Partnerbörse: Mehr als digitales Glück

Auf einer Notebook-Tastatur liegt eine Rose. Auf dem Bildschirm ist ein Herz und der Schriftzug @ Internet zu lesen. (Bild: La-Liana/pixelio.de)
Online-Partnerbörsen bieten Menschen mit einem Handicap Möglichkeiten, sich selber und ihre Fähigkeiten zu präsentieren. (Bild: La-Liana/pixelio.de)

Viele Menschen sind auf der Suche nach dem idealen Partner, und immer mehr versuchen ihr Glück bei einer Online-Partnerbörse. Gerade für Menschen mit Behinderung bieten diese Möglichkeiten, über Fähigkeiten und Abilites zu sprechen, und nicht von Beginn weg auf ein Handicap reduziert zu werden.

Renato sass in seinem Wohnzimmer und schaute fern. Fussball. Champions League. Der vermeintliche Underdog aus Basel lehrte einmal mehr einen Grossen das Fürchten. Aber irgendwie vermochte ihn das Spiel diesmal nicht zu fesseln. Zu viele Abende verbrachte er alleine zu Hause, zu viel Fernsehen, und zu viel Fussball. Er hatte es satt.

Innere und äussere Narben

Vor zehn Jahren hatte Renato einen Motorradunfall. Er hatte überlebt, und er war dankbar dafür. Aber der Unfall hatte Spuren hinterlassen. Sichtbare - und unsichtbare. Es waren eher die unsichtbaren, die seine langjährige Beziehung hatte in die Brüche gehen lassen. An ihnen hatte er in den letzten Jahren gearbeitet, und seiner Meinung nach kam er mit den Folgen des Unfalls heute gut zurecht.

Er wusste aber nicht, ob es die inneren oder die äusseren Narben waren, die ihn bisher davon abgehalten hatten, eine neue Beziehung einzugehen. Was er wusste war, dass er im landläufigen Sinn als behindert galt. Er sah das nur bedingt so, aber er verstand, dass die Leute ihn so sahen. Sein linker Arm war trotz mehrer Operationen mehr ein Anhängsel, eine Stahlplatte hielt seine Wirbelsäule aufrecht, er ertrug Lärm sehr schlecht, konnte sich nicht lange konzentrieren. Eine Narbe prangte auf seiner linken Gesichtshälfte und das linke Augenlid hatte auch schon bessere Zeiten gesehen.

Die Macht des ersten Eindruck

Er hatte sich zurückgezogen und war keine ernsthafte Partnerschaft mehr eingegangen. Er hatte Angst, auf das reduziert zu werden, was man sah. Wie hatte er doch früher immer doziert: "You never got a second chance to make a first impression." Freunde hatten ihm schon oft geraten, sein Glück doch mal über eine Online-Partnerbörse zu versuchen. "Quatsch! Ich bin zwar Single mit Niveau, aber nicht Akademiker", wies er die gutgemeinten Ratschläge jeweils mehr oder weniger humorvoll zurück. Die Dating-Werbung mit all den adretten Damen und Herren nervten ihn gehörig. Dennoch, wenn er nun so darüber nachdachte...

Schattenwurf eines sich küssenden Paares. (Bild: inopia07/pixelio.de)
Per Mausklick zum ersten Kuss? Ein Versuch ists wert. (Bild: inopia07/pixelio.de)

"...der Traumpartner"

Zehn Monate später: Für neue Höhenflüge in der Champions League hatte es dem FC Basel diesmal nicht gereicht. Aber Europa League war auch okay. 2:0 bei Halbzeit. Renato zappte durch die Programme und stoppte bei einem Werbespot, der gerade "ihr Traumpartner wartet auf Sie" propagierte. Renato schmunzelte und dachte an die letzten Monate zurück. Er hatte sich ein Herz gefasst und sich bei einer Online-Partnerschaftsagentur registriert.

Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten

Er hatte ausführlich über sich und seine Geschichte berichtet, einiges ausgespart, einiges beschönigt (wer tat das nicht?). Für ihn überraschend schnell hatten sich Kontakte ergeben.  Einige hatten sich schnell erledigt, andere pflegte er länger, und der Draht zu Alexandra, nun, der wurde intensiver. Sie tauschten sich aus, schrieben und sprachen zuerst über Hobbies und gemeinsame Interessen, über Reisen, über Beruf und Familie. Dabei fiel ihm eigentlich zum ersten Mal seit Jahren auf, was er seinem Handicap zum Trotz alles konnte, was er wusste, und zu was er fähig war. Ihm wurde klar, dass dies in vielerlei Hinsicht, mehr war, als vor dem Unfall. Er hatte sich nicht einfach nur verändert, er hatte sich weiterentwickelt.

Die Gespräche und Mails wurden persönlicher und was er von Alex, wie Renato sie heute nannte, hörte, ihre Ansichten und Einstellungen gefielen ihm. Er fasste Vertrauen, er war ehrlich. Als sie sich letztlich zum ersten Mal begegneten, war er nervös wie selten zuvor in seinem Leben, aber auch zuversichtlich, dass sie über seine unübersehbaren Einschränkungen hinweg in erster Linie Interesse an ihm als Person, an seinem Charakter, seinem Innern und seinen Fähigkeiten hatte. Er lag richtig. Er war ihm von Anfang klar gewesen, dass es auch bei dieser Art der Partnervermittlung keine Garantien gab. Er hatte auch Glück gehabt. Aber er war stolz darauf, dass er an seine Fähigkeiten geglaubt hatte.

... dass Alex mit Fussball nichts, aber auch rein gar nichts am Hut hatte, fiel entsprechend nicht weiter ins Gewicht. Heute genoss er den Fussballabend und den 3:0-Sieg der Basler in vollen Zügen.

 

Text: Patrick Gunti 04/2014
Bilder: pixelio.de

Keine Garantie zum Verlieben

Online-Partnerbörsen haben heutzutage Hochkonjunktur. Im Netz sind neben den grossen und bekannten Anbietern Hunderte weitere zu finden. Zu Beginn in die Schmuddelecke verbannt, ist Online-Dating mittlerweile normal. Studien zufolge besuchen mehr als die Hälfte der Singles mindestens einmal pro Monat ein entsprechendes Internetportal. Nicht alle suchen dabei gleich den Partner fürs Leben, manchmal gehts auch nur ums Flirten, manchmal einfach nur um Sex. Online-Plattformen bieten neue Möglichkeiten der Partnerwahl und mittlerweile gibt es auch zahlreiche Anbieter für bestimmte Single-Zielgruppen, auch für Menschen mit Behinderung. Zu ihnen gehört auch die Februar 2014 gestartete Plattform liebe-ohne-behinderung.ch.

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