Das unsichtbare Handicap: Über die gleichgeschlechtliche Liebe

Homosexualität scheint in der heutigen Gesellschaft kein Tabu mehr zu sein. Politiker in hohen Ämtern bekennen sich öffentlich zu ihrem Schwul-Sein und die Ehe als vermeintlich letzte Bastion traditioneller Werte hat durch die eingetragene Partnerschaft Konkurrenz bekommen. Dabei wird Homosexualität mit Lifestyle, Modernität und Jugend in Verbindung gebracht.

Das öffentliche Interesse fokussiert meist auf schrille Typen aus der Schwulenszene. Schon lesbische Frauen oder ältere Schwule fallen aus diesem verengten Blickwinkel heraus.

Hinzu kommt, dass ein Grossteil der Bevölkerung immer noch Probleme hat, Menschen mit Behinderung eine eigenständige Sexualität zuzugestehen. Dass diese dann auch noch schwul, lesbisch oder bisexuell sein können, ist für viele einfach undenkbar.

Die Schwierigkeiten, mit denen sich behinderte Lesben und Schwule konfrontiert sehen, sind facettenreich. Teilweise unterscheiden sie sich nicht von denen, die auch Homosexuelle ohne Handicap haben, teilweise entstehen aufgrund der Behinderung neue.

Homosexuelle mit Handicap haben meist auch Probleme, sich mit der jeweiligen Szene zu identifizieren. Sie sitzen zwischen den Stühlen: in der Lesben- und Schwulenbewegung gelten sie als behindert, in der Behindertenbewegung als homosexuell.

Inneres und äusseres Coming-out

Das Coming-out ist für jeden Homosexuellen, egal ob behindert oder nicht, eine schwierige Zeit. Man unterscheidet hier zwischen dem inneren Coming-out - dem Eingeständnis an sich selbst, schwul oder lesbisch zu sein - und dem äußeren, also dem Bekennen in der Öffentlichkeit. Dieser schwierige Prozess, sich mit seiner eigenen Sexualität auseinander zu setzen, fordert von allen Heranwachsenden Kraft und Mut. Jugendliche mit Handicap werden in der Pubertät aber zusätzlich mit ihrer Behinderung konfrontiert. Häufig werden sie durch ihr Umfeld auf diesen Aspekt ihrer Persönlichkeit reduziert. Deshalb sind sich behinderte Teenager ihrer eigenen Sexualität oftmals gar nicht bewusst oder stehen sich diese nicht zu.

Thomas Rattay, Referent für Jugendliche mit Behinderung vom deutschen Jugendnetzwerk LAMBDA, kennt diese Problematik sehr gut: "In der Regel findet bei Jugendlichen ohne Behinderung das äußere Coming-out zwischen 15 und 17 Jahren statt. Heranwachsende mit Behinderung outen sich später, meist erst mit Anfang, Mitte 20. Daran sieht man, dass sich ihre Entwicklung an diesem Punkt verzögert, weil sie zwei Herausforderungen meistern müssen." Das Netzwerk für junge Lesben, Schwule und Bisexuelle hat sich zur Aufgabe gemacht, auch Jugendliche mit Behinderung in ihre Projekte zu integrieren.

Wie viele Menschen in Deutschland bei der Partnerwahl das gleiche Geschlecht bevorzugen, ist unklar. Schätzungen schwanken zwischen vier und zehn Prozent der Bevölkerung, wobei ein starkes Stadt-Land-Gefälle herrscht. Das Leben der homosexuellen Szene konzentriert sich auf die Großstädte. In Bars, Diskotheken oder anderen Szenelokalitäten wie speziellen Saunen für Schwule haben Mann und Frau die Gelegenheit, unter Gleichgesinnten zu sein und vor allem Kontakte zu knüpfen.

Sehr häufig allerdings sind diese Orte nicht barrierefrei. "So haben zum Beispiel Rollstuhlfahrer, deren Möglichkeiten ohnehin schon begrenzt sind, noch weniger Chancen, sich in die Szene zu integrieren", sagt Rattay. Er kennt das Problem aus eigener Erfahrung, denn das LAMBDA-Büro liegt im zweiten Stock - ohne Aufzug.

Eine Minderheit innerhalb der Minderheit

Schwierigkeiten mit seiner Behinderung hat Marc (Name von der Redaktion geändert) nicht. Als Kind verlor er bei einem Unfall einen Arm. Seine Vorliebe fürs männliche Geschlecht bemerkte er mit 18 Jahren. Eher zufällig geriet er in die Schwulenszene: "Ich musste aufs Klo und ging auf eine öffentliche Toilette. Dort standen links und rechts von mir zwei Männer, die nichts taten. Irgendwann fingen sie an zu onanieren, worauf ich mit dem einen in der Kabine verschwand. Das war sozusagen mein erstes Mal mit einem Mann."

Einmal wöchentlich leitet er eine Gruppe für schwule Männer mit Behinderung und kennt aus vielen Beratungsgesprächen die häufig auftretenden Probleme. Oft hört er dabei von Depressionen, Suchtproblemen oder dem Versuch, das Handicap zu kaschieren - oder er hört gar nichts. Denn manchmal würden sich gehandicapte Schwule auch aus Furcht vor Abweisung innerhalb der Szene völlig isolieren und die eigene Homosexualität verdrängen. "Leider ist es so, dass eine Minderheit innerhalb einer Minderheit ausgegrenzt wird", stellt Raidl fest.

 

Quelle: Tina Schmid, HANDICAP

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