GEWA: Neue Perspektiven in der Arbeitswelt

Zwei Männer reinigen eine Gebäudefassade.
Liegenschaftsservice - eines der Dienstleistungsangebote der GEWA (Foto: zvg)

Menschen mit psychischen Problemen sind beruflich besonders herausgefordert. Die Vision der GEWA Stiftung für berufliche Integration im bernischen Zollikofen hilft ihnen, den Einstieg oder den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt zu realisieren.

In der Schweiz ist die Zahl der aus psychischen Gründen invalidisierten Personen in den letzten zwei Jahrzehnten sieben Mal stärker angestiegen als die Zahl aller anderen Rentenbezüger. Die Gründe für eine psychische Erkrankung sind vielfältig. Tatsache ist aber, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen auf dem freien Arbeitsmarkt einen besonders schweren Stand haben.

Verliert ein Betroffener seine Arbeitsstelle, oder er findet auf Grund seines Handicaps keine Beschäftigung, verschlechtert dies nicht nur seine materielle Situation. Es ist auch psychisch ein Tiefpunkt, der die schwierige Situation weiter verschlechtern kann.

Die wichtige Funktion der beruflichen Integration

Diese Menschen zu befähigen, ihren Platz in der Arbeitswelt zu finden oder wieder zu finden, ist das Kernanliegen der GEWA Stiftung für berufliche Integration. Beruflich integriert ist nach Definition der Stiftung Gewa (Gemeinsam wagen), wer seine Talente einsetzen kann, um eine Leistung zu erbringen, für die ein Kunde bereit ist zu bezahlen. Im Mittelpunkt steht aber auch, Teil einer Arbeitsgemeinschaft zu sein, eine Aufgabe zu haben, Anerkennung zu bekommen, einen regelmässigen Lebensrhythmus zu haben und seinen Lebensunterhalt ganz oder teilweise selber zu verdienen.

Ein Arbeiter montiert einen Gehäuserahmen
Konstruieren, konfektionieren und montieren im Bereich der Technischen Montage (Foto: zvg)

Individuelle Eingliederungsprogramme

Wem dies durch eine psychische Erkrankung nicht möglich ist, wer die Anforderungen des ersten Arbeitsmarktes, wenn auch nur vorübergehend, nicht erfüllen kann, dem hilft die Stiftung mit einem individuell auf die Person und die Situation zugeschnittenen Eingliederungsprogramm weiter. Bedingung dafür ist, dass sich der oder die Betroffene bei der IV angemeldet hat und von einer Eingliederungsfachperson der IV-Stelle auf dem Weg zur beruflichen Integration unterstützt wird.

In 25 Jahren zum Grossbetrieb

Die Förderung sowie Aufbau-, Arbeits- und Belastbarkeitstrainings finden in den neun Dienstleistungsbetrieben der GEWA statt, die seit der Gründung vor 25 Jahren stetig gewachsen ist. Heute beschäftigt sie 570 Mitarbeitende, wobei 290 Personen an geschützten Arbeitsplätzen tätig sind und aktuell 150 Personen von beruflichen Massnahmen mit beruflichen Abklärungen, Arbeitsmarktlich-Medizinischen Abklärungen und Arbeitstrainings profitieren.

Vielfältiges Dienstleistungsangebot

Das Dienstleistungsangebot der GEWA reicht von einem Logistikbetrieb mit der Lagerung, Verwaltung und Spedition von Waren über einen Verpackungsservice, ein Gartenbau-Unternehmen oder einen Liegenschaftsservice bis hin zum Ab- und Umpacken von Medikamenten und Kosmetika für die Pharmabranche.

Im Gastronomie-Bereich bietet die GEWA einen Catering-Dienst an, ebenso einen Mahlzeitendienst für Unternehmen. Ausserdem führt sie das Restaurant Esperanza am Sitz des Unternehmens im bernischen Zollikofen. Auch die Bärner Brocki und das Spielzeuggeschäft Chlätterbär in Bern stehen unter GEWA-Leitung.

In diesen Betrieben stehen auch zahlreiche Ausbildungsplätze zur Verfügung, die im Rahmen einer Umschulung oder einer erstmaligen beruflichen Ausbildung im Auftrag der IV in Angriff genommen werden können.

Ein lächelnder Mann mit kantiger Brille und Kurzhaarschnitt
Samuel Schmid, CEO der GEWA (Foto: GEWA)

Ein Gespräch mit GEWA-CEO Samuel Schmid

MyHandicap (MyH): Herr Schmid, welches ist das Kernanliegen der GEWA Stiftung für berufliche Integration?

Samuel Schmid (SS): Das Kernanliegen der GEWA ist es, Menschen zu befähigen, ihr Potenzial zu entfalten, ihre Fähigkeiten zu nutzen und Selbstvertrauen zu gewinnen und das alles trotz ihren gesundheitlichen Herausforderungen. Damit will die GEWA für diese Menschen berufliche Perspektiven schaffen.

MyH: An wen genau richten sich Ihre Angebote?

SS: Vorwiegend an Menschen, die aus psychischen Gründen besonders herausgefordert sind. Menschen, die deshalb eine IV-Rente beziehen oder sich an die IV wenden, weil sie auf dem Weg zur beruflichen Eingliederung Unterstützung benötigen.

MyH: 16'500 IV-Rentner will der Bund in den Arbeitsmarkt zurückführen. Die Rente soll „nur“ eine Brücke zurück in den Arbeitsmarkt sein. Mit welchen Angeboten kann die GEWA darauf reagieren?

SS: Dazu muss ich Folgendes bemerken: Erstens: Der Bund hat sich damit ein sehr ehrgeiziges Ziel gesteckt. Zweitens: Die Rente kann zwar eine Brücke in den Arbeitsmarkt sein. Es gibt aber viele Menschen, die mit einer Rente im Arbeitsmarkt tätig sind. Es ist und bleibt eine Realität, dass nicht alle Menschen die erforderliche Leistungsfähigkeit für ein rentenfreies Leben haben.

Die GEWA will alle Möglichkeiten ausloten und macht sich intensiv Gedanken, wie wir Menschen noch besser ermutigen und befähigen können, ihre Ressourcen optimal einzusetzen. Wir haben ein Konzept entwickelt, wie wir mit einem intensiven Förderprogramm Rentnerinnen und Rentner, die sich in der GEWA gut entwickelt haben, in den ersten Arbeitsmarkt integrieren können. Wir legen generell Wert darauf, unsere Angebote möglichst wirtschaftsnah zu gestalten und sind daran, unsere Kultur so zu prägen, dass der Schritt zurück in den ersten Arbeitsmarkt eine noch viel selbstverständlichere Option wird.

MyH: Im Zusammenhang mit der Integration in den Arbeitsmarkt ist viel von Supported Employment die Rede. Auch die GEWA hat im vergangenen Jahr eine entsprechende Abteilung integriert. Wie hat sich dieses Angebot entwickelt?

SS: Wir bieten dieses Angebot schon lange an. Letztes Jahr haben wir dafür eine eigene Organisationseinheit geschaffen. Das hat diesem Angebot sehr viel Schub verliehen. Das Angebot ist also ausgezeichnet gestartet, sicher auch weil wir als GEWA breit vernetzt sind und viel Beziehungs- und Öffentlichkeitsarbeit machen. Eigentlich bin ich überrascht, auf wie viele offenen Türen wir immer wieder stossen und wie viele Personen eine Festanstellung gefunden haben.

MyH: Was zeichnet jemanden aus, der in einem GEWA-Betrieb die Ausbildung absolviert hat oder Teil von Integrationsmassnahmen war? Oder anders gefragt, welchen Nutzen zieht sein künftiger Arbeitgeber aus der Anstellung?

SS: Die GEWA verfügt über sehr professionell geführte Betriebe mit ausgezeichneten Berufsleuten. Die Lernenden erhalten eine fundierte Ausbildung, wo sie in ihren Stärken besonders gefördert werden. Zukünftige Arbeitgeber kriegen sehr motivierte Leute, die wissen wo ihre Stärken liegen. Gelingt es ihnen, sie dort einzusetzen, haben sie wirksame und dankbare Arbeitskräfte.

MyH: Und nutzt der erste Arbeitsmarkt diese Vorteile auch genügend aus oder sind die Vorurteile nach wie vor zu gross?

SS: Wesentlich sind gute, das heisst vertrauensvolle Beziehungen und realistische, geklärte Erwartungen. Oft geht es nicht um Vorurteile sondern um reale schlechte Erfahrungen. Da geht es in erster Linie darum, mit grosser Transparenz, gutem Support und geringer Verbindlichkeit eine positive Erfahrung zu ermöglichen.

MyH: Die GEWA Stiftung wurde vor 25 Jahren als Verein Gewerbe- und Arbeitszentrum für psychisch Behinderte der Region Bern gegründet. Welches waren im letzten Vierteljahrhundert die entscheidenden Entwicklungsschritte?

SS: GEWA steht für „GEmeinsam WAgen“. Die entscheidenden Entwicklungsschritte geschahen immer dort, wo wir mutig und im Gottvertrauen etwas wagten. Hervorheben möchte ich einen Schritt, wo wir nicht etwas Neues wagten, sondern uns von etwas Bestehendem trennten. 2002 haben wir entschieden, uns von der Schreinerei, welche die GEWA in den ersten 10 Jahren ihrer Existenz vor allem ausmachte zu schliessen. Diese nicht einfache Entscheidung verlieh der weiteren Entwicklung der GEWA unglaublich Kraft.

MyH: Was fasziniert Sie persönlich an Ihrer Arbeit als CEO der GEWA?

SS: Die GEWA ist ein extrem vielfältiger, bunter Betrieb und bewegt sich in einem äusserst herausfordernden Spannungsfeld, gleichzeitig nah am Menschen und nah an der Wirtschaft zu sein. Bis heute profitieren wir von guten Rahmenbedingungen, die es uns erlauben, Dinge unternehmerisch anzupacken, zu entwickeln und voranzutreiben. Diese Gestaltungsmöglichkeiten zu nutzen, macht enorm Freude. Die Vielfalt der Persönlichkeiten, die den Betrieb mit ihrer Einzigartigkeit und ihren spezifischen Fähigkeiten mitgestalten und einander ergänzen macht den Alltag überaus reich. Hauptsächlich ist es aber sehr befriedigend dazu beizutragen, dass Menschen Wertschätzung erfahren, wieder Mut fassen und persönliche und berufliche Perspektiven gewinnen.


Text: pg 08/2011

Fotos: zvg

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