distanz

Brigitte Urban-Appelt bestätigt dies. Als ausgebildete Krankenschwester mit Zusatzausbildung bildet sie heute Pflegekräfte aus. Sie hält „die Trennung von Job und Privatleben wesentlich für den Leistungserhalt, für die Objektivität und für die Kreativität im Beruf wie im Privaten.“

Gerade bei Berufseinsteigern gilt es daher, auf sich zu achten, wenn die tägliche Arbeit über das geforderte Mass hinaus geht, so Urban-Appelt weiter: „Dies geht am Anfang gut und es stellt sich oft ein gutes Gefühl ein.

Später kann dies aber zunehmend zur Belastung werden, Probleme werden in den eigenen Familienalltag mitgebracht. Ebenso wird durch pflegerisches Handeln Nähe geschaffen, wo aus Empathie durchaus 'Mitleiden' entsteht. Und dann ist es nur ein kleiner Schritt zum ‚Mitnehmen‘ ins Privatleben.“

Intensivpfleger Thomas Betz mit einem Klienten im E-Rollstuhl vor einem Sandstrand (Bild: Häusliche Intensiv Pflege Tamme)
Urlaubsbegleitung: Pfleger verbringen nicht selten mehr Zeit mit ihren Klienten als mit dem eigenen Partner. (Bild: Häusliche Intensiv Pflege Tamme)

Insbesondere ambulante Pflegekräfte betroffen

Betz wie Urban-Appelt sehen die Herausforderung der professionellen Distanz jedoch vor allem im ambulanten Bereich. Weil es im stationären Bereich eine Arbeitsteilung im Bezug zwischen pflegerischen und hauswirtschaftlichen, alltagsbegleitenden Aufgaben gebe, diese aber im ambulanten Dienst nicht immer eingehalten werden könne.

Betz kann das bestätigen: „Die Verweildauer eines Patienten in der Klinik ist normalerweise nur von kurzer Dauer. Ich betreue einen Klienten in der ausserklinischen Intensivpflege dagegen bereits seit fünf Jahren. Da verwischt das Verhältnis vom Klient zum Betreuer in grossem Masse. Abgrenzungsversuche sind sehr schwierig umzusetzen, da man auch viele private Dinge nach einer gewissen Zeit miteinander teilt - gewollt und ungewollt.“

„Wir sehen unsere Tätigkeiten nicht nur in der Pflege, sondern begleiten unsere Klienten auch in den Urlaub. Wir gehen gemeinsam auf Veranstaltungen, Ausflüge oder Behördengänge. Dadurch entsteht eine Bindung, die mit der Arbeit in einer Klinik nicht zu vergleichen ist. Es gibt durchaus Situationen, da verbringt man mehr Zeit mit einem Klienten als mit dem eigenen Partner.“

Duschen als Grenzmarkierung

Manche Pflegekräfte entwickeln deshalb Rituale, die beim Abschalten helfen sollen. Wenn etwa Betz nach der Arbeit zuhause angekommen ist und seine Ehefrau, die als Krankenschwester arbeitet, anwesend ist, reden sie kurz über das Erlebte. „Danach gehe ich duschen. Und das Duschen ist für mich persönlich das Zeichen: ‚Jetzt bist du in deiner Freizeit und die Arbeit ruht‘“, berichtet Thomas Betz, der als Pfleger auf der Intensivstation tätig ist.

Menschen im Pflegeberuf ist daher anzuraten, auf Symptome wie Schlaflosigkeit, Stimmungsschwankungen, Bluthochdruck, ständiges Nachdenken oder Beschwerden im Stütz- und Bewegungsapparat ernst zu nehmen – allesamt Anzeichen für ein "Nicht-mehr-abschalten-können“.

Was tun bei Überforderung?

Demnächst möchte Betz für seinen aktuellen Verantwortungsbereich neben den Team- und Fallbesprechungen auch Gesprächsrunden anbieten und gegebenenfalls professionelle Unterstützung heranziehen. Er liegt damit in einer Linie mit Urban-Appelt. Diese empfiehlt, dass zur Prävention zusätzlich zu den erwähnten Gesprächsangeboten ebenfalls Kommunikationstrainings angeboten und in Anspruch genommen werden sollten.

Auch ein offenes Gespräch mit dem behinderten Klienten kann Abhilfe schaffen und für klare Regeln sorgen. „Kommt es dennoch zu Fällen, wo die professionelle Trennung nicht mehr gewährleistet werden kann, empfehle ich Trainings zum Selbstmanagement sowie Stressbewältigungsübungen. Greifen selbst diese Massnahmen nicht, sollte im Extremfall ein Arbeitsplatzwechsel in Erwägung gezogen werden“, so Urban-Appelt.

 

Text: Thomas Mitterhuber – 11/2013

Fotos: Häusliche Intensiv Pflege Tanne, pixelio.de

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