Workshop: Bewerben mit Behinderung

MyHandicap-CEO Domink Domnik und Mitarbeiter von Dow Thomas Christen sitzen in der Eingangshalle von Dow Horgen
MyHandicap-CEO Domink Domnik und Mitarbeiter von Dow Thomas Christen in der Eingangshalle von Dow Horgen

Am 28. September fand in Horgen der erste Bewerberworkshop für Menschen mit Behinderung statt. Organisiert von MyHandicap in Zusammenarbeit mit der Dow Chemical Company. Ein Rückblick.

27 Menschen mit den verschiedensten Behinderungen nahmen am Workshop teil. Ziel des Workshops war es, die Teilnehmer unter Berücksichtigung ihrer Behinderung optimal auf den Bewerbungsprozess vorzubereiten. Der Workshop wurde barrierefrei gestaltet (Gebärdensprachdolmetscher, Transport, rollstuhlgängig u.v.m.), damit alle entspannt daran teilnehmen konnten.

„Es ist toll, dass wir hier ungezwungen lernen können, wo auch unsere Behinderung berücksichtigt wird und man kein Sonderfall ist“, meinte ein Teilnehmer*.

Die bunt gemischte Gruppe fand sich morgens um neun Uhr auf dem Gelände der Dow in Horgen ein. Einige konnten sich schon im Shuttle Bus etwas kennenlernen, andere tauschten sich später mit ihren Tischnachbarn aus.

„Ich werde bald meine Ausbildung abschliessen und bei der heutigen Wirtschaftlage möchte ich mich so optimal wie nur möglich auf die Stellensuche vorbereiten“, sagte die schwerhörige Jasmin Leu.

Lebenslauf als Herzstück der Bewerbung

Zu Beginn stellten sich die beiden Organisatoren Dow Chemical Company und MyHandicap den Teilnehmern vor. Ausführlich wurde von den vielen verschiedenen Anwendungsbereichen der chemischen Produkte von Dow berichtet. Als Firma, die hauptsächlich Produkte zur Weiterverarbeitung herstellt, und selten direkt an den Endverbraucher liefert, waren die Produkte den meisten Teilnehmern unbekannt.

Vogelperspektive auf Dow-Gelände
In der Dow-Filiale in Horgen, Zürich, fand der Workshop statt (Foto: Dow)

Nach John Carton, Global Supply Chain Director von Dow, der über die Jobmöglichkeiten in der Supply Chain berichtete, übernahm Stephanie Brandenberger, Leiterin der Human Resources der Dow Deutschland, das Wort.

Sie verdeutlichte nochmals, wie wichtig ein ansprechend gestalteter Lebenslauf ist, welche Reihenfolge man einzuhalten hat und dass der Lebenslauf immer an das Jobinserat angepasst werden sollte, und noch vieles mehr. Das Ganze schmückte sie unterhaltsam mit ihren eigenen Erfahrungen, die sie in ihrer Tätigkeit als Personalleiterin schon gemacht hatte.

Die Teilnehmer stellten dabei so fleissig Fragen, dass der Zeitplan etwas durcheinander kam. Zum Glück war aber dennoch genug Zeit für Carola Rosenthal, die selbstbewusst und sympathisch über ihre Karriere bei Dow erzählte. Erst zum Schluss liess sie die Katze aus dem Sack: Frau Rosenthal ist wegen einem Tumor im Mittelohr schwerhörig. Vor allem die hörgeschädigten Teilnehmer zeigten sich beeindruckt.

Voneinander lernen

„Auch wir können bei diesem Workshop viel lernen. Wir treffen schliesslich nicht jeden Tag auf Menschen mit Behinderung und deshalb ist es für uns umso wertvoller, ihre Sicht der Dinge kennenzulernen“, erklärte Frau Brandenberger ihre Motivation für diesen Workshop.

John Carton ist der Meinung, dass eine Belegschaft immer auch die Gesellschaft wiederspiegelt sollte. „So gesehen, haben wir zu wenige Frauen in Führungspositionen und zu wenig Mitarbeiter mit einer Behinderung.“ Um die Firma Dow für Menschen mit Behinderung als Arbeitsgeber vorzustellen und um zu lernen wie die Anstellungsbedingungen behindertenfreundlicher zu gestalten sind, das konnte Dow auch an diesem Workshop lernen.

„Die Vielfältigkeit eines Teams bedeutet immer auch Kreativität. Das sollten wir doch nutzen!“, fügt Carton hinzu.

Reges Networking

Nach dem informativen Morgen, an dem alle Teilnehmer gespannt den Referenten gelauscht hatten, freuten sich alle – Teilnehmer wie Referenten – über das wohlverdiente Buffet. Auch in den freien Minuten wurde rege zwischen Referenten und Teilnehmern über das Gelernte diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht und Fragen geklärt.

Einige Teilnehmer nutzten die Situation geschickt für Networking und dürften bei der künftigen Stellensuche stark von diesen neuen Kontakten profitieren.

Mustafa Muhammadamin schmunzelt: „Zwar wollte ich erst nicht aus Bern weg, aber hier bei Dow könnte es mir sicher sehr gefallen!“ Wegen seiner Paraplegie ist er aber etwas besorgt, wie gut er in Zürich reisen kann. Sein Kollege, der kleinwüchsige Sam Kohler, jedoch findet: „Das würde schon klappen!“

Kommunikation kann immer klappen

Auch der gehörlose Birol Kayikci war von dem freundlichen Ambiente bei Dow begeistert. Seine beiden Gebärdensprachdolmetscherinnen hatten auch noch nach dem Essen viel für den kontaktfreudigen jungen Mann zu dolmetschen.

Und wie würde das denn ohne die Dolmetscherinnen klappen bei der Arbeit? „Kein Problem. Ich kann Lippenlesen. Notfalls kann man immer noch etwas aufschreiben. Zum Telefonieren kann ich beim Procom-Vermittlungsdienst einen Dolmetscher anfordern. Kommunikation funktioniert immer, wenn beide Seiten es wollen!“, erklärt er.

Bewerbungsgespräche, persönliches Coaching und Fotos

Nachmittags hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, ein Bewerbungsgespräch zu simulieren. Dow-Mitarbeiter aus dem Bereich Human Resources spielten dabei den potentiellen Arbeitsgeber und nahmen die Bewerber genau unter die Lupe.

Dabei hatte auch Dow ihrerseits Gelegenheit, sich die Teilnehmer genauer anzuschauen, denn bei Dow gibt es freie Stellen zu vergeben. Besonders erfreulich war dann auch das Ergebnis der Übungs-Vorstellungsgespräche: Die Dow-Verantwortlichen hatten schon die geeigneten Kandidaten für die vakanten Stellen gefunden. Für die anderen will Dow auch nach dem Workshop noch für Fragen und Beratung zum Bewerbungsprozess erreichbar sein. Dafür erhielten alle Teilnehmer die entsprechenden Kontaktdaten.

Anschliessend konnten die Teilnehmer mit einem Dow-Mitarbeiter individuelle Fragen klären, wie „Wann erwähne ich meine Behinderung und wie?“ oder „Wie kann ich dieses und jenes Defizit kompensieren und dies meinen potentiellen Arbeitsgeber geschickt als Stärke präsentieren?“.

Wer gerade weder ein Bewerbungsgespräch noch ein Coaching hatte, konnte kostenlos ein Bewerbungsfoto von sich machen lassen. Die Fotos bekamen die Teilnehmer dann auf einem USB-Stick.

Selbstbewusst in den Bewerbungsprozess

Zum Schluss fanden sich alle Teilnehmer wieder im Vortragsraum ein, wo eine abschliessende Diskussion darüber geführt wurde, was die grösste Herausforderung beim Bewerbungsprozess darstelle. Hier zeigte sich, dass die Teilnehmer viel gelernt hatten an diesem Tag. Ein Grossteil der anfänglichen Unsicherheit war verschwunden und fast alle kannten nicht nur ihre persönliche Herausforderung, sondern auch wie sie diese meistern können.

Auch der CEO von MyHandicap, Dominik Domnik ist zufrieden: „Von unseren Partnern, die wir mit eingebunden haben, wie Brüggli, Züriwerk, Berufsbildung Brunau etc. und die auch mit Jobcoaches und Betreuern vor Ort waren, erhielten wir ebenfalls sehr gutes Feedback – insofern hat sich unser Effort gelohnt.“

Wir wünschen allen Teilnehmern viel Glück und Erfolg auf ihrer Jobsuche!

* Name der Redaktion bekannt

Text: MPL - 10/2010

Bilder: MyHandicap / Dow

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