Wie ich zu Dow Europe kam

Portait Deborah Stettler (Foto: Deborah Stettler)
Deborah wird als lebenslustige und freundliche Mitarbeiterin geschätzt (Foto: Deborah Stettler)

Deborah Stettler traf trotz ihrer guten beruflichen Qualifikationen auf viele Hindernisse bei der Jobsuche - wegen ihrer Behinderung. Dann nahm sie 2010 am ersten Bewerberworkshop von Dow Europe und der Stiftung MyHandicap teil.

Dank dem Bewerberworkshop und ihrer offenen und freundlichen Art fand Deborah Stettler nach langer Suche endlich eine Stelle bei Dow Europe. Mehr noch: „Der Workshop war für mich ein grosser Segen, endlich eine Gelegenheit, mich mit Gleichbetroffenen auszutauschen!“

Deborah Stettler wurde mit dem Roberts-Syndrom geboren. Bei ihr wirkt sich das Syndrom nur in den Armen  aus, die verkürzt sind und sie trägt ein Hörgerät. Anders als bei vielen Betroffenen sind bei Deborah jedoch alle Organe intakt. Ihre Behinderung war für sie selbst nie eine echte Einschränkung, wohl aber für ihre Jobsuche.

„Da will ich hin“

Dow war Deborah Stettler schon lange bekannt, da sie in Horgen, wo sich der Europäische Hauptsitz der Firma befindet, aufwuchs. „Ich nahm an, dass Dow als amerikanische Firma Menschen mit Behinderungen gegenüber offen eingestellt ist.“ Sie sollte Recht behalten. Doch bis dorthin war es ein langer Weg.

Die ersten Schuljahre verbrachte Deborah im Privatunterricht, doch nach der Primarstufe wollte sie den Sprung in die öffentliche Schule wagen. In einer Klasse mit 20 anderen Schülern war das jedoch eine sehr grosse Herausforderung, wie für alle Schwerhörigen. Doch nicht sie war überfordert, sondern ihr Lehrer, der nicht auf ihre Bedürfnisse eingehen wollte oder konnte, weshalb Deborah sich entschloss, die Sekundarstufe in einer Privatschule zu beenden.

„Im Nachhinein wünsche ich mir, ich hätte mehr Mut und Wille gehabt, dem Lehrer klar zu machen, dass meine individuellen Bedürfnisse keinesfalls ‚Extrawürste‘ waren und ich ein Recht darauf gehabt hätte“, bedauert Deborah heute.

Als ungeeignet abgestempelt

Steinig ging es auch weiter. Auf der Suche nach einer Lehrstelle, sagte man ihr bei der IV, dass sie eigentlich gar nicht für eine KV-Lehre qualifiziert wäre, und gab ihr wenig Chancen auf eine erfolgreiche Ausbildung in der öffentlichen Wirtschaft. „Doch zum Glück erfuhren wir, dass es in Zürich die Berufsschule für Hörgeschädigte gibt“, erzählt Deborah. Nach einem Gespräch mit dem Rektor war klar, dass sie durchaus für die Schule und eine Lehre geeignet war.

So machte sich Deborah auf die Suche nach einer Lehrstelle. Nach 135 Bewerbungen und ein paar unangenehmen Vorstellungsgesprächen erhielt sie schliesslich ihre Lehrestelle als Kauffrau Profil E in Zürich.

Nach der Lehre blieb sie noch ein halbes Jahr im Lehrbetrieb, ehe sie sich dazu entschied, eine Auszeit von sechs Monaten zunehmen und danach die Berufsmatura (BMS) nachzuholen. „Während der Zeit in der BMS half ich im elterlichen Betrieb aus.“ Es zog sie auch ins Ausland, so machte sie einen Sprachaufenthalt in Nizza und reiste nach bestandener Matura für drei Monate in die USA.

Abenteuer Stellensuche

Gerüstet mit Matura, abgeschlossener Lehre und guten Sprachkenntnissen machte sich Deborah schliesslich auf die Suche nach einer Festanstellung. Doch die wurde schnell zu einem Abenteuer mit sehr vielen Tiefs und einer Absage nach der anderen. Zu Beginn erwähnte sie noch ehrlich ihre Behinderung im Bewerbungsschreiben und wurde nie zu einem Gespräch eingeladen.

„Zudem war es für mich sehr schwierig, den richtigen Wortlaut zu finden, so dass meine Behinderung nicht beim zukünftigen Arbeitgeber als Problem aufgefasst würde.“ Schliesslich erwähnte sie die Behinderung nicht mehr und siehe da, sie erhielt Einladungen zu Vorstellungsgesprächen.

„Damit die Personalleiter nicht ganz überrascht wurden, erwähnte ich meine Behinderung unmittelbar, nachdem das Vorstellungsgespräch vereinbart wurde.“ Die Reaktionen waren zwar meist positiv, doch weiter als bis zum Vorstellungsgespräch kam Deborah nie. Die erfolglose Stellensuche behinderte Deborah auch in ihrer privaten Entfaltung. Sie wünschte sich eine eigene Wohnung. Dank einer Notlösung konnte sie diesen Wunsch dann doch noch verwirklichen. „Da es nur eine Notlösung war, musste ein Job her, aber schnell!“, sagte sich Deborah.

Deborah mit Schwimmbrille am Beckenrand (Foto: Deborah Stettler)
Die passionierte Schwimmerin gibt auch im Wasser alles (Foto: Deborah Stettler)

Chance Bewerberworkshop

„In dieser Zeit bekam ich vom RAV den Tipp, dass Dow Europe offen gegenüber Menschen mit einer Behinderung sei und ich mein Glück dort probieren sollte“, was sie dann auch tat.

Sie schrieb eine Spontanbewerbung an Dow und erwähnte trotz ihrer negativen Erfahrungen ihre Behinderung, da sie annahm, dass Dow als amerikanische Firma eine offenere Einstellung zu Angestellten mit Behinderungen habe. Zur selben Zeit entdeckte sie die Stiftung MyHandicap und wie der Zufall es wollte, veranstaltete die Stiftung gemeinsam mit Dow einen Bewerberworkshop im September 2010.

„Das war meine Chance!“, erinnert sich Deborah zurück und nutze die Chance auch gleich. „Denn ich fühlte mich oft nicht verstanden in meiner Suche nach einen Job und wusste nicht so recht, wie ich mich trotz Behinderung durchsetzen könnte, um einen Job zu bekommen.“

Der Bewerbungsworkshop stellte sich als Segen für die junge Frau heraus. Der Austausch mit anderen Betroffenen gab ihr wieder Kraft. „Und dann noch von einer Firma zuhören, dass eine Behinderung total unwichtig ist, solange man fähig ist, einen Job erfolgreich zu erledigen!“

Erfolgsgefühle am Workshop

Zudem spürte sie sofort an diesem Workshop, sowohl von Dow und MyHandicap, dass man die Teilnehmer des Workshops als wertvolle potentielle Bewerber und Mitarbeiter zu schätzen wusste und sie nicht nur auf die Behinderung und die möglichen Probleme reduzierte.

„Wir waren normale Menschen. Endlich!“, freute sich Deborah. „Ich hatte die Hoffnung bereits aufgegeben, dass es Firmen wie Dow gab.“ Am Workshop lernte sie, worauf es Dow bei seinen Mitarbeitern wirklich ankam – nämlich auf die Fähigkeiten einer Person und nicht auf ihre Behinderung.

Behinderung als Chance sehen

„Ich kann nur sagen, dieser Workshop half mir sehr und meiner Meinung nach war es das, was ich seit Monaten gesucht hatte. Ein Angebot, bei dem den Menschen mit Behinderung gezeigt wird, wie sie sich am besten mit ihrer Behinderung verkaufen können.“

Dieses Wissen hatte Deborah beim RAV und der IV vermisst. „Dort war eine Behinderung ein Hindernis so gross wie das Matterhorn!“

Bei Dow Europe sieht man Deborahs „Matterhorn“ jedoch als Chance, denn dort legt man grossen Wert auf Vielfalt. Ein globales Unternehmen könne es sich nicht leisten, nicht vielseitig zu sein, so Dow.

Weihnachtsgeschenk Anstellung

Doch leider gab es zum Zeitpunkt des Workshops gerade keine passende Stelle für Deborah. Man behielt jedoch ihre Unterlagen und versicherte ihr, dass es schnell gehen könnte und es sich neue Möglichkeiten ergeben könnten. Tatsächlich war das bereits im Dezember der Fall, Deborah wurde für eine Temporärstelle angefragt.

„Ich stellte mich bei meinen jetzigen Arbeitskollegen vor, und ich wusste bereits nach fünf Minuten, dass ich in dieses Team will.“, erinnert sich Deborah. Rechtzeitig zu Weihnachten kam dann schliesslich das Geschenk: Deborah erhielt die Stelle.

„Im Januar 2011 trat ich meine Stelle an, die vorerst bis Ende Juni begrenzt war. Doch es war allen sehr schnell klar, dass ich nicht nur sechs Monate bleiben würde.“ Der Vertrag wurde verlängert und schliesslich erhielt Deborah eine unbefristete Festanstellung.

Lebensschule

Der lange und harte Weg war eine gute Schule für Deborah. „Ich hab sehr vieles erlebt und im Nachhinein bin ich sehr dankbar, diese Dinge erlebt zu haben, auch wenn sie nicht schön waren.“ Ihre Erfahrungen gab sie beim dritten Bewerberworkshop im März 2012 an die Teilnehmer weiter.

„Die Teilnehmer waren ähnlich begeistert wie ich damals und konnten es kaum fassen, dass es wirklich Firmen wie Dow gibt.“ Für Dow Europe und die Stiftung MyHandicap zählt der Mensch mit seinen Fähigkeiten, nicht seine Behinderung.

Wir danken Deborah Stettler für die Bereitstellung ihrer Geschichte und wünschen ihr alles Gute bei Dow Europe.

 

Text: M. Plattner - 04/2012

Bilder: Deborah Stettler

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