Karrieren ohne Barrieren

Ein Bücherstapel (Bild: luise / pixelio.de)
Die Studienliteratur muss für Studenten mit Sehbehinderungen in geeignetem Digitalformat vorhanden sein. (Bild: luise / pixelio.de)

Die Universität Zürich unterstützt mit ihrer "Fachstelle Studium und Behinderung FSB" schon seit dreissig Jahren Studierende mit Behinderungen. Viel Planungsarbeit gibt es vor allem vor Semesterbeginn. Olga Meier-Popa, Leiterin der Fachstelle, setzt sich auf verschiedenen Ebenen für eine barrierefreie Universität ein.

Die Dozentin projiziert eine Folie an die Wand, um ihre Ausführungen zu veranschaulichen. Die abgebildete Grafik ist für die meisten Studierenden im Hörsaal ein willkommenes didaktisches Mittel. Dem Studenten Thomas jedoch bleibt die Erkenntnis verwehrt: Er ist blind. Für die gehörlose Rita wiederum ist es schwierig, der schwungvoll gestikulierenden Dozentin die Worte von den Lippen abzulesen. Viel besser würde es gehen, wenn die Dozentin ihr Gesicht zum Publikum wenden würde.

Rund 12 Prozent der befragten Studierenden der Universitäten Zürich, Basel und der Pädagogischen Hochschule Zürich gaben bei einer Umfrage an, von einer Behinderung oder chronischen Krankheit betroffen zu sein. Etwa die Hälfte dieser Studierenden fühlt sich durch ihr Gesundheitsproblem beim Studium beeinträchtigt. Von den 12 Prozent studieren etwa 2 Prozent mit einer "klassischen" Behinderung, etwa einer Mobilitäts- oder Sinnesbehinderung.

Vielfältige Probleme

An verschiedenen Schweizerischen Hochschulen gibt es Anlaufstellen für Studierende mit Behinderungen, aber keine hat ein so umfassendes Angebot wie die Fachstelle Studium und Behinderung der Universität Zürich. Hierher kommen pro Semester im Durchschnitt zehn Studierende, die kurzfristige Beratung oder längerfristige Begleitungen wünschen.

"Studierende mit einer Behinderung sind häufig doppelt belastet", sagt Olga Meier-Popa, Leiterin der Fachstelle Studium und Behinderung. Gerade zu Beginn eines Studiums sei es für sie schwer, sich zurechtzufinden. Es müsse einiges organisiert werden, damit die Studierenden auch wirklich den Vorlesungen folgen können, wobei der Teufel häufig im Detail stecke.

Studierende, die zur Beratungsstelle kommen, haben oft konkrete Fragen: Kann ich überhaupt mit meinem Rollstuhl in den Hörsaal gelangen? Soll ich den Dozenten fragen, ob er mir sein Skript zur Verfügung stellt, und wer liest es mir vor, da ich sehbehindert bin? Ich bin hörbehindert, kann ich den Dozenten fragen, ob er bereit ist, so deutlich zu sprechen, dass ich ihm von den Lippen ablesen kann?

Kontakte herstellen und Netzwerke nutzen

Olga Meier-Popa stellt mit ihren Klienten schon vor Semesterbeginn einen Semesterplan auf. Die Sonderpädagogin und ausgebildete Ärztin beweist seit ihrem Stellenantritt vor drei Jahren ihre Fähigkeit als Allrounderin jedes Semester aufs Neue. Jede Behinderung oder Situation sei anders, weiss sie und versucht deshalb, individuelle Lösungen zu finden.

Dabei nutzt sie ihre Netzwerke. "Wichtig ist die Hörsaaldisposition, die ich zuweilen bitten muss, einen anderen Raum zuzuweisen, der räumlich und technisch behindertengerecht ausgestattet ist", erklärt Olga Meier-Popa. Sie prüft zum Beispiel für den schwerhörigen Rolf, ob induktive Höranlagen im Hörsaal installiert sind, damit Rolf direkt von der Anlage via Hörgerät der Veranstaltung folgen kann.

Falls dem nicht so ist, muss sie den Dozenten bitten, ein zweites Mikrophon zu tragen, damit die Übertragung via FM-Anlage klappt. Die drahtlose Signalübertragungsanlage (FM-Anlage) nimmt direkt die Stimme des Sprechers durch ein nahe am Mund getragenes Mikrofon auf.

Behindertenfreundlich saniert

Olga Meier-Popa ist es ein grosses Anliegen, die baulichen Bedingungen für Studierende mit Behinderungen zu verbessern. So hat sie sich bei der eben abgeschlossenen Sanierung des Hauptgebäudes für die Anliegen der behinderten Studierenden stark gemacht. "Noch immer müssen Architekten und Bauverantwortliche davon überzeugt werden, dass behindertengerechtes Bauen sich lohnt", sagt Meier Popa.

Dabei erleichtern Gebäude mit ebenerdigen Aufzügen oder über schiefe Ebenen erreichbare Räume nicht nur Mobilitätsbeeinträchtigten das Leben, sondern auch Familien mit Kinderwagen und älteren Menschen. Besonders froh sei sie über das neue Kollegiengebäude, in dem es jetzt neben moderner Technik auch höhenverstellbare Tische in den Hörsälen, Orientierungshilfe bei Sehbehinderung und sogar "sprechende" Lifte gebe.

Vorgelesene Webseiten

Meier-Popa setzt sich auch für die Barrierefreiheit der Internetauftritte der Universität ein: "Warum sollen Menschen mit einer Sinnes- oder Mobilitätsbehinderung durch vermeidbare Barrieren auch noch im Internet benachteiligt werden?" Der neue Webauftritt ist ein Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Zürich und Basel sowie der Pädagogischen Hochschule. Für die Studierenden mit Behinderungen sei es zudem von grossem Vorteil, wenn Vorlesungsunterlagen im Internet veröffentlicht werden, dann können Screen-Reader ihnen die Webseiten vorlesen.

Damit all das jedoch zur Selbstverständlichkeit wird, bedarf es eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Bewusstseinswandels, ist Meier-Popa überzeugt. Bis dahin freut sie sich über jeden Studierenden mit einer Behinderung, der mit Elan und Erfolg die Universität absolviert und damit beweist, dass es möglich ist.

 

Text: Marita Fuchs, Simon Müller - 09/2013

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