Umsetzung von Inklusion an Schulen in der Schweiz

Umsetzung von Inklusion an Schulen in der Schweiz - funktioniert dies bereits?

In der Schweiz bilden das Behindertengleichstellungsgesetz, die UN-Behindertenrechtskonvention, die UN-Kinderrechtskonvention sowie die Salamanca-Erklärung und die kantonalen Gesetze zur Volksschule und die kantonalen Konzepte zur Sonderschulung die rechtlichen Grundlagen für eine inklusive bzw. integrative Schule.

Die Differenzierung zwischen inklusiver oder integrativer Schule ist in der Schweiz eher weniger eine ideologische Debatte als in anderen Ländern. Im generellen Verständnis sprechen wir von integrativer Schule, welche den Gedanken inklusiver Schulung einschliesst. Wir haben schweizweit das Subsidiaritätsprinzip der sonderpädagogischen Schulung im separaten Setting. Die Schulhoheit liegt bei den Kantonen. Ein gesamtschweizerischer Überblick zum Stand der Inklusion ist daher kaum möglich.

Die integrative Schule in der Schweiz geht von einem weiteren Inklusionsbegriff aus, der ein dual-inklusives Schulsystem beinhaltet (vgl. dazu Speck, Otto (2016): Was ist ein inklusives Schulsystem? Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete, 85. Jahrgang, Ausgabe 3/2016, München). Das heisst, alle Kinder werden gemeinsam geschult, sofern es für sie und ihre Entwicklungsmöglichkeiten zuträglich ist. Zusätzlich bestehen weiterhin separate Schulen für Kinder mit erwiesenem sonderpädagogischen Bedarf. Grundlage für dieses dual-inklusive System bilden die oben genannten Gesetze, welche integrative Schulung solange befürworten, solange das Kind Teilhabe erlebt und bedarfsgerecht gefördert werden kann. Ist dies im integrativen Setting nicht mehr möglich, wird ein anderes, separates Setting gesucht. Die gesamte Volksschule ist Teil des unentgeltlichen allgemeinen Schulwesens der Schweiz, egal welchen konkreten Förderbedarf ein Kind aufweist und ob es entsprechend integrativ oder separativ geschult wird.

Auswirkungen der integrativen Schule insgesamt

1. Auf kantonaler Ebene:

Grundsätzlich wird die integrative Schulung in allen Kantonen umgesetzt. Gesamtschweizerische Vergleichsstudien darüber, bis zu welchem Grad die integrative Schulung bereits umgesetzt ist, gibt es unseres Wissens noch nicht. Einerseits ist dies ein laufender Prozess und andererseits müsste es dafür einheitlich geltende Kriterien für einen Gradmesser an erreichter Inklusion geben, was kaum möglich ist. 

2. Auf der Ebene der einzelnen Schulen:

Erste wissenschaftliche Studien zeigen, dass das integrative Setting für Schüler mit sonderpädagogischem Bedarf Vorteile und für die restlichen Schüler keine Nachteile aufweist. Das gilt sowohl für Schüler mit kognitiven, körperlichen oder Sinnesbeeinträchtigungen als auch für Schüler mit emotionalen und sozialen Beeinträchtigungen. 

Vgl. dazu „Schulische Integration Daten, Fakten und Positionen/ HfH Dr. Steff Aellig und Prof. Dr. Josef Steppacher, Zürich 01.11.2016“.

Vgl. dazu „Schülerinnen und Schüler mit Verhaltensstörungen erfolgreich in die Schule integrieren, Margarethe Florin, Annette Lütolf, Angela Wyder, HfH Forschung, Band 41, Heft 1, 2015“.

An schulischen Standortgesprächen (an denen das Kind, die Eltern, der Lehrer und evtl. der schulpsychologische Beratungsdienst teilnehmen) wird eruiert und festgehalten, ob das Kind einen besonderen Förderbedarf aufweist, und ob diese Förderung im integrativen Setting gewährleistet werden kann. Bei komplexen Fragen, in denen es um verstärkte Massnahmen geht, kommt das Standardisierte Abklärungsverfahren (SAV) oder ein gleichwertiges justiziables Verfahren zum Zug. 

Die Frage ist, wer darüber entscheidet, wo das Kind geschult wird und wie die Gewichtung der einzelnen Stimmen aussieht. Dies wird von den Behörden festgelegt. In der Regel wird gemeinsam entschieden, wobei es wichtig ist, das Anliegen des Kindes zu berücksichtigen (Kinderrechtskonvention). Tendenziell werden seit Einführung des BehiG sehr viel mehr Kinder integrativ geschult. Das heisst allerdings nicht, dass die Anzahl der Kinder, die einen ausgewiesenen sonderpädagogischen Bedarf ausweisen, im gleichen Ausmass gesunken wäre.

Die Lehrpersonen spielen eine entscheidende Rolle für eine gelingende integrative Schule.

Im täglichen Schulleben arbeiten Pädagogen und Sonderpädagogen eng zusammen. Diese neue Form der Zusammenarbeit erfordert von allen Beteiligten viel Flexibilität. In der Regel haben die Volksschulen heute Konzepte erstellt zur integrativen Schulung und Zusammenarbeit von Pädagogen und Sonderpädagogen. Zusammenfassen kann man es nur mit "hier ist man gemeinsam unterwegs“. Die Schule benötigt Personalressourcen und Zeit, um die Koordination und Zusammenarbeit zwischen Pädagogen und Sonderpädagogen zu gewährleisten. Die Fachpersonen brauchen gemeinsame Sitzungen, Intervisionen und evtl. auch Supervisionen.

Die Frage der Haltung der Schulleitungen und Lehrpersonen spielt eine entscheidende Rolle für eine gelingende integrative Schule; Haltungen lassen sich nicht verordnen. Auch hier benötigen die Schulen Zeit für gemeinsame Gefässe in Form von Sitzungen, um ihre Haltung immer wieder zu reflektieren. Vgl. dazu „Rolle der Schulleitung im integrativen Setting, Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, SZH, November-Dezember 2016, Nr. 11-12“.

Wenn Kind und Eltern von Anfang an ein separates Setting möchten, dann entscheiden die Behörden im Einklang mit den kantonalen Vorgaben. Es gibt ein Bundesgerichtsurteil zu einer uneinigen Situation zwischen Schule und Eltern. Das Bundesgericht hat den Kanton gestützt, der die integrative Schulung als richtige Massnahme ansah (BGE 138 I 162 vom 13. April 2012).

3. Auf der Ebene des Unterrichts:

Für eine heterogene Schülerschaft braucht es methodisch-didaktische Instrumente für die Unterrichtsgestaltung, damit die integrative Schulung gelingen kann. Lehrpersonen benötigen noch mehr Schulung in methodisch-didaktischen Möglichkeiten.

4. Auf der Ebene der Ausbildung des Lehrpersonals:

Die Studiengänge für Primarlehrer und Sonderpädagogen müssen die neuen Anforderungen widerspiegeln, d.h. methodisch-didaktische Instrumente müssen in der Lehre auftauchen. Es benötigt auch eine gute Kooperation zwischen der Ausbildung für Regellehrpersonen und der Ausbildung für Sonderschullehrpersonen.

Text: Gabriele E. Rauser, Geschäftsführerin Integras, Fachverband Sozial- und Sonderpädagogik / 02-2017

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