Mit Nachteilsausgleich zum Abschluss

In einem Kalender ist an einem Dienstag das Wort Prüfung eingetragen. (Bild: berwis / pixelio.de)
Nachteilsausgleiche sollen dafür sorgen, dass zum Beispiel bei Abschlussprüfungen Chancengleichheit herrscht. (Bild: berwis / pixelio.de)

Wenn sie die Anforderungen des jeweiligen Berufes erfüllen, können auch Jugendliche mit Behinderung eine berufliche Grundbildung absolvieren. Dabei dürfen sie während der praktischen Ausbildung, beim Lernen und bei Prüfungen nicht benachteiligt werden. Sie haben einen gesetzlich verankerten Anspruch auf Massnahmen des Nachteilsausgleichs.

In der Schweiz ist die Chancengleichheit für alle Menschen in der Bundesverfassung verankert. Um diese Chancengleichzeit zu erreichen, sollen im Falle von Benachteiligungen, wie sie zum Beispiel aufgrund einer Behinderung möglich sind, Ausgleichsmassnahmen ergriffen werden. Unter dem sogenannten Nachteilsausgleich werden spezifische Massnahmen verstanden, die zum Ziel haben, behinderungsbedingte Nachteile aufzuheben oder zumindest zu verringern.

Nachteilsausgleich darf Chancengleichheit nicht verletzen

Bezogen auf die Schul- und Berufsbildung bezeichnet der Begriff Nachteilsausgleich die Anpassung der Bedingungen, unter denen die Aufnahme- und Qualifikationsverfahren zu einem Lehrberuf, das Lernen und die Prüfungen erfolgen können. Voraussetzung ist, dass der oder die Auszubildende für eine Lehre in einem bestimmten Beruf geeignet ist. Gleichzeitig darf der Nachteilsausgleich keinen Einfluss auf Lern- und Ausbildungsziele haben. Lernende mit einer Behinderung dürfen also durch den Nachteilsausgleich - Stichwort Chancengleichheit - keine Vorteile gegenüber ihren Mitlernenden ohne Einschränkung erzielen.

Verschiedene Nachteile - unterschiedlicher Ausgleich

Die Massnahmen des Nachteilsausgleich können so unterschiedlich sein wie die Arten der Behinderungen. So benötigt ein Jugendlicher mit einer körperlichen Einschränkung andere Massnahmen als jemand mit einer Sehstörung und ein Auszubildender mit einer Hörschädigung ist auf andere Unterstützung angewiesen als jemand mit einer Störung entlang des Autismus-Spektrums.

Ein Leitgedanke bei allen Massnahmen ist, dass durch die Modifikationen von Lern- und Prüfungssituationen die fachliche Gleichwertigkeit des Berufsabschlusses nicht beeinträchtigt wird. Beispielsweise kann die Dauer der Ausbildung angepasst werden oder zu Abschlussprüfungen können Hilfsmittel zugelassen werden. Zu den möglichen konkreten Massnahmen zählt die Stiftung Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik:

•    Verlängerung der Zeitdauer, um eine Prüfung zu absolvieren;
•    Begleitung durch eine Drittperson wie z.B. Gebärden-Dolmetscher oder Assistenzperson für Braille-Schrift;
•    individuelle Pausengestaltung;
•    mündliches statt schriftliches Examen und umgekehrt;
•    zur Verfügung stellen von spezifischen Arbeitsinstrumenten;
•    Anpassung der Prüfungsmedien oder der Form von Examen (z.B. Bereitstellen von Schemata, vergrösserten Dokumenten usw.;
•    Bereitstellung einer im zu prüfenden Fach ausgebildeten «Sekretariatsperson».

Zwei junge Frauen freuen sich über die bestandene Abschlussprüfung. In der Hand halten sie das Zeugnis sowie eine Rose. (Bild: Thomas Max Müller/ pixelio.de)
Bestanden! Dank spezifischer Massnahmen lassen sich behinderungsbedingte Nachteile in der Berufsbildung ausgleichen. (Bild: Thomas Max Müller/ pixelio.de)

Die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik HfH hält in ihrer Wegleitung fest, es könne nie absolut eindeutige Kriterien geben, in welcher Form ein Nachteilsausgleich angemessen sei. Die HfH schlägt vier Leitplanken vor, entlang dieser sich geplante oder bereits getroffene Massnahmen kritisch überprüfen lassen:

Fairness: "Die Nachteilsausgleichsmassnahme gibt den Lernenden die Chance, unter Berücksichtigung spezifischer Kompensationsmassnahmen zum Ausgleich von eingegrenzten Funktionsbeeinträchtigungen/Behinderungen die geforderten Lernleistungen erbringen zu können."

Angemessenheit: "Die Nachteilsausgleichsmassnahme ist der Person in ihrer aktuellen Situation angemessen. Sie ist verhältnismässig, weil sie weder zu einer Aufgabenerleichterung noch zu einer Bevorzugung führt."

Vertretbarkeit: "Die Nachteilsausgleichsmassnahmen werden unter Einbezug des betroffenen Lernenden getroffen. Sie müssen von den Lehrpersonen der Ausbildungsinstitution im gegenseitigen Konsens vertreten werden können."

Kommunizierbarkeit: "Die formulierten Massnahmen des Nachteilsausgleichs sind ohne lange Erläuterungen verständlich und präzise. Der Nachteilsausgleich kann „guten Gewissens“ gegenüber den Mitlernenden, Lehrpersonen und Vorgesetzten vertreten werden."

Nachteilsausgleich bei welchen Einschränkungen?

Der Nachteilsausgleich wird am häufigsten bei Personen mit Sinnes- und oder Körperbehinderungen verlangt. Der Bericht "Nachteilsausgleich für Menschen mit Behinderungen in der Berufsbildung" des Schweizerischen Dienstleitungszentrums für Berufsbildung * geht auf die behinderungstypischen Beeinträchtigungen bei folgenden 10 Handicaps ein:

•    Hörbehinderung
•    Sehbehinderung und Blindheit
•    Hörsehbehinderung und Taubblindheit
•    Dyslexie (Legasthenie) und Dyskalkulie
•    Dyspraxie
•    Querschnittlähmung
•    Psychische Behinderung
•    Autismus-Spektrums-Störung
•    Geistige Behinderung / kognitive Beeinträchtigung
•    Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts-)Störung ADHS

Der Bericht nennt für jede Behinderungsart allfällige Auswirkungen auf Zulassung, Ausbildung und Qualifikationsverfahren und leitet daraus adäquate Ausgleichsmassnahmen ab. 

Wo man den Nachteilsausgleich geltend macht

Wie in unserem föderalistischen System üblich, sind je nach Kanton unterschiedliche Stellen für die Prüfung eines Nachteilsausgleichs zuständig. Jeder Kanton definiert die für die schulische oder berufliche Bildung und die für die Prüfungen zuständigen Stellen, die entsprechende Massnahmen bewilligen können. In der Regel hat sich die betroffene Person an die jeweilige Schule, Ausbildungsinstitution oder an die kantonalen Erziehungs- oder Bildungs-Departemente zu wenden. Dort werden die notwendigen Informationen erteilt oder Unterstützung bei der Antragsstellung angeboten.

Um das Recht auf einen Nachteilsausgleich und die entsprechenden Massnahmen festzulegen, bedarf es eines aktuellen Gutachtens einer fachkundigen Instanz. Neben der eigentlichen Diagnostik sollte das Gutachten auch Informationen hinsichtlich der individuellen Auswirkungen der diagnostizierten Einschränkung enthalten. Jeder Nachteilsausgleich muss bezogen auf die betroffene Person und deren Bildungssituation individuell besprochen, ausgehandelt und festgelegt werden.

* Auf der Grundlage des Berichts und der in den Kantonen bereits durchgeführten Aktionen formuliert die Schweizerische Berufsbildungsämter-Konferenz (SBBK) zurzeit Empfehlungen für die Kantone.


Text: Patrick Gunti 10-2014
Bilder: pixelio.de

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