Erfolgsfaktoren von Arbeitsplatzanpassungen

Ein moderner Arbeitsplatz am Fliessband im Ingoldstädter Audi Werk.
Moderne Arbeitsplätze am Fliessband benötigen trotz weitreichenden ergonomischen Anpassungen einen vergleichsweise hohen Grad an körperlicher Leistungsfähigkeit. (Bild: Audi)

Dass Arbeitsplatzanpassungen die Integration von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen erleichtern können, ist offensichtlich. Doch welche Rahmenbedingungen begünstigen den Erfolg solcher Massnahmen? Mit diesem Thema beschäftigt sich ein aktuelles Forschungsprojekt des CDI-HSG in Kooperation mit der AUDI AG.

Herr B. ist 55 Jahre alt und arbeitet seit seiner Lehre als Schweisser im Ingolstädter Audi Werk, davon die meiste Zeit am Fliessband. Vor zwei Jahren machten Knie- und Rückenbeschwerden eine Fortsetzung seiner bisherigen Tätigkeit unmöglich. Medizinische  Untersuchungen stellten einen Schwerbehinderungsgrad von 50% fest. Herr B. benötigte einen Sitzarbeitsplatz um weitgehend beschwerdefrei und produktiv arbeiten zu können.

Er durchlief einen Audi-internen Integrationsprozess, indem seine gesundheitliche Einschränkung betriebsärztlich festgestellt, die Anforderungen an einen geeigneten Arbeitsplatz definiert und eine Umsetzung auf eine geeignetere Arbeitsstelle durchgeführt wurde. Viele weitere Mitarbeiter befinden sich in einer ähnlichen Situation wie Herr B. – Tendenz steigend.

Bei diesem Trend spielt der demografische Wandel eine Schlüsselrolle. Die niedrigen Geburtenraten der vergangenen Jahrzehnte und die Erhöhung des Rentenalters führen zu einem Anstieg des Durchschnittsalters der Belegschaft in vielen Unternehmen. Mit zunehmendem Lebensalter erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, gesundheitliche Probleme oder eine Behinderung zu entwickeln (Quelle: World Health Organization, 2011). Davon sind Arbeitsbereiche mit vorwiegend körperlichen Tätigkeiten, wie etwa die Produktion, verstärkt betroffen.

Wie geht Audi mit dem Anstieg der Beschäftigten mit gesundheitlichen Einschränkungen um?

Die Beschäftigungsquote von schwerbehinderten Menschen liegt bei der AUDI AG bei sechs Prozent (Stand 2011/ Quelle: Arbeitsplätze anpassen, Personal). Das Unternehmen erfüllt somit die im SGB IX festgelegte vorgeschriebene Beschäftigungsquote von Menschen mit Schwerbehinderung von mindestens fünf Prozent der Gesamtbelegschaft.

Als Reaktion auf diese Tendenzen wurde im Audi-Werk Ingolstadt in den letzten Jahren eine Systematik entwickelt, um Mitarbeiter mit einer Leistungswandlung, also einer werksärztlich bestätigten Tätigkeitseinschränkung, durch unterschiedliche Massnahmen wie ergonomische Arbeitsplatzanpassungen und Umsetzungen auf andere Arbeitsplätze wieder an die arbeitsplatzbezogene erforderliche Leistung heranzuführen.

2011 wurde Audi für den Umgang mit Mitarbeitern mit Behinderung und vor allem für die beschriebene Systematik vom CDI-HSG mit dem ComToAct-Award ausgezeichnet. Dieser länderübergreifende Preis wurde verliehen, um die Bemühungen in Unternehmen zur Integration von Menschen mit Behinderung im ersten Arbeitsmarkt zu würdigen.

Sieger-Cartoon von Phil Hubbe
Im März 2011 wurde die AUDI AG mit dem ComToAct-Award ausgezeichnet. Die Abbildung zeigt den neben dem Preisgeld übergebene Sieger-Cartoon, der vom Künstler Phil Hubbe erstellt wurde. (Bild Phil Hubbe/Audi)

Zielsetzung des Forschungsprojektes

Doch nicht immer laufen die Arbeitsplatzanpassungsprozesse so reibungslos wie im Fall von Herrn B. Verbesserungspotential in Bezug auf die Integrationsprozesse besteht immer und so entstand im Anschluss an den verliehenen Preis ein gemeinsames Forschungsprojekt. Im Mittelpunkt des Projektes steht die Evaluation der bestehenden Integrationsprozesse.

Oberstes Ziel ist die Herausarbeitung konkreter Handlungsempfehlungen für eine Weiterentwicklung der bestehenden Systematik, die in den kontinuierlichen Verbesserungsprozessen, sowie im Planungsprozess neuer Fahrzeugmodelle implementiert werden sollen. Durch einen optimierten Einsatz von Mitarbeitern und eine Anpassung von Führungs- und Teamstrukturen soll letztlich eine höhere Zufriedenheit der Mitarbeiter bei gleichzeitig gesteigerter Wirtschaftlichkeit erzielt werden.

Kommunikation, Sensibilisierung und Akzeptanz

Das Forschungsprojekt startete im Sommer 2012 und erstreckt sich über einen Zeitraum von drei Jahren. Es besteht im Wesentlichen aus drei Datenerhebungen, wobei die Ansichten aller relevanten Mitarbeiter-Perspektiven (Betroffene, Kollegen, Führungskräfte, Prozessbeteiligte, Top-Manager) einfliessen. Als Datenquelle dienen neben den Einschätzungen der Teilnehmer auch objektive HR- und Produktions-Kennwerte.

Die ersten Zwischenergebnisse zeigen, dass eine Sensibilisierung aller Mitarbeiter für die Thematik eine zentrale Rolle spielt. Eine offene Kommunikation von Hintergrundinformationen der Arbeitsplatzanpassungen ist wichtig für die Akzeptanz in der Belegschaft. Weitere Erfolgsfaktoren stellt zum einen der Wissensstand der Vorgesetzten über die betrieblichen Möglichkeiten und Regelungen sowie eine gezielte Planung von ausreichend alternativen Arbeitsplätzen dar.

Text: Kirill Bourovoi, Dipl. Psych. 02/2014
Bilder: AUDI AG

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