Erfolg als Prinzip: Behinderung muss keine Grenze sein

Ein junger Mann steigt eine Treppe hinauf. Im Hintergrund sieht man Bürogebäude.
"In der Therapie habe ich mein gutes Körpergefühl entwickelt." (Foto: MyH)

Wenn Thomas Christen von seiner Arbeit spricht, kommt Bewegung in seinen trainierten Oberkörper. „Manchmal muss ich in einem Projekt Druck machen, damit jeder seinen Termin einhält,“ sagt Christen. Der 27-jährige Berner hat eine Zerebralprese und arbeitet seit gut drei Jahren als Business Development Analyst für die Wachstumsregion Osteuropa bei Dow Chemical in Horgen.

Als solcher überwacht Thomas Christen Entwicklungsprojekte, erstellt Marktstudien sowie Finanzprognosen für das Executive Management und kooperiert schliesslich bei der Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen. „Für diese Arbeit braucht es sehr viel Selbstbewusstsein und Menschenkenntnis. Ich kommuniziere täglich mit Mitarbeitenden aus allen Hierarchiestufen und liefere ihnen auch zielgruppengerechte Informationen,“ sagt Christen. Geschäftsreisen in Europa und Übersee gehören ebenso zu den Anforderungen im Job.

Erholung im Flughafen

„Bei Flughäfen, die ich noch nicht kenne, bestelle ich mir zur Sicherheit einen Rollstuhl. So komme ich nicht völlig abgekämpft zum Check-in.“ sagt Christen. Er kennt die Stärken seines Körpers. Und er weiss, wo seine Grenzen sind. Christen hat seit seiner Geburt die leichte nicht-progressive Form von Zerebralparese.

Durch die Fehlentwickelung seiner Beinmuskeln sind seine Füsse inwärts gerichtet, sodass er beim Gehen mehr Konzentration auf den Schritt lenkt. „Das Treppensteigen ohne Geländer ist immer ein kleiner Balanceakt,“ meint er lächelnd. Christen hat die Gewohnheit entwickelt, klar und offen über seine Behinderung zu sprechen wie ein Golfer über sein Handicap.

Zwei Männer sitzen in einer Polstergruppe.
Dominik Domnik, CEO von MyHandicap, und Thomas Christen (Foto: MyH)

Sport als Weg zur Integration

Thomas Christen verbringt die ersten Jahre seiner Kindheit in der Schweiz. Später arbeitet sein Vater in verschiedenen europäischen Hauptstädten und zieht mit der Familie häufig um. Thomas besucht die internationalen Schulen. Immer wieder ist er mit neuen Schulkameraden konfrontiert, die ihn beim ersten Kontakt ziemlich scheel anschauen. „Hier musste ich lernen, nicht die Geduld zu verlieren,“ sagt Christen.

Sport bietet ihm die Möglichkeit, sich in der Schulklasse zu integrieren. „In der Physiotherapie habe ich mein Körpergefühl entwickelt und meine Liebe zum Sport,“ sagt Christen. Bei verschiedenen Disziplinen wie Schwimmen, Fussball oder Velofahren geht es ihm immer um Eines. Er will seine Grenzen austesten und schauen, was sein Körper vermag. „Als Jugendlicher bin ich halt beim Skifahren mehr umgefallen, doch aufrappeln konnte ich mich dann ganz schnell,“ erinnert sich Christen.

„Zu meiner letzten Grenzerfahrung gehört das Bungee Jumping vor zwei Jahren in Südafrika.“ Aus dieser Philosophie entwickelt er sein persönliches Leitmotiv: „Immer wenn mich meine Freunde bremsen wollten, hab ich erst recht Gas gegeben. Dieses Motto setzt er auch für das Studium ein, dass er in Boston mit der Auszeichnung „Magna Cum Laude“ abschliesst.

Ein junger Mann in weissem Hemd und Gilet sitzt entspannt in der Sommersonne.
"Zu meiner letzten Grenzerfahrung gehört Bungee Jumping." (Foto: myh)

Schritte in die Arbeitswelt

Mit einem glänzenden Studienabschluss in der Tasche stehen für Thomas Christen jetzt viele Türen offen. Seine ersten Sporen verdient er sich als Kommunikationsfachmann bei British Tobacco und bewirbt sich schliesslich bei Dow Chemical. „In meiner Bewerbung und auch vor dem Gespräch habe ich nichts von meiner Behinderung erwähnt,“ sagt Christen. „Daher war ich sehr überrascht, als mich die Personalverantwortliche fragte, ob ich vielleicht Hilfsmittel zur Anreise brauche.“

Das Unternehmen bietet ihm einen „sanften“ Einstieg mit einer 60-prozentigen Anstellung. „So ein Pensum ist für einen Menschen mit Behinderung, ideal, um ins Berufsleben einzusteigen,“ sagt Christen. So sei man nicht gleich zu Beginn dem vollen Leistungsdruck unterworfen und könne, falls es klappt, das Arbeitspensum später ausbauen. Bei Thomas Christen klappt’s. In seinem Job als Business Analyst arbeitet er jetzt im Vollzeitpensum.

Wenn der Feierabend in die späten Stunden rückt oder eine Morgenschicht ansteht, fährt Christen mit seinem Audi S3 zur Arbeit. Der Wagen hat eine clevere Spezialvorrichtung, bei der er die Bremse mit der Hand betätigen kann und den Fuss auf dem Gaspedal lässt. Kuppeln muss er nicht, da er nur einen Automat fahren darf.Nun braucht er keine Schonung mehr und hat eine klare Botschaft an seine Arbeitskollegen und Vorgesetzte: „Bitte behandelt mich nicht als Spezialfall, ich kann genau soviel Druck aushalten wie alle anderen Mitarbeitenden.“ 

Barrieren abbauen

Thomas Christen hat bereits konkrete Zukunftspläne. „Ich möchte bald im Sales Department arbeiten.“ Seine Kollegen hätten ein bisschen Bedenken geäussert, da man in dieser Sparte physisch und psychisch sehr gefordert ist. „Ich habe ihnen klar gesagt, dass ich das gut bewältigen kann.“ Ehrgeizig? „Ja, ich habe den Eindruck, dass ich als Mensch mit Behinderung mehr leisten muss, um Vorurteile abzubauen.“ sagt Christen.

In punkto Vorurteile will Thomas Christen durch seine Mitarbeit im europäischen Mitarbeiter-Netzwerk Disability Employees Network (DEN) dazu beitragen, Klüfte zwischen Menschen mit Behinderung und nichtbehinderten Menschen abzubauen. “DEN existiert, um Barrieren zu beseitigen, physische Barrieren sowie solche, die aufgrund falscher Vorstellungen entstehen.“

Text: BNI - 09/2010

Bilder: MyHandicap

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