Die integrative und inklusive Schule

Eine Wandtafel, auf der der Begriff Inklusion mit einem Ausrufezeichen und einem Fragezeichen geschrieben steht. (Bild: Dieter Schütz/pixelio.de)
Die UNO-Behindertenrechtskonvention bringt den Begriff der Inklusion in die Schweizer Bildungslandschaft. (Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)

Die Schweiz wird in den nächsten Monaten die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung ratifizieren. Die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft, die Inklusion, ist der Leitgedanke der Konvention, der sich auch im Bereich der Schule niederschlägt.

In der Schweiz wurden in den letzten Jahren bei der schulischen Integration und Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung Fortschritte erzielt. Vielerorts ist sie gelebte Realität und Statistiken zeigen, dass der Anteil von Schülern der obligatorischen Schule in Sonderklassen sich verkleinert und der Anteil von Schülern in Sonderschulen sich zumindest nicht mehr erhöht.

Verantwortung bei den Kantonen

Seit 2004 sind die Kantone durch das Behindertengleichstellungsgesetz dazu verpflichtet, die Integration von Schülern mit einem besondern Bildungsbedarf zu fördern. Und seit 2008 und nach dem Rückzug der Invalidenversicherung aus der Mitfinanzierung der Sonderschulung tragen die Kantone die gesamte fachliche, rechtliche und finanzielle Verantwortung für die Schulung von Kindern und Jugendlichen mit besonderem Bildungsbedarf. Zur einheitlichen Koordination der Aufgaben erarbeiteten die Kantone unter der Federführung der EDK die Interkantonale Vereinbarung über die Zusammenarbeit im Bereich der Sonderpädagogik, das 2011 in Kraft getretene Sonderpädagogik-Konkordat.

Es bestimmt ein Grundangebot an sonderpädagogischen Massnahmen, das die Kantone als Minimum anbieten müssen, wie zum Beispiel

•    Beratung und Unterstützung,
•    heilpädagogische Früherziehung,
•    Logopädie und Psychomotorik,
•    sonderpädagogische Massnahmen in einer Regel- oder Sonderschule,
•    Betreuung in Tagesstrukturen oder stationäre Unterbringung in einer sonderpädagogischen Einrichtung.

Eine der wichtigsten Vorgaben ist die Förderung der Integration von Schülern und Jugendlichen mit besonderem Bildungsbedarf in die Regelschule. Wenn immer möglich, sollen also sogenannt integrative Lösungen separierenden vorgezogen werden.

Das Recht aller Menschen auf Bildung

Eine weitere Stärkung dieses Gedankens sieht die nun endlich auch in der Schweiz bevorstehende Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vor. Deren Ziel ist, die Chancengleichheit behinderter Menschen zu fördern und ihre Diskriminierung in der Gesellschaft zu unterbinden. In Artikel 24 I der Konvention heisst es zum Bereich Bildung: „Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen (…)“.

Die einzelnen Staaten werden also dazu verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem sicherzustellen, damit Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit Nichtbehinderten in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Grundschulunterricht und einer entsprechenden Sekundarschulbildung haben.

Ein kleines Mädchen steht an einer Tafel und zeichnet. (Bild: Helene Souza/pixelio.de)
Inklusion bezeichnet die Vision einer gemeinsamen Schule für alle Kinder und Jugendlichen. (Bild: Helene Souza/pixelio.de)

Inklusion und oder statt Integration?

Der Begriff der "inklusiven" Bildung unterscheidet sich von demjenigen der "integrativen", denn Inklusion geht einen Schritt weiter als Integration. Bei der Inklusion geht es darum, die Gesellschaft von Anfang an so zu gestalten, dass jeder Mensch gleichberechtigt an allen Prozessen teilhaben und sie mitgestalten kann. Im Unterschied zur Integration, die sich oft am Einzelfall oder an einer teilzeitlichen Integration von Kindern oder Jugendlichen mit besonderem Bildungsbedarf in eine Klasse der Regelschule orientiert, geht es bei Inklusion darum, ganze Systeme dahingehend zu gestalten, dass sie integrativ wirken.

Die Internetplattform zum Thema Integration und Schule definiert Inklusion wie folgt: "Inklusion bezeichnet die Vision einer gemeinsamen Schule für alle Kinder und Jugendlichen. Der gemeinsame Unterricht in heterogenen Klassen ist Selbstverständlichkeit. Die Lehrpersonen gestalten gemeinsam mit ihren vielfältigen Kompetenzen anregende und an die Lernvoraussetzungen der Kinder angepasste Lernumfelder und kompetenzorientierten Unterricht. Eine inklusive Schule nimmt alle Lernenden ihres Einzugsgebietes – unabhängig ihrer körperlichen, geistigen, emotionalen und sozialen Entwicklung; unabhängig ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihres religiösen Hintergrunds oder ihrer familiären Situation – in ihren Unterricht auf."

Das Wohl des Kindes im Zentrum

Durch die UNO-Behindertenrechtskonvention werden nun aber nicht alle bisherigen Reglungen über den Haufen geworfen. Die Verpflichtung, auf die konkreten Bedürfnisse eines behinderten Kindes einzugehen, ist bereits heute in der Bundesverfassung festgeschrieben. Auch das Bundesgericht hat den grundsätzlichen Vorrang der integrierenden Schule bejaht. So ist dieser auch im Behinderten-Gleichstellungsgesetz verankert.

Das Recht auf die integrative Schule, wie es mit der UNO-Behindertenkonvention verbunden ist, bedeutet auch nicht, dass jedes Kind mit einer Behinderung auch zwangsläufig integrativ oder inklusiv geschult werden muss. Wer auf eine besondere schulische Infrastruktur angewiesen ist und wenn alle beteiligten Parteien zum Schluss kommen, dass es zum Wohl des Kindes ist, einen Sonderschul-Unterricht zu besuchen, wird es dies auch weiterhin tun können. Im Zentrum soll immer das Wohl des Kindes stehen.

Ängste und Sorgen ernst nehmen

In den Diskussionen und Vertragsarbeiten betreffend des Sonderpädagogik-Konkordats aber auch in der Vernehmlassung zur Unterzeichnung der UNO-Behindertenrechtskonvention sind viele Ängste und Sorgen zu Tage getreten, seitens der Politik, der Lehrkräfte, aber auch seitens besorgter Eltern, die befürchten, die Integration von Kindern mit einer Behinderung verlangsame die Bildung ihrer "gesunden" Kinder.

Die Gründe für die nach wie vor häufig bestehende Separation von Kindern mit und ohne Behinderung in der Schule beruhen neben baulichen und finanziellen Aspekten vielmals auch auf Ängsten und Vorurteilen der diversen betroffenen Parteien. Diese müssen ernst genommen werden, will der Übergang von der Sonder- und Förderpädagogik zur Inklusionspädagogik gelingen.

Text: pg / März 2014
Bilder: pixelio.de

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