Rollstuhlmami – Schwangerschaft trotz Querschnittlähmung

Babybauch mit rosa Geschenksband (JMG/pixelio.de)
Viele Frauen betrachten die Schwangerschaft als ein Geschenk (JMG/pixelio.de)

Es gibt nicht viele Mütter im Rollstuhl. Doch mit der richtigen Vorbereitung und Begleitung steht dem Mutterglück (fast) nichts mehr im Wege, Rollstuhl hin oder her!

Komplikationen, Unsicherheiten in der Schwangerschaft, schwere Geburten, erhöhtes Risiko für Mutter und Kind und nicht zuletzt die geringe Erfahrung von Hebammen und Ärzten lassen viele Frauen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, vor dem Entscheid, ein Kind zur Welt zu bringen, zurückschrecken. Das muss nicht sein. Wichtig ist jedoch eine intensive Vorbereitung und Betreuung vor, während und nach der Geburt.

Schwangerschaft grundsätzlich möglich

Entgegen mancher Vorurteile sind die meisten querschnittgelähmten Frauen in der Lage, schwanger zu werden. Da die Gebärmutter und die Eierstöcke nicht spinal gesteuert sind, bleibt die Fruchtbarkeit der Frau im Normalfall auch nach einem Unfall, der zur Querschnittlähmung führt, erhalten.

Trotzdem sollten Frauen mit Querschnittlähmung vor einer Schwangerschaft gewisse Untersuchungen vornehmen, bei denen mögliche Komplikationen während der Schwangerschaft bereits festgestellt werden können. Gerade bei Frauen mit Tetraplegie gibt es einige Punkte, die sich die werdende Mutter bewusst sein sollte.

Mögliche Komplikationen

Das erste Drittel der Schwangerschaft verläuft im Normalfall auch bei querschnittgelähmten Frauen problemlos. Gerade von dieser Zeit berichten betroffene Mütter, dass sie häufig auf Kritik stiessen. „Habt ihr euch das wirklich gut überlegt?“, „Du solltest in deinem Zustand doch besser keine Kinder haben“ oder „Wie kannst du dieses Risiko nur verantworten?“ sind nur einige der Fragen und Vorwürfe, mit denen querschnittgelähmte Schwangere konfrontiert werden können. Ein unterstützender Partner und eine gute Hebamme, die der werdenden Mutter beistehen, sind somit bereits im ersten Drittel hilfreich.

Auch das zweite Drittel verläuft meist problemlos und wird wie auch bei nicht-querschnittgelähmten Frauen als Zeit des Geniessens empfunden. Schwierigkeiten treten jedoch vor allem im letzten Drittel der Schwangerschaft auf. Das Geringste dabei ist, dass es für die Schwangere schwierig wird, sich mit dem grossen Bauch im Rollstuhl fortzubewegen.

Durchaus grössere Schwierigkeiten können Blutdruckanstieg im Unterleib sein, Harnwegsinfektionen sowie starke Einschränkung der Atemkapazität sein. Das durch das Sitzen ohnehin schon beeinträchtige Atmen, gerade bei Tetraplegie, wird durch den wachsenden Bauch zusätzlich belastet. Grössere Anstrengungen können die betroffenen Schwangeren gegen Ende der Schwangerschaft eventuell nicht mehr alleine bewältigen.

s/w Bild von einem schlafenden Baby mit Nuggi (Sabrina Gonstalla/pixelio.de)
Auch nach der Geburt ist Unterstützung wichtig! (Sabrina Gonstalla/pixelio.de)

Betreuung im Spital – aber in welchem?

Nicht zuletzt deswegen wird eine Hospitalisierung zwei bis drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin empfohlen. Die werdende Familie sollte sich schon früh überlegen, wo die Geburt stattfinden soll. Am besten eignet sich natürlich eine Klinik, die bereits Erfahrungen mit querschnittgelähmten Frauen haben. Wichtig ist auch die Abklärung der Barrierefreiheit. Sind alle Räume rollstuhlgängig? Gibt es eine rollstuhlgängige Toilette?

Es geht los!

Ist die werdende Mutter in der Klinik angekommen, sind regelmässige Kontrollen wichtig, da durch die verminderte Empfindungsmöglichkeiten im Unterleib geburtseinleitende Wehen nicht bemerkt werden könnten. Um eine Spontangeburt zu verhindern, müssen die Frauen gut beobachtet werden. Generell kommen Kinder bei querschnittgelähmten Frauen vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt.

Die Lähmung der Bauchmuskulatur macht es der Gebärdenden meist fast unmöglich, aktiv bei der Geburt mitzupressen. Geht die Geburt nicht voran, müssen deshalb eventuell instrumentelle Entbindungsmassnahmen ergriffen werden. Generell wird ein Kaiserschnitt unter denselben Bedingungen wie bei nicht-querschnittgelähmten Frauen gemacht.

Mami – und jetzt?

Grundsätzlich werden mindestens zwei Tage zur Beobachtung im Spital nach der Geburt empfohlen. Möchte die Frau ihr Kind stillen, sollte sie keine Medikamente nehmen müssen, das diese sich in der Muttermilch ablagern und dem Kind schaden können. Mütter mit Tetraplegie brauchen etwas mehr Kreativität für den Stillvorgang, was das Halten und Anlegen des Kindes betrifft. Ein Milcheinschuss verläuft meist trotz Querschnittlähmung normal.

Viele Hebammen sind der Ansicht, dass Mütter sich im Wochenbett zu Hause besser und schneller erholen können. Dem steht auch bei querschnittgelähmten Müttern meist nichts im Wege. Wichtig ist jedoch eine gute Betreuung durch Hebamme, Familie und den Partner nach der Geburt.

Dies ist nur ein kleiner Einblick in das Thema Querschnittlähmung und Geburt. Viel mehr erfahren Sie aus der Diplomarbeit der Hebammen Andrea Bachmann und Barbara Loosli, das ein kleines Pionierwerk auf diesem Fach darstellt.

Wenn Sie schwanger werden möchten, nehmen Sie Kontakt zu Ihrer Frauenärztin auf und gehen Sie einen Punkt nach dem anderen durch. Auch der schweizerische Hebammenverband beantwortet Ihnen gerne sämtliche Fragen zum Thema Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Wir wünschen Ihnen alles Gute!

 

Text: M. Plattner-12/2011

Bilder: pixelio.de

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