Gehörlos in der Redaktion?! Eine Erfolgsgeschichte

Porträt Thomas Mitterhuber
Der gehörlose Thomas, im Forum besser bekannt als Tom, arbeitet bei MyHandicap als Online-Redakteur (Foto: Thomas Mitterhuber)

Heute beginnt der „Heisse Jobherbst auf MyHandicap“. Wir legen den Fokus auf die berufliche Integration behinderter Menschen. Zum Auftakt schildert MyHandicap-Mitarbeiter Thomas Mitterhuber seine persönlichen Erfahrungen bei der Jobsuche.

Sommer 2008 gab ich meine Bachelorarbeit ab. Um mein Kommunikationswissenschaftsstudium abzuschliessen, musste ich jedoch ein Pflichtpraktikum absolvieren. Ich entschied mich für ein Texterpraktikum in der Werbebranche.

Ich informierte ich mich auf der Webseite der Münchner Serviceplan-Gruppe – eine der grössten Werbeagenturen Deutschlands – über die Bewerbungsmodalitäten. Ein Texter, der sich bei einer Werbeagentur bewirbt, muss üblicherweise den so genannten Copytest absolvieren – das sind mehrere schriftliche Aufgaben, durch deren Ausarbeitungen die Agentur die Qualitäten sowie die Kreativität des Texters besser einschätzen kann.

Behinderung erwähnen und gleichzeitig Lösungen anbieten

Ich machte den Copytest und bewarb mich ausschliesslich bei der Serviceplan-Gruppe. In meinem Anschreiben wies ich auf meine Gehörlosigkeit hin. Allerdings erst am Ende des Anschreibens, um den Fokus der Bewerbung nicht darauf zu legen. Ich schlug Lösungen vor: Gebärdensprachdolmetscher für die wöchentlichen Meetings sowie schriftliche Kommunikation bei Verständnisschwierigkeiten.

Bei mir stellte sich die Frage „Behinderung erwähnen oder nicht?“ gar nicht. Für mich war schon immer klar gewesen, dass ich offen dazu stehen muss. Ein Verschweigen hätte spätestens beim Vorstellungsgespräch für Irritationen gesorgt und ich glaube, dass das meine Chancen auf den Job zunichte gemacht hätte – selbst dann, wenn es keine Einschränkungen bei der Ausführung der beschriebenen Aufgaben gäbe.

Gehörlosigkeit wird bei Kommunikation „sichtbar“

Mit weniger erkennbaren Behinderungen wie einer psychischen Erkrankung oder einem leichteren Handicap lässt sich das aber natürlich nicht vergleichen. Hier muss jeder Bewerber für sich selbst entscheiden, ob er seine Behinderung offenlegt oder nicht.

Ein paar Wochen nach meiner persönlich eingereichten Bewerbung wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich kam mit einem Gebärdensprachdolmetscher und wurde sofort für ein halbjähriges Praktikum engagiert. Das erfahrungsreiche Praktikum verlief ohne weitere Schwierigkeiten. Da das Praktikum noch im Rahmen meines Studiums war, übernahm der überörtliche Sozialhilfeträger die Dolmetscherkosten für die wöchentlichen Meetings.

Die Aussenfassade vom "Haus der Kommunikation"
Bei Serviceplan absolvierte Thomas im Rahmen seines Studiums ein halbjähriges Texterpraktikum (Foto: Serviceplan Gruppe)

Finanzkrise! Werde ich einen Job bekommen?

Während der Zeit meines Praktikums steckte die Welt mitten in der Finanzkrise. Ich machte mir Sorgen um meine Zeit nach der Praxis. Noch während meines Praktikums meldete ich mich beim Jobportal monster.de an und liess regelmässig nach interessanten Stellen in und um München suchen. Mein Suchprofil war in erster Linie auf redaktionelle Arbeit eingestellt, aber ich hielt auch nach benachbarten Tätigkeiten wie Texten oder PR Ausschau.

Nachdem ich das Praktikum erfolgreich beendet hatte und schliesslich mein Bachelorzeugnis Anfang 2009 erhielt, machte ich mich offensiver an die Jobsuche. Ich nutzte auch die Jobbörse der Arbeitsagentur – zunächst eingeschränkt auf Stellenangebote speziell für Menschen mit Behinderung.

Da die Suchergebnisse dadurch recht mager ausfielen (ich fand darunter das Stellenangebot von MyHandicap), entfernte ich diese Einschränkung. Insgesamt fand ich über diese beiden Jobbörsen jeweils etwa fünf bis sechs Stellenangebote, die mich ansprachen und bewarb mich bei diesen Unternehmen.

Etwa ein Dutzend Bewerbungen losgeschickt

Wie in meiner Bewerbung bei Serviceplan sprach ich meine Gehörlosigkeit an und fügte meinen Bewerbungen Praktikumszeugnisse bei. Ich hoffte, den Personalern durch meine guten Zeugnisse ein wenig Unsicherheit nehmen zu können. Etwa die Hälfte meiner Bewerbungen blieb unbeantwortet. Bei dem Rest handelte es sich um Absagen – immer hiess es, man habe einen geeigneteren Bewerber für diese Stelle finden können. Bis auf die Antwort von MyHandicap.

Bei der Jobsuche braucht man heutzutage manchmal einfach einen langen Atem und natürlich auch ein wenig Glück. Das gilt im Übrigen auch für Menschen ohne Behinderung.

Mein Glück war, dass ich mich bei einem Arbeitgeber bewarb, dessen Kompetenzbereich auf Menschen mit Handicap liegt und daher von Natur aus behinderten Bewerbern offensteht. Ich wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und versuchte, mich selbstbewusst zu präsentieren, meine Qualitäten hervorzuheben und gleichzeitig offen zu sein. Durch den Dolmetschereinsatz konnte ich zudem auch verdeutlichen, dass diese Lösung funktionierte. Zwei Wochen später bekam ich die Jobzusage.

Thomas und Gebärdensprachdolmetscherin beim Übersetzen
In den Redaktionskonferenzen übersetzt eine Gebärdensprachdolmetscherin das Gesprochene (Foto: MyHandicap)

Mach Dein Ding!

Während meines beruflichen Werdegangs habe ich vor allem eines gelernt: Mach das, was Du machen möchtest – ungeachtet Deiner Behinderung! Setze auf Deine Talente und Fähigkeiten! Denn nach dem Abitur fing ich ein Bioinformatikstudium an, obwohl mich Journalismus eher reizte. Schreiben war nämlich schon immer meine Leidenschaft.

Da ich damals jedoch der Ansicht war, als gehörloser Mensch in diesem recht kommunikativen Beruf kaum Chancen zu haben, entschied ich mich dagegen. Ein Fehler, wie ich heute feststelle.

Erst, nachdem ich merkte, dass Bioinformatik doch nichts für mich war und ich das Studium nach drei Jahren aus Motivationsgründen abbrach, besann ich mich auf meinen ursprünglichen Studienwunsch. So wechselte ich auf das mittlerweile reformierte Bachelorstudienfach Kommunikationswissenschaft. Und es war die beste berufliche Entscheidung meines Lebens!

Meine Integration bei MyHandicap

Ich arbeite heute mit einem Gebärdensprachdolmetscher, der bei den wöchentlichen Redaktionssitzungen übersetzt, und mit Tess, einem Vermittlungsservice, mit dem ich quasi „normal“ telefonieren kann. Beides wird vom Integrationsamt finanziert. Ich bekomme das monatliche Budget überwiesen, verwalte das Geld selbst und reiche die Nachweise quartalsweise ein.

Bei MyHandicap habe ich eine recht breite Aufgabenpalette: Ich schreibe Artikel, betreue das Forum und erledige technische Aufgaben. Bei Recherchen zu meinen Artikel telefoniere ich manchmal mit wildfremden Menschen. Am Anfang reagieren sie wegen dem Vermittlungsservice meist verunsichert, aber das legt sich in der Regel gleich. Und gleichzeitig betreibe ich damit indirekt Öffentlichkeitsarbeit.

Mit meinen Vorgesetzten und Kollegen stehe ich überwiegend über Mail oder Chat in Verbindung. Die persönliche Kommunikation funktioniert allerdings nur bedingt, jedoch stört mich das nicht allzu sehr. Denn ich weiss: Für jedes Hindernis gibt es immer mehrere Lösungsmöglichkeiten.

Trotzdem plane ich in den nächsten Monaten ein Workshop für meine Kollegen. Da erfahren sie einiges über Gehörlosigkeit sowie über den Umgang mit gehörlosen Menschen und erlernen hoffentlich das Fingeralphabet und ein paar Gebärden :)


Text: TMI - 08/2010

Fotos: Thomas Mitterhuber, Serviceplan Gruppe, MyHandicap

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