Sexualassistenz - eine tabuisierte Chance

Sexualassistenz ist eine Profession im Sinne der Menschenrechte. (Bild: Pixabay.com)

Wenn Lust und Liebe sich nicht selbst ergeben, kann und darf nachgeholfen werden. Was viele mit Prostitution gleichsetzen, ist der Beruf von Sexualassistentinnen oder BerührerInnen - also von Menschen, die Menschen mit einer Behinderung zu sexueller Entfaltung verhelfen. Die Sexualassistenz ist eine noch immer oft tabuisierte Form gelebter Erotik von Menschen mit einer Behinderung.

Die Behindertenrechtskonvention ist das erste offizielle Dokument, welches Behinderung aus Sicht der Menschenrechte und Selbstbestimmung würdigt. Hierzu zählt auch die sexuelle Entfaltung, die in den Menschenrechten zwar nicht explizit erwähnt wird, wohl aber integraler Bestandteil der menschlichen Freiheit ist. So existiert auch eine separate Erklärung der sexuellen Menschenrechte, die von der Generalversammlung der World Association for Sexual Health (WAS) am 26.08.1999 in Hongkong verabschiedet wurde. In der Präambel heisst es: Sexualität ist integraler Bestandteil der Persönlichkeit jedes menschlichen Wesens. Ihre volle Entfaltung verlangt die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse wie Sehnsucht nach Kontakt, nach Intimität, nach Ausdruck von Gefühlen, nach Lust, Zärtlichkeit und Liebe.

Zweck dieses Übereinkommens ist es, den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch alle Menschen mit Behinderungen zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten und die Achtung der ihnen innewohnenden Würde zu fördern. (Art. 1 Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vom 13. Dezember 2006)

Zugang zur eigenen erotischen Erfahrungswelt öffnen 

Deshalb ist der Beruf von BerührerInnen oder SexualassistentInnen eine Profession im Sinne der Menschenrechte. Sie haben die Aufgabe, Menschen Grundbedürfnisse zu befriedigen, die diese nicht alleine befriedigen können. Ihr Auftrag ist die Bereitschaft, Intimität mit Menschen mit einer Behinderung zu teilen. Anders als in der Prostitution geht es also nicht um die willkürliche Befriedigung sexuellen Verlangens von KundInnen, sondern darum, einen gemeinsamen intimen Weg zu beschreiten, der über das Ausleben sexueller Kontakte hinaus den behinderten Menschen einen Zugang zur eigenen (erotischen) Erfahrungswelt öffnet.

Im Aufgabenfeld der Sexualassistenz liegen erotische Massagen, Übungen zur Körperwahrnehmung und Anleitungen zur Selbstliebe. (Bild: Pixabay.com)

Hilfe zur Selbsthilfe – ein Erfahrungsbericht

Martin, 25 Jahre alt, leidet seit seiner Kindheit an einer degenerativen Muskelerkrankung. Seit seinem 8. Lebensjahr ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Jugend verbrachte er bereits im Heim, in dem er noch heute in einer Wohngruppe lebt. Da Martin über eine normale Intelligenz verfügt, konnte er die Schule besuchen und sogar eine verkürzte kaufmännische Lehre absolvieren. Wie jeder junge Mensch entwickelte auch Martin sexuelle Gefühle. Doch leider blieben seine Versuche, eine Partnerin zu finden, bisher erfolglos. In den vergangen Jahren hatte er sich schon oft in Pflegerinnen verliebt. Doch diese konnten und durften seine erotischen Wünsche nicht erfüllen. Selbstbefriedigung ist für Martin unmöglich, da seine Arm- und Handmuskulatur durch seine Behinderung sehr geschwächt ist. So kam Martin mit der Zeit zunehmend in einen sexuellen Notstand.

Vor einigen Jahren ist er dann auf das Angebot der Sexualassistenz gestossen, welches er seither regelmässig in einem behindertengerecht eingerichteten Massagestudio in Zürich in Anspruch nimmt. Martin: "Als ich vor ein paar Jahren von den diversen Angeboten hörte, habe ich einiges ausprobiert. Ich habe gemerkt, dass für meine Art von Behinderung erotische Massagen ideal sind.“

Mehr Lebensfreude dank Zärtlichkeit

Esther, 42 Jahre, hat durch Sexualassistenz mehr Lebensfreude und –qualität gewonnen. Sie leidet an Krampf- und Schmerzattacken, die mehrere Wochen anhalten. Aufgrund der Erkrankung wurde sie arbeitslos und in ihrem Privatleben immer einsamer. Sie hatte lange aufgrund familiärer Erfahrungen Angst vor Sexualität und fühlte körperlich nur wenig. Sie selbst sagt: „Mit der Zeit verlor ich die Kraft das Schöne, das Kleine im Leben zu sehen. Depressionen kamen zu den Schmerzen hinzu.“ Sie meldete sich bei der Berührerin Michelle mit dem Wunsch, eine andere Frau zu umarmen. Zur ersten Begegnung erinnert sie sich: „Es war wunderschön, zum ersten Mal einen anderen nackten Körper zu spüren, diese schöne Wärme; ganz sanft und liebevoll berührt zu werden und selbst berühren zu dürfen war das Wunderbarste, das ich je erlebt hatte.“ Über eine längere Zeit wurden auch erotische Berührungen möglich. Dazu sagt Esther: „Mein Körper fühlt sich trotz der Krankheit seit den einfühlsamen Massagen und zärtlichen Berührungen viel entspannter und energievoller an. Ich habe gelernt, meinen schmerzenden Körper dank den Berührungen anzunehmen, zu akzeptieren und habe ihn lieb gewonnen.“

Esther ist nur ein Beispiel, wie Sexualassistenz nicht nur erotische Sehnsüchte stillt, sondern auch ein neues, tieferes Körperbewusstsein erlaubt, Selbstbewusstsein fördert und die Liebe zu sich selbst entdecken lässt.

Berühren, aber nicht verführen

Oft ist es für Behinderte sehr schwierig oder gar unmöglich, jemals einen passenden Lebenspartner bzw. einen Sexualpartner zu finden. Für viele bleibt es ein Leben lang ein Traum, eine Beziehung zu führen und eine partnerschaftliche Sexualität zu erleben. Natürlich ist Sexualassistenz kein vollständiger Ersatz für eine Partnerschaft, doch immerhin ist es so möglich, zumindest ein Stück weit den Bedarf eines Menschen mit Behinderung nach Nähe und Sinnlichkeit abzudecken.

Im Aufgabenfeld der Sexualassistenz liegen erotische Massagen, Übungen zur Körperwahrnehmung, Anleitungen zur Selbstliebe oder die Unterstützung beim Kauf von Hilfsmitteln.

Da die Tätigkeit frei ausgeübt werden kann, gibt es keine einheitliche Bezeichnung. Die Dienstleistungen sind auf SexualassistentInnen bezogen, aber auch auf BerührerInnen, wobei Letzteres die ursprüngliche Berufsbezeichnung ist. Die Berufsbezeichnungen sind nicht geschützt, so dass es auch Gemeinsamkeiten mit SexualbegleiterInnen gibt. In der Schweiz sind die Berufsbezeichnungen so frei wie die Ausbildungsmöglichkeiten, weswegen im Grunde jeder, der diese Dienstleistungen anbietet, sich so nennen darf. Das erschwert die Qualitätssicherung. Andererseits haben Menschen so Zugang zu diversen Angeboten, was wiederum von Vorteil ist.

Text: M.Gut / 10-2017

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