Studieren mit Behinderung an deutschsprachigen Universitäten in der Schweiz

Ein aufgeschlagenes Buch (Bild: Rainer Sturm / pixelio.de)
Studierenden mit Behinderungen sollen durch Optimierungsmassnahmen bessere Rahmenbedingungen ermöglicht werden. (Bild: Rainer Sturm / pixelio.de)

Wo liegt das Optimierungspotenzial und was sagen Studierende mit Behinderung über die Situation?

Zusammenfassung

Studieren mit Behinderung bedeutet eine spezielle Herausforderung und ist in vielen Fällen nur dank ausgeprägter Bewältigungsstrategien sowie einem guten, unterstützenden Umfeld möglich. Nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch Universitäten sind gefordert. Inklusion braucht die strategische Verankerung in der Hochschulkultur.

Es gilt im Rahmen einer Dissertation die zielführenden Optimierungsmassnahmen der Studienbedingungen für Studierende mit Behinderung zu eruieren, um die grösstmögliche Barrierefreiheit, bzw. einen optimalen Zugang (Access and Participation) sicherstellen zu können. Mittels qualitativer Forschung können direkt betroffene Gymnasiasten, Studierende sowie ehemalige Studierende (Berufseinsteiger) befragt werden. Daraus lassen sich zielführende Erkenntnisse ableiten.

Ausgangslage

Qualitative Felduntersuchungen am Center for Disability and Integration der Universität St. Gallen zeigen nachweislich, dass verschiedene Formen von Behinderungen unterschiedliche Auswirkungen sowohl auf die Einstiegs-, die Studiums- als auch auf die Ausstiegsphase (Übergang ins Erwerbsleben) haben.

Exemplarisch ein Zitat aus einem Interview:

«Es gab dann wirklich Phasen in denen ich teilweise vor Erschöpfung; also ich war dann lange immer wieder in Kliniken. So zwei bis drei Monate am Stück; ich konnte nicht mehr gehen, war im Rollstuhl und; also ich konnte gar nicht in Betracht ziehen wieder an die Uni zu gehen. Also der Wunsch war immer vorhanden, aber ich hatte andere Probleme und es war einfach nicht machbar //hmm//. Und es lag ausser Reichweite an einer Präsenz-Uni weiterstudieren zu können. Also dies ist auch der jetzige Grund weshalb ich ein Online-Studium mache.» (Studentin mit Behinderung, chronische Erkrankung)

Die Situation für Studierende mit Behinderung an Deutschschweizerischen Universitäten steckt nach wie vor in den Kinderschuhen (Kobi & Pärli, 2010). Aufgrund der einzuhaltenden Anonymität ist die Datenlage über Studierende mit Behinderung in der Schweiz schwierig, beziehungsweise kaum zu erheben. Nur wenige Forschungserkenntnisse, welche auf der Sichtweise der Betroffenen basieren, sind aktuell vorhanden. Studieren mit einer Behinderung ist sowohl für die Betroffenen selbst eine enorme Herausforderung, als auch eine ebensolche für die Universitäten in struktureller und kultureller Hinsicht.

Seit 2004 ist das Bundesgesetz über die Beseitigung von Nachteilen von Menschen mit Behinderung in der Schweiz in Kraft (SR 151.3). Darin wird unter anderem auch der Zugang zur Aus- und Weiterbildung thematisiert, insbesondere für Menschen mit einer Behinderung die Voraussetzung schlechthin, die den Eintritt in den ersten Arbeitsmarkt überhaupt erst ermöglicht und die Partizipation am gesellschaftlichen Leben erleichtert.

Zudem wurde die Bundesverfassung mit einem expliziten Gleichstellungsgebot sowie einem Diskriminierungsverbot gegenüber Menschen mit einer Behinderung erweitert. Diese gesetzlichen Regelungen bilden eine optimale Grundlage, um erfolgreich Inklusionsbestrebungen einzuleiten. In welchem Rahmen die Gesetzgebung wahrnehmbare Veränderungen für Betroffene auslöst, muss indessen gezielt erhoben und überprüft werden. Das Forschungsprojekt im Rahmen einer Doktorarbeit legt den Fokus auf Studierende mit einer Behinderung an Universitäten. Es gilt die zielführenden Optimierungsmassnahmen der Studienbedingungen für Studierende mit Behinderung zu eruieren, um die grösstmögliche Barrierefreiheit, bzw. einen optimalen Zugang (Access and Participation) sicherstellen zu können.

Diese Optimierungsmassnahmen wurden durch 26 halbstrukturierte Interviews mit direkt betroffenen Studierenden (9 Interviews), Gymnasiasten mit Studien-Vorhaben (9 Interviews), ehemaligen Studierenden (7 Interviews) sowie einer Leiterin einer Fachstelle für Menschen mit Behinderungen (1 Interview) abgeleitet. Untersucht werden der Einstiegsprozess ins Universitätsstudium, der effektive Studienprozess sowie der Ausstiegsprozess (Einstieg ins Berufsleben). Ziel ist es, ein exemplarisches Inklusions-Konzept zu entwickeln. Die Auswertung der Interviews erfolgt mit der Zuhilfenahme der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2003) mit der Software MAXQDA. Anschliessend an die Kurzzusammenfassung des Interviewleitfadens, welcher der Führung und Verstehensbildung dienen soll, werden einige wichtige vorläufige Erkenntnisse aufgezeigt.

Kurzfassung des halb strukturierten Interviewleitfadens

 

Themen / OberbegriffeAspekte
Einstieg: Aktuelle StudiensituationAktuelle Studiensituation (Anzahl Semester)
Warum an dieser Uni

Art der Behinderung

Von welcher Behinderungsform sind sie betroffen (Diagnose)
Spezifische Aspekte und Auswirkungen der Behinderung
Werdegang / Ausbildung / UnterstützungVerlauf der Schulbildung
Unterstützungsmassnahmen
Universitäres Leben (Eintritt, Verbleib, Austritt)Herausforderungen beim Eintritt
Herausforderungen während dem Studium
Herausforderungen bei der Stellensuche (Praktika, Arbeit)
Studienrelevante TätigkeitenTätigkeiten welche Schwierigkeiten bereiten (Hollenweger, Gürber, & Keck, 2005)
Belastungen und BewältigungenHerausforderung durch Behinderung
Hauptsächliche Belastung
Bewältigungsmechanismen
SelbstverständnisPersönliche und äusserliche Erwartungen
Organisationsstruktur / VeränderungenUni und Status Behinderte
Anpassungsfähigkeit, Toleranz Studierende
Toleranz, Bereitschaft Dozierende
Änderungs-AnregungenKonkrete Punkte
SolidaritätGleichbehandlung
Diskriminierung
VernetzungVernetzung unter Behinderten?
Resumé und AusblickZukunft

Die drei wichtigsten Erkenntnisse aus den Interviews

Es handelt sich um vorläufige Erkenntnisse vor Abschluss der Dissertation.

Erste Erkenntnis: Inklusion

  • Wer sind überhaupt unsere Studierenden mit Behinderung? Die Datenlage erweist sich als sehr schwierig, weil die Studierenden mit Behinderung nirgends spezifisch erfasst werden sowie weiter unter Anonymitätsschutz stehen!
  • Inklusive Gesellschaften und Institutionen brauchen entsprechende inklusive Beratungsangebote.
  • Diese inklusiven Beratungsangebote sind wenig vorhanden bzw. kaum strategisch verankert.

Zweite Erkenntnis: Disabilities oder Abilities?

  • Die Frage nach den komparativen Kompetenzen löst bei den Betroffenensehr viel an richtungsweisender Reflexion aus. Es gilt in Zukunft noch vermehrt die Abilities und nicht die DisAbilities abzuholen und zu fördern – auch an Universitäten.
  • Es sind kaum Ziele und entsprechende Strategien und Instrumente feststellbar, welche effektive Inklusion und nicht «nur» Integration verfolgen. Es gilt hierbei sowohl die Einzigartigkeit wie auch die Zugehörigkeit gleichermassen zu fördern.

Dritte Erkenntnis: Aufwand

  • Ohne engagierte Personen im persönlichen Umfeld gelingt keine Inklusion am Gymnasium oder an der Universität (Mütter und Väter, Freunde, etc.). Die geleistete Unterstützung des Umfelds scheint sehr gross zu sein.
  • Die persönlichen Bewältigungsstrategien von Studierenden mit Behinderung müssen sehr positiv ausgeprägt sein, um ein Studium bestehen zu können. Dabei handelt es sich oft um zusätzliche Leistungen, welche in keiner Art und Weise honoriert bzw. im Rahmen des Studiums anerkennt würden.


Text: Regula Dietsche, M.Sc. Psych, M.Sc. CIM, und Nils Jent, Prof. Dr. oec. HSG
Bilder: pixelio.de


Literaturverzeichnis

Hollenweger, J., Gürber, S., & Keck, A. (2005). Menschen mit Behinderungen an Schweizer Hochschulen. Zürich: Rüegger

Kobi, S., & Pärli, K. (2010). Bestandesaufnahme hindernisfreier Hochschule. Schlussbericht.  Retrieved 25.07.2012, from www.zhaw.ch/fileadmin/user_upload/zhaw/publikationen/jahresbericht/jahresbericht_2010/Schlussbericht_Hindernisfreie_Hochschule.pdf

Mayring, P. (2003). Qualitative Inhaltsanalyse Grundlagen und Techniken (8 ed.). Weinheim: Beltz.

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