News zu Handicap und chronischer Erkrankung

Weniger Knochenbrüche bei Querschnittgelähmten

Dienstag, 31. Juli 2012

Die deutschsprachige medizinische Gesellschaft für Paraplegie DMGP hat an ihrer 25. Jahrestagung in Basel ein Forscherteam der Clinical Trial Unit des Schweizer Paraplegiker-Zentrums Nottwil mit dem Forschungsförderpreis 2012 ausgezeichnet. Die Studie untersucht den Verlauf des Knochenabbaus bei Menschen mit Querschnittlähmung.

Die Erkenntnisse sind von Bedeutung, weil sie dazu beitragen, adäquate Therapien zur Senkung der hohen Knochenbruchrate bei Querschnittgelähmten zu entwickeln, um so deren Lebensqualität zu verbessern. Rollstuhlabhängige, langjährige Querschnittgelähmte erleiden rund fünfmal häufiger einen Knochenbruch als Fussgänger. Dies ist auf einen massiven sowie rasch fortschreitenden Knochensubstanzabbau (Osteoporose) zurückzuführen. Gehäufte Knochenfrakturen haben einschneidende Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen, wie eingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben durch lange Hospitalisationszeiten oder zusätzlich erschwerte Mobilität.

Erstaunliche Ergebnisse

Die Senkung der Knochenbruchrate war Ziel der Studie zur Osteoporose bei chronischer Querschnittlähmung. Angela Frotzler, promovierte Naturwissenschaftlerin und Gruppenleiterin der Clinical Trial Unit am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ), kommt nach über zwei Jahren Forschung mit ihrem Team zu erstaunlichen Resultaten: «Bisher ging die Medizin davon aus, dass sich die Merkmale der Osteoporose bei Querschnittgelähmten und bei Fussgängern in etwa decken.» So haben bei letzteren Geschlecht und Alter einen erheblichen Einfluss: Frauen sind häufiger von Osteoporose betroffen. Als Folge der Osteoporose erleidet jede dritte Frau und jeder fünfte Mann über 50 eine damit verbundene Fraktur. Bei jüngeren Fussgängern tre-ten die Krankheit und somit Frakturen viel seltener auf.

Abbau der Knochensubstanz beginnt kurz nach einer Querschnittlähmung

Angela Frotzler erklärt weiter: «Die Studie am SPZ zeigte nun, dass das nicht generell gilt. Querschnittgelähmte Männer sind praktisch gleich häufig von Osteoporose betroffen wie Frauen. Und der Abbau der Knochensubstanz beginnt nicht erst im fortschreitenden Alter, sondern in kurzer Folge auf die Querschnittlähmung. In den ersten rund sieben Jahren nach Eintritt der Querschnittlähmung nimmt die Knochenmineraldichte sogar um etwa 70 Prozent ab. Deswegen ist die Frakturrate im Vergleich zu Fussgängern massiv erhöht.»

Neue Therapie-Ansätze

In der Fachliteratur waren bis heute kaum Angaben zur Osteoporose bei langjährigen Querschnittgelähmten zu finden. Sie wurden in Anlehnung an die Referenzdaten von Fussgängern behandelt. Die Resultate der Studie eröffnen neue Ansatzpunkte in der medikamentösen und nichtmedikamentösen Therapie gegen Osteoporose und der in diesem Zusammenhang entste-henden Frakturen bei Querschnittgelähmten. Und das Forscherteam des SPZ ist dem Ziel um einiges näher, dadurch die Knochenbruchrate bei Querschnittgelähmten senken zu können. (SPZ/MyHandicap/pg)