Studieren mit Behinderung – Ein Weg mit Hürden

Menschen im Rollstuhl und ohne Rollstuhl in einem Saal. (Bild CDI-SG)
Menschen mit Handicap mit einem Hochschulabschluss sind seltener von Arbeitslosigkeit betroffen, als Handicapierte ohne Abschluss. (Bild: CDI-SG)

Bildung ist von zentraler Bedeutung für die Gleichstellung von
Menschen mit Behinderung im Arbeitsleben.

Studien zeigen, dass insbesondere Personen mit Hochschulabschluss bei gesundheitlichen Einschränkungen deutlich seltener arbeitslos sind und die Vereinbarung von Behinderung und Berufsleben besser meistern. Die negativen Auswirkungen einer Behinderung können so abgefedert werden. Es gibt daher Bestrebungen, die Ausbildung von Betroffenen gezielt zu fördern.  Genau aus diesem Grund ist das Thema Diskriminierung im Zugang zu Bildung von besonderem Interesse. Die Abbrecherquoten unter Studenten mit Behinderung sind hoch. Wenn jedoch bereits im Zugang zu höherer Bildung Steine in den Weg gelegt werden, ist es um die Chancengleichheit in der Bildung noch deutlich schlechter bestellt.

Regelungen zur Chancengleichheit lückenhaft

Die Hochschulpolitik scheint dieses Problem zum Teil erfasst zu haben.  An vielen Unis im deutschsprachigen Raum wurden begleitende Massnahmen getroffen um die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen mit den Anforderungen eines Hochschulstudiums in Einklang zu bringen. Der Fokus bleibt jedoch eingeschränkt: Der Grossteil der Massnahmen zielt darauf ab, Barrierefreiheit zu schaffen um Personen mit Bewegungsbeeinträchtigungen das Studium zu erleichtern. Regelungen, welche Personen mit Lernschwächen oder psychischen Behinderungen entgegenkommen sind hingegen rar.

Eine stärkere Regulierung findet sich im Bereich der Zulassung zum Studium.  In Deutschland orientieren sich diese Massnahmen häufig an den Richtlinien der Stiftung für Hochschulzulassung. Sie sollen die Chancengleichheit bei der Zulassung durch die Berücksichtigung behinderungsbedingter Nachteile für Studiengänge mit numerus clausus wahren.

Schreiber, Notizblock und ein Buch (Bild: Simone Hainz /pixelio.de)
Das CDI-SG untersuchte das Problem der Diskriminierung bei der Studienbewerbung. (Bild: Simone Hainz /pixelio.de)

Missstände aufgedeckt

Das Problem der Diskriminierung bei der Studienbewerbung haben wir in einer Studie am Center for Disability and Integration untersucht. Im Rahmen unserer Untersuchung haben wir Anfragen zu Ausnahmeregeln bei der Bewerbung an die Studienberatungen aller deutschen Hochschulen geschickt. Die fiktiven Bewerber gaben an, an Dyslexie, Depressionen oder einem Nierenversagen zu leiden. Jede Email behinhaltete eine Erläuterung der Einschränkungen und eine Anfrage, ob Nachteilsausgleiche bei der Bewerbung denkbar sind und inwiefern ein Entgegenkommen bei der Studiengestaltung möglich ist.

Die Analyse der Antworten zeigt deutliche Misstände auf: Bewerber, welche an Lernschwächen oder psychologischen Problemen leiden, erhalten signifikant weniger Informationen über bestehende Regeln im Vergleich zu Bewerbern mit rein physischen Einschränkungen. Sie werden ebenfalls deutlich seltener an Behindertenbeauftragte verwiesen. Zudem wird ihre Studienfachwahl häufiger offen in Frage gestellt.

Mangelnde Ausbildung als Ursache

Eine genauere Untersuchung lässt auf die Ursachen dieser Ungleichbehandlung schliessen.  Es ist davon auszugehen, dass die Diskriminierung bei der Bereitstellung von Informationen nicht absichtlich geschieht. Die Studienberatungen scheinen keine Ablehnung gegenüber Behinderten zu hegen, und auch keine systematische Fehleinschätzung, dass behinderte Bewerber generell weniger fähig seien. Vielmehr werden Lern- und psychische Behinderungen seltener als tatsächliche Behinderungen angesehen. Ebenso herrscht Unkenntnis über die mit ihnen verbunden Einschränkungen, ein Aspekt der oft in der Trivialisierung dieser Behinderungen mündet. Die Mehrheit (51%) der behinderten Studierenden an deutschen Unis aber ist von eben diesen Problemen betroffen. Hingegen dominiert in der Verwaltung immer noch der Stereotyp des Rollstuhlfahrers - dabei leiden nur 4% aller Studierenden an einer Mobilitätseinschränkung gemäss einer Studie des Deutschen Studentenwerks.

Eine mögliche Lösung ist es, das Personal in den Studienberatungen stärker zu sensibilisieren. Studienberatungen sind der erste Kontaktpunkt potentieller Bewerber und können bedeutenden Einfluss auf den weiteren Bildungs- und Lebensweg haben. Gezielte Aufklärungskampagnen, welche verschiedene Arten von Behinderungen und ihre spezifischen Einschränkungen thematisieren, könnten Abhilfe schaffen.

 

Text: Helge Liebert 03/2014
Bilder: CDI-SG, pixelio.de

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