Null Toleranz bei Verdacht auf Missbrauch in der Pflege

Der dunkle Schatten eines Mannes an einer Mauer. (Bild: CFalk/pixelio.de)
Menschen mit Behinderungen müssen konsequent vor sexuellem Missbrauch und anderen Übergriffen geschützt werden. (Bild: CFalk/pixelio.de)

Der Fall des Sozialtherapeuten H.S., der über eine Zeitdauer von drei Jahrzehnten über 120 Menschen mit Behinderung sexuell missbrauchte, hat viel ins Rollen gebracht. Verbände, Institutionen und Organisationen haben die Prävention verstärkt, Richtlinien wurden erlassen oder angepasst. Deren Umsetzung muss weiter vorangetrieben werden.

13 Jahre Haft, aufgeschoben zugunsten einer stationären therapeutischen Massnahme, aber keine Verwahrung. Der ehemalige Sozialtherapeut H.S. büsst damit für seine schändlichen Taten. Ob das Urteil hart genug ist, ist Ansichtssache. Wie hoch die Strafe auch immer - das begangene Unrecht lässt sich nicht wieder gutmachen. Klar ist zumindest, dass der heute 57-jährige sicher nie mehr ins Berufsleben zurückkehren wird.

Missbrauchs-Schutz für jeden Einzelnen

Der grösste Missbrauchsfall der Schweiz ist in seinem Ausmass einzigartig. Aber es geht nicht nur um einen so grossen Fall. Es geht um den Schutz jedes Einzelnen, um den Schutz von Menschen mit Behinderung, die nicht in der Lage sind, sich zu wehren oder auf das ihnen zugefügte Leid aufmerksam zu machen.
Verbände, Institutionen und Organisationen im Sozialbereich mussten sich nach Bekanntwerden des Falles H.S. unangenehme Fragen gefallen lassen. Wie konnte es sein, dass der Mann während drei Jahrzehnten und trotz Alarmsignalen immer wieder eine Anstellung fand? Wie konnte sein schändliches Verhalten so lange unentdeckt bleiben? Mit welchen Vorkehrungen sollten solche Vergehen in Zukunft verhindert werden?

Prävention und Null-Toleranz-Politik

Die Heim- und Behindertenverbände wurden aktiv. Zwölf Verbände, Organisationen und Institutionen präsentierten Ende 2011 eine Charta (siehe Linkbox unten), mit der sie sich zu Präventionsmassnahmen, zu einer Sensibilisierung und zu einer Null-Toleranz-Politik verpflichten. 

Institutionen und Organisationen, die die Charta unterzeichnet haben, müssen über Konzepte, Strategien und Massnahmenpläne verfügen. Das Vorgehen bei einem Verdacht auf Missbrauch oder einem Fall von sexuellem Missbrauch ist geregelt und muss allen Mitarbeitenden, den betreuten Personen und den Angehörigen bekannt sein. Jedem Verdacht wird nachgegangen, und der Grundsatz dabei lautet: Null Toleranz.

Die Hände eines Mannes in Handschellen. (Bild: Rike/pixelio.de)
Institutionen und Organisationen wollen eine konsequente Null-Toleranz-Politik verfolgen. (Bild: Rike/pixelio.de)

Stellenbewerber müssen Strafregisterauszug vorlegen

Eine Schlüsselrolle nimmt die Auswahl der Mitarbeitenden ein. Eine strengere Prüfung der Stellenbewerber soll verhindern, dass sich so etwas wie im Fall von H.S., der jedes Mal, wenn sich - bei Referenznachfragen verschwiegene - Verdachtsmomente ergaben, die Stelle wechselte, nicht wiederholt. Zur Anstellungsvoraussetzung gehört die Einforderung eines Strafregisterauszuges. Eine sorgfältige Prüfung der Zeugnisse und das Einholen von Referenzen, die auch zum Umgang mit Nähe und Distanz Auskunft geben, muss selbstverständlich sein.

Verschärft wird das Problem in diesem Bereich durch den Fachkräftemangel in der Pflege, der bereits heute akut ist und sich infolge der demographischen Entwicklung und nach Annahme der Zuwanderungsinitiative weiter zu verschärfen droht. Die Standards hoch zu halten, wenn Stellen kaum besetzt werden können, ist eine besonders grosse Herausforderung.

Abwehr zum Ausdruck bringen

Die Charta sieht aber auch eine Stärkung der Personen mit besonderem Unterstützungsbedarf vor. Menschen mit Behinderung sollen wissen, wie sie sich gegen Übergriffe zur Wehr setzen können und sie sollen Abwehr zum Ausdruck bringen können.

Sowohl für Personen mit Behinderung wie auch Mitarbeitende in den Institutionen und Organisationen gibt es eine interne Meldestelle mit einer fachlich kompetenten Ansprechperson und die Möglichkeit, sich an eine externe Stelle zu wenden.

"Die Lehren gezogen"

Ueli Affolter, Geschäftsführer des Heimverbandes Socialbern und Sprecher der nationalen verbandsübergreifenden Arbeitsgruppe Prävention, betonte nach dem Urteilsspruch gegen H.S.: “Wir haben unsere Lehren gezogen.” Nun müssten die Sensibilisierungsarbeit entschieden fortgesetzt und die Grundsätze konsequent umgesetzt werden.

Nationale Meldestelle gefordert

Für die Arbeitsgruppe ist Prävention aber nicht eine alleinige Aufgabe des Behinderten-, Betreuungs- und Pflegebereichs, die gesamte Gesellschaft und die Politik stehen ebenso in der Verantwortung. Die Arbeitsgruppe fordert deshalb die Bundesbehörden auf, im Rahmen eines Meldesystems ergänzend zu institutionsinternen und kantonalen Anlaufstellen eine unabhängige nationale Anlaufstelle für sexuelle Übergriffe zu schaffen.

H.S. ist verurteilt. Dem Rechtsstaat mag mit dem Urteil Genüge getan sein, die Opfer werden aber ein Leben lang an den Folgen des Missbrauchs leiden. Wenn dieser Fall überhaupt einen positiven Aspekt haben kann, dann der, dass heute eine erhöhte Sensibilität gegenüber dem Thema besteht. Die Umsetzung der in Angriff genommenen Massnahmen muss konsequent weiterverfolgt werden.


Text: Patrick Gunti 05/2014
Bilder: pixelio.de

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