Autonom reisen: Wunsch und Wirklichkeit

Marie-Louise Körner wartet am Bahnhof mit Mobi-Helfer Cafer Seckin auf ihre Reisebegletier von der SBB. (Foto: Daniel Winkler)

Wie erleben Reisende mit eingeschränkter Mobilität Bahnhöfe und Züge der SBB? Eine Reise mit der Rollstuhlfahrerin Marie-Louise Körner deckt Erfolge und Tücken bei der Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes auf.

Der Wind pfeift herbstlich kalt durch den Bahnhof Baden. SBB Kundin Marie-Louise Körner sitzt warm gekleidet in ihrem Rollstuhl. Sie wartet auf Seraina Flury und Werner Jordan. Die Leiterin des Programms «Umsetzung Bahn-zugang 2023» und der Produktmanager Handicap wollen auf einer gemeinsamen Bahnreise erfahren, wo der sogenannte «barrierefreie Zugang» zum ÖV eben doch nicht ganz ohne Barrieren ist. Umgekehrt können sie erklären, warum nicht jedes Hindernis aus dem Weg geschafft werden kann. Die erste Schranke steht bereits am Start in Baden, denn ohne Mobi-Helfer Cafer Seckin ist das Ein- und Aussteigen in den Interregio kaum möglich.

Frau Körner, was ist die grösste Herausforderung beim Bahnfahren im Rollstuhl?

Marie-Louise Körner: Dass ich nicht spontan und autonom reisen kann. Ich erlebe immer wieder Situationen, in denen ich Hilfe brauche – so wie eben beim Einsteigen. Oder auch bei den Rampen zum Perron. Die sind meist zu steil, um ohne fremde Hilfe auf das Perron zu gelangen. Weshalb baut die SBB nicht mehr Lifte?

Seraina Flury: Wir würden im Prinzip gerne mehr Lifte einbauen. Bei Bahnhofsumbauten und -sanierungen prüfen wir jeweils die verschiedenen Optionen, um die Anforderungen des Behindertengleichstellungsgesetzes zu erfüllen. Die Bestimmungen sehen aber in erster Linie Rampen vor und erst in zweiter Linie Lifte, denn die Kapazität von Rampen ist viel höher als diejenige von Liften.

Seit 2004 gilt das Behindertengleichstellungsgesetz, welches die SBB verpflichtet, bis spätestens 2023 Bauten und Fahrzeuge anzupassen. Bereits heute sind 401 von 747 Bahnhöfen gesetzeskonform, 60 Bahnhöfe zumindest teilweise. Beim Rollmaterial sind die Fahrzeuge des Regionalverkehrs bereits behindertengerecht, beim Fernverkehr dauert die Umrüstung länger und ist mit dem Bundesamt für Verkehr und den Behindertenverbänden abgesprochen.

Lebhafte Diskussion zu barrierefreiem und autonomen Reisen für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. (Foto: Daniel Winkler)

Was unternimmt die SBB, damit Frau Körner autonom reisen kann?

Werner Jordan: Im Online-Fahrplan geben wir immer an, ob die gewünschte Reise autonom oder mit Hilfe möglich ist. Beim Ein- und Ausstieg mit Mobi-Lift muss sich Frau Körner bis spätestens eine Stunde vor Reiseantritt bei uns anmelden, weil wir nicht an jedem Bahnhof fix einen Mobi-Helfer haben. Oder sie nimmt die empfohlene Alternativverbindung mit der S-Bahn mit Niederflurwagen. Unsere Billettautomaten sind von der Höhe her für Rollstuhlfahrer angepasst. Und bei Neuentwicklungen wie beispielsweise den neuen Abfahrtsanzeigern ziehen wir den SBB Behindertenbeirat bei und berücksichtigen die Anliegen von Rollstuhlfahrern und Reisenden mit einer Seh- oder Höreinschränkung.

Am Zürcher Hauptbahnhof bleibt eine halbe Stunde zum Umsteigen auf die S-Bahn zurück nach Baden. Mobi-Helfer Cafer Seckin zeigt Marie-Louise Körner den neuen Bahnhofsteil Löwenstrasse. Mit dem Lift geht es ein Stockwerk tiefer in die Halle Löwenstrasse. Dort demonstriert Marie-Louise Körner ihren staunenden Begleitern, wie sie problemlos mit dem Rollstuhl die Rolltreppe zum Perron nimmt, indem sie sich an den Handläufen festhält und sich ziehen lässt. Dann treibt Werner Jordan zum Perronwechsel an. Dank der niederflurigen S-Bahn kann Marie-Louise Körner ohne Hilfe in den Zug rollen. Bei grösserem Abstand zwischen Perron und Trittbrett muss Mobi-Helfer Cafer Seckin die Lücke mit einer Faltrampe decken.

Welche Note geben Sie der SBB für das barrierefreie Reisen?

Marie-Louise Körner: Im Moment eine 4,75; sie ist für mich noch keine echte Partnerin. Aber: Sie hat sich in den letzten Jahren stark verbessert.

Werner Jordan: Was wünschen Sie sich konkret von uns, damit Sie eine bessere Note geben können?
Marie-Louise Körner: Bei den Zügen möchte ich mindestens einen barrierefreien Wagen mit Behinderten-WC. Der Wagen sollte dann natürlich am Bahnhof dort anhalten, wo auch das Perron die richtige Höhe hat. Und die Bahnhöfe sollten im Rahmen von Sanierungen immer behindertengerecht umgebaut werden.

Seraina Flury: Da sind uns, wie bereits erwähnt, manchmal auch die Hände gebunden. Beispielsweise wenn sich das Perron wegen einer engen Kurve nicht auf das gewünschte Niveau erhöhen lässt.

Marie-Louise Körner: Und das müssen Sie den Rollstuhlfahrern erklären. Dann werden sie diese Einschränkungen auch akzeptieren.

Text: Sara Riesen, Dominique Rast | Fotos: Daniel Winkler

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