Autistische Menschen: Spezialisten fürs Detail

Die dänische Personalvermittlung und Zeitarbeitsfirma Specialisterne vermittelt Menschen mit Autismus für Jobs, die besondere Konzentration und Genauigkeit verlangen. So nutzt der Gründer Thorkil Sonne die Inselbegabungen von Autisten. Seit 2009 läuft zudem ein Ausbildungsprogramm für junge Leute mit Autismus zwischen 16 und 24 Jahren.

Spätestens seit den grossen Hollywoodfilmen Rain Man und The Mercury Puzzle, wissen die meisten Leute um die besonderen Begabungen von Menschen mit Autismus. Auch der Däne Thorkil Sonne hat dieses Potential erkannt und 2004 Specialisterne gegründet, als weltweit erste Firma, deren Business-Modell auf der Anstellung von Menschen mit Autismus basiert.

Die Firma hat bereits mehrere Preise für ihr Modell gewonnen und fungiert zudem als Case Study der Harvard Business School.

Eine Zeichnung als Auslöser

Angefangen hat alles damit, dass bei Sonnes Sohn Lars frühkindlicher Autismus diagnostiziert wurde. Als Lars ihm jedoch im Alter von sechs Jahren eine detailgetreue Zeichnung von einer Übersichtsseite aus einem Atlas samt Seitenangaben zeigte, die er nur kurz angesehen hatte, erkannte Sonne: „Autismus muss mehr sein muss als eine Behinderung“.

Mit diesem Hintergedanken und der Motivation, seinem Sohn einmal die Möglichkeit zu geben, einen anständig bezahlten Job und Selbständigkeit zu ermöglichen, nahm er einen Kredit auf sein Haus auf und startete Specialsterne, ohne Erfahrung wie ein Unternehmen überhaupt geführt wird. Das Risiko hat sich gelohnt: Inzwischen wurden bereits über 170 Arbeitsnehmer mit Autismus erfolgreich vermittelt.

Zu den Kunden von Specialisterne zählen renommierte Firmen wie Microsoft, Siemens, der schwedische Finanzdienstleister Nordea sowie Dänemarks grösstes Telekommunikationsunternehmen TDC.

Typische Aufgaben sind Software-Tests, Programmierungen oder Tests von Mobiltelefondiensten. Doch auch im Bereich Steuer- und Finanzüberprüfung sieht Sonne viel Potential für seine Leute.

Bei GlobalConnect, einer Firma, die die Leistungen von Specialisterne gerade testet, ist man begeistert: „Unser Testarbeiter arbeitet unglaublich genau und detailgetreu. Ein Fehler würde ihm sofort auffallen!“, schwärmt der Manager von GlobalConnect.

Unnötiges Jobprofil

Menschen mit autistischen Merkmalen haben häufig Mühe mit sozialer Interaktion, Teamfähigkeit und Flexibilität. Dies wird aber heute bei den meisten Arbeitsstellen vorausgesetzt. Trotzdem gibt es viele Arbeiten, bei denen diese Soft Skills eigentlich überflüssig und mehr die typischen besonderen Begabungen von Autisten gefragt sind. Repetitive Arbeiten und Kontrollen von endlosen Zahlenreihen sind für viele ‚normale‘ Angestellte nur eine lästige Pflicht. Die Motivation verliert sich und schnell schleichen sich (meist sehr teure) Fehler ein.

Ein autistischer Mensch arbeitet aber auch nach dem zehnten Durchgang noch mit voller Konzentration. Statt nur einen Angestellten zu suchen, der sämtliche positiven Soft und Hard Skills mitbringt, diese aber in dem Job gar nicht alle benötigt, legt Thorkil Sonne den Fokus auf die Inselbegabungen seiner Leute. Er sieht in ihnen hochbegabte Spezialisten – wie sie in der Firma auch genannt werden (dän.: specialister)

Pausen sind erforderlich

Die ungewöhnlich hohe Konzentrationsfähigkeit autistischer Menschen kann auch zum Problem werden. Nämlich dann, wenn die Betroffenen Reize nicht ausblenden können und alles gleichzeitig wahrnehmen. Eine typisches Phänomen bei autistischen Personen. Diese Reizüberflutung ist sehr anstrengend. Daher ist eine ruhige und ablenkungsfreie Arbeitsumgebung sehr wichtig. „In 25 Stunden verbrauchen Autisten so viel Energie wie andere in 40“, erklärt Thorkil Sonne. Die Leute von Specialisterne haben deshalb üblicherweise einen freien Tag mehr in pro Woche, um sich wieder regenerieren zu können.

Persönliche Freude

Menschen mit Autismus sind jedoch nicht völlig sozial unbegabt. Wichtig ist ein stabiles, konstantes Umfeld, in dem sie sich sicher bewegen können. „Wenn sie sich geborgen fühlen, sind Autisten sehr sozial“, berichtigt Sonne. Einige seiner Mitarbeiter hätten sich untereinander angefreundet und gehen regelmässig zusammen ins Kino oder zum Bowlen. Dies zähle er zu den schönsten Erfolgen seiner Arbeit, erzählt Sonne.

Specialisterne ist keine geschützte Werkstatt, sondern ein Betrieb mit hoch qualifizierten Spezialisten. Deshalb können auch nicht alle Bewerber angenommen und vermittelt werden. In einer fünfmonatigen Eignungsphase müssen sie zeigen, was in ihnen steckt. In diesem Assessment wird ein individuelles Profil der Bewerber erstellt, das die persönlichen, umgebungstechnischen und beruflichen Fähigkeiten und Bedürfnisse enthält. „Wir müssen überzeugt sein, dass unsere Bewerber den Anforderungen genügen, die unsere Kunden stellen.“ Dazu gehört auch Arbeitsdisziplin, früh aufstehen und Einhaltung der Arbeitszeiten. Zwei von drei Bewerbern werden schliesslich angenommen.

Obwohl sie meist Teilzeit arbeiten, bekommen die Spezialisten einen normalen, ihrer Tätigkeit entsprechenden Lohn. Sonnes Ansichten sind da ganz klar: „Menschen mit Diagnosen im Autismus-Spektrum haben besondere Fähigkeiten. Die kann man nutzen und dafür sollen sie entsprechend entlohnt werden.“

Eine Million Jobs

„Wir können eine Welt erschaffen, die frei von Barrieren, Stereotypen und Diskriminierung ist!“, prophezeit der Gründer. Geplant sind rund eine Million Jobs weltweit, deshalb wagt Sonne nun auch den Sprung ins Ausland, namentlich Glasgow, Reykjavik, Zürich und Tokio. 

Noch gibt es wenige Firmen im Stil von Specialisterne, aber es gibt sie: In der Schweiz ist es die Firma Asperger Informatik, in den Niederlanden Autest, in Schweden Left is Right. Letztere suchten sogar Rat bei Sonne, der bereits an einer Expansion nach Deutschland arbeitet.

Damit auch andere Firmen das Konzept übernehmen können, wurde die Stiftung Specialist People Foundation ins Leben gerufen. Diese unterstützt und schult ausländische Interessenten im Umgang mit Autismus und wie autistische Fähigkeiten optimal und fair genutzt werden können.

„Wir glauben, dass jeder dazu beitragen kann, wichtige Aufgaben im Arbeitsmarkt zu lösen.“

Text: MPL-09/2010

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