Kinderwunsch und Behinderung

Eine körperliche Behinderung ist in den meisten Fällen kein Hindernis für die Erfüllung eines Kinderwunsches, wie im Fall von Evelyne Studer.

Evelyne Studer hatte das Lastwagenfahren zu ihrem Beruf erkoren. Die junge Frau mochte die harte Arbeit und genoss die Freiheit auf Achse - bis sie schwer verunfallte und eine Querschnittlähmung erlitt.

Mit einem Schlag war alles anders geworden. Träume verflogen. Zweifel machten sich breit. Inzwischen aber blickt die 35-jährige Rollstuhlfahrerin nicht mehr in den Rückspiegel. Sie hat, auf anderen Strassen unterwegs, ein neues Lebensglück gefunden und schaut nach vorn.

Das Glück auf anderen Strassen

Die Lastwagenfahrerin ist der Schweizerin Evelyne Studer nicht anzusehen. Jedenfalls will die gross gewachsene Frau nicht ins herkömmliche Bild passen, das von Berufsleuten dieser Gattung existiert.

Aufgewachsen war sie in Zofingen, Schweiz und später in Aarwangen, wo ihre Eltern ein Restaurant führten. Dort hatte Evelyne früh mitanpacken gelernt und irgendwann beschlossen, sich in einer Tätigkeit zu versuchen, die für Frauen noch immer als eher exotisch gilt.

Die letzte Fahrt

Am 17. März 1997 steht ein Transport von Kanalisationsrohren von Kappel SO nach Yverdon bevor. Kurz vor fünf Uhr morgens eilt Evelyne gut gelaunt über den Parkplatz zu ihrem Lastwagen.

Er war am Vorabend beladen worden, damit sie am Morgen gleich losfahren konnte. Behände klettert sie auf den Anhänger. Vorschriftsgemäss, mit geübtem Blick und ein paar Routine-Griffen, kontrolliert sie die Ladung. Alles o. k. Sie klopft sich den Staub von den Händen, schwingt sich hinauf auf den Führersitz und schliesst eine Sekunde lang geniesserisch die Augen.

Um 7.30 Uhr fährt Evelyne bereits auf der Baustelle in Yverdon ein. Der Vorarbeiter grüsst winkend und weist sie in die Abladestelle ein. Kaum ist der Motor abgestellt, steigt Evelyne aus. Sie geht nach hinten zum Anhänger und löst das Spannset. Dieses hält die auf drei Ebenen geschichteten Rohre zusammen.

Da löst sich unvermittelt das oberste Rohr und rollt herunter. Evelyne wird an Kopf und Rücken getroffen und wuchtig zu Boden geschlagen. Sie verliert sofort das Bewusstsein. Die Bauarbeiter eilen herbei  und alarmieren unverzüglich den Notarzt. Auf den Röntgenbildern sieht man die massive Verschiebung zwischen dem 12. Brust- und dem ersten Lendenwirbelkörper. Die neurologische Prüfung ergibt eine vollständige Lähmung beider Beine.

Zufallsbekanntschaft mit Folgen

Als Evelyne Studer vor längerem zufällig Beat Pisa begegnete, konnten beide nicht wissen, dass sie am Anfang eines völlig neuen, gemeinsamen Lebensabschnittes stehen würden. Das erste Gespräch bei einem Drink war für beide sympathisch, blieb aber unverbindlich. Beide hatten zuvor schlechte Erfahrungen in Bekanntschaften gemacht. Für Beat Pisa war es überhaupt der erste persönliche Kontakt mit einem behinderten Menschen. «Eines Tages wurde mir bewusst, dass ich den Rollstuhl schon lange nicht mehr wahrnahm. Dafür aber empfand ich eine starke Zuneigung für diese aussergewöhnliche Frau. Ich bewundere sie und habe grossen Respekt für das, was Evelyne jeden Tag leistet und bewältigt. Sie macht das super!» Für Evelyne Studer begann eine Zeit des Glücks, wie sie es zuvor nicht gekannt hatte. Der Wunsch, zusammenzuziehen und eine Familie zu gründen, liess sich schon bald realisieren.

Rollstuhlfahrerin wird Mutter

Buchstäblich eingemeisselt hat sich der Augenblick, in dem es die Gewissheit gab, dass Evelyne schwanger war. Die neun Monate Wartezeit verliefen ohne jegliche körperliche Beschwerden. Zu schaffen machte der werdenden Mutter lediglich eine anfängliche Phase ausgeprägter Eifersucht, mit der sie sich quälte und Beat beunruhigte. Wie aus heiterem Himmel überwältigte sie die Angst, ihrem Partner nicht mehr zu gefallen.

Beat nahm die Krise ernst. Er verzichtete auf seine Auftritte und bewies auch mit diesem Schritt seine Bereitschaft zur Verbindlichkeit dieser Partnerschaft. Evelyne fand zu innerer Ruhe und Ausgeglichenheit zurück und bereitete sich mit Freude auf die Mutterschaft vor. Sie war stolz auf den nun immer runder werdenden Bauch. Die meisten teilten ihre Freude, wenige hielten mit Kritik nicht zurück: «Die muss doch auf sich selber schauen - und dann das noch! Wie soll das gut gehen?»

Evelyne steckte die Kränkung weg und liess sich nicht beirren. Gesund und munter erblickte Tochter Elena am 26. April 2002 das Licht der Welt und brachte eine neue Dimension in das Leben ihrer Eltern. Sie entwickelt sich prächtig und ist ein fröhliches Mädchen mit bereits unwiderstehlichem Charme. «Ich unterscheide mich kaum von anderen Müttern. Nur machen wir zwei einige Dinge vielleicht etwas komisch, nicht wahr, Elena!?» Es klingt heiter und Evelyne ist sicher, dass sie auch die weitere Entwicklung ihres Kindes ganz normal begleiten kann.

 

Quelle: Silvia Buscher, Zeitschrift Paraplegie, Nr. 106, Paramedia

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