Mit Behinderung fest im Leben: Konstantin Voswinkel

Porträtfoto von Voswinkel als Universitätsabsolvent
Voswinkel schaffte das Studium an der University of Denver durch viel Fleiss (Foto: Konstantin Voswinkel)

Konstantin Voswinkel studierte, arbeitete in den USA und kehrte trotz Erfolg im Beruf zurück nach Deutschland, um sich seinen Traum einer selbstständigen Existenz zu erfüllen und das alles mit Behinderung.

1977 kommt Konstantin zwei Monate zu früh auf die Welt. Während der Geburt kommt es zu einem Sauerstoffmangel, der zu einer spastischen Diplegie führt. Seitdem sind ein Paar Unterarmkrücken – und für längere Strecken ein Rollstuhl – die ständigen Begleiter des heute 32-jährigen, gehbehinderten Düsseldorfers. Und seit ein paar Monaten ist Caspar, sein Assistenzhund hinzugekommen.

Der siebenjährige Konstantin besucht zunächst eine Montessori- und später eine Gesamtschule in Meerbusch nahe Düsseldorf. Wegen seiner starken Lese-Rechtschreibschwäche und seiner körperlichen Behinderung wird er sehr stark gemobbt – „nicht nur von Schülern, sondern auch von Lehrern“. Durch einen auf ausländische Schulen spezialisierten Berater erfährt die Familie später von einer Schule für Kinder mit Legasthenie in den Vereinigten Staaten.

Mutiger Aufbruch in eine neue Welt

Aus seinen US-Reisen kann sich Voswinkel noch sehr gut an den „offenen und herzlichen Umgang“ der Amerikaner mit behinderten Menschen erinnern. Als Achtklässler beschliesst er daher, an die Forman School im US-Bundesstaat Connecticut zu gehen. Fortan wird er in einem Internat leben – nur zu Weihnachten und in den Sommerferien fliegt er nach Hause.

An dieser High School erhält er viel Unterstützung und Zuspruch. „Aus dieser Zeit nehme ich sehr schöne Erinnerungen mit“, resümiert Voswinkel. Nach dem Abschluss 1997 geht Voswinkel an die University of Denver, um dort Hotelbetriebswirtschaft zu studieren. Seine überaus positiven Erfahrungen aus der High School setzen sich fort. „Aber es war auch anstrengend, da ich nun deutlich härter arbeiten musste, um den vielen Stoff bewältigen zu können“, erzählt Voswinkel. Er nimmt viel Nachhilfe in Anspruch, um seine Legasthenie auszugleichen.

Erfolgreich durchs Studium durch viel Fleiss

Voswinkel lernt im Studium unter anderem, Marketingpläne zu entwerfen und Finanzierungskonzepte zu erstellen. Unterricht bekommt er auch in Ernährungswissenschaften und in Restaurantmanagement. Nach dem erfolgreichen Studienabschluss kehrt er zurück nach Deutschland – und macht sich voller Hoffnung auf die Jobsuche.

Allerdings ohne Erfolg – wegen seiner Behinderung, wie er heute glaubt. Nach einem Jahr zieht er wieder in die Vereinigten Staaten und fängt in einem Hotel der Hotelkette Hyatt in Ohio im Management an. Er leitet dort die Reinigungskräfteabteilung. „Dort habe ich viel Unterstützung und Anerkennung erfahren“, erinnert sich Voswinkel.

Konstantin Voswinkel im Rollstuhl auf der Rehacare mit Caspar auf dem Schoss
Sein Assistenzhund Caspar bringt Voswinkel viel emotionale Freude ins Leben (Foto: Konstantin Voswinkel)

Unterstützung nicht vom Staat, sondern von der Firma

„In den USA übernehmen die Unternehmen selbst die Verantwortung für den Nachteilsausgleich behinderter Mitarbeiter – das wird von ihnen einfach erwartet“, erzählt Voswinkel.

Sein Büro wird behindertengerecht umgebaut, er bekommt einen Computer mit Spracherkennung für Briefdiktate und seine Kollegen unterstützen ihn dort, wo sein Körper an Grenzen stösst, zum Beispiel beim Bettenmachen. „Sie waren von sich aus hilfsbereit und akzeptierten meine Behinderung. Ich brauchte deshalb nicht extra jemanden, der mir die eine oder alltägliche Arbeit abnimmt.“

Nach dreieinhalb Jahren wird Voswinkel in ein Hyatt-Hotel in Connecticut versetzt. „Das ist in der Hotellerie üblich, dass man ein paar Jahre in verschiedenen Häusern arbeiten soll, damit man viel Erfahrung sammeln kann“, erklärt Voswinkel. Dort bleibt er fast ein Jahr.

Ein anderes Bild von behinderten Menschen

„Das Leben als behinderter Mensch in den USA ist viel einfacher“, erzählt Voswinkel, „dort würde sich keiner trauen, sein Auto auf den Behindertenparkplatz abzustellen. Und in Supermärkten gibt es viel Unterstützung, der Einkauf wird zum Beispiel zum Auto getragen. Menschen mit Handicap werden dort als wichtiger Part der Gesellschaft und auch als wirtschaftliche Kraft angesehen.“

Trotzdem entscheidet sich Voswinkel für eine Rückkehr nach Deutschland. Denn in seinen US-Jahren ist bei ihm eine Idee gereift: Konstantin Voswinkel will sich seinen Traum erfüllen und sich selbstständig machen. 2007 gründet er Disabled Travel Consultants (DTC), eine Beratungsfirma für barrierefreien Tourismus.

Neue Herausforderung: selbstständige Existenz

„Ich sah, wie kundenorientiert in den USA mit behinderten Menschen umgegangen wird, besonders beim Reisen und wollte meinen Beitrag leisten, diese Servicekultur auch in Deutschland einzuführen oder zu etablieren“, so Voswinkel zu seiner Motivation.

Seine Arbeit bei DTC besteht darin, gemeinsam mit Unternehmen aus der Tourismusbranche wie beispielsweise Flughäfen, Bahnhöfe oder Reiseanbieter Konzepte dafür zu entwickeln, wie diese behinderte Menschen als Kunden gewinnen können. „Aber mit so viel Gegenwind hatte ich nicht gerechnet“, beklagt Voswinkel den Unwillen vieler Tourismusunternehmen, behinderte Menschen schon heute als kaufkräftige Kundengruppe wahrzunehmen.

„Offensichtlich kaum Bedarf von der Tourismusindustrie her“

Weil sein Ein-Mann-Unternehmen nicht so gut läuft, wie er es gerne hätte, hat Voswinkel mittlerweile einen anderen Job angenommen. In diesem verwaltet er Mietwohnungen in Köln, die DTC-Beratung macht er seither nebenbei. Anfang des Jahres 2010 erlebt er jedoch einen Rückschlag: Um seine Brille loszuwerden, lässt er seine Augen einer Laser-Operation unterziehen.

Die Operation verläuft am linken Auge problemlos. Das rechte aber entzündet sich so stark, dass er auf diesem heute nunmehr 15 % Sehkraft besitzt. „Es ist so, als sähe man durch einen Milchfilm“, beschreibt Voswinkel die Sicht. Vier Wochen oder mehr verbringt er in Krankenhäusern, um das zu retten, was zu retten war.

Offizielles Botschafterfoto von Konstantin Voswinkel, stehend mit Krücken
Voswinkel engagiert sich auch als MyHandicap-Botschafter (Foto: Konstantin Voswinkel)

Nicht aufgeben, nach vorne schauen

Aber Voswinkel rappelt sich schnell wieder auf. Wenige Monate nach der Operation ist er wieder fest im gleichen Arbeitsalltag. Auch hier greift er auf die üblichen Hilfsmittel, die er ansonsten im Alltag verwendet, zurück: Krücken, Rollstuhl und ein Computer mit Spracherkennung.

Wie schon erwähnt, hat er seit wenigen Monaten ein neues „Hilfsmittel“ – Caspar, ein vom Verein VITA Assistenzhunde e.V. ausgebildeter Assistenzhund. Voswinkel lernte Caspar vor drei Jahren auf der Rehacare, als dieser noch ein Welpe war, kennen. „Da war ich schon restlos von ihm begeistert“, erinnert er sich.

Viel Freude im Alltag mit Caspar

„Caspar hilft mir im Alltag, indem er verschiedenste Sachen wie kleine Einkäufe trägt oder die Wäsche aus der Waschmaschine rausholt. Hauptsächlich ist er für mich aber eine grosse emotionale Freude, denn ich habe sehr viel Spass daran, mit ihm zu üben und auch mit ihm meinen Alltag zu verbringen.“

Die teure Ausbildung von Caspar in Höhe von 25.000 Euro hat Voswinkel zum Teil selbst übernommen, der Rest wird durch Spenden an den VITA-Verein getragen. "Trotzdem bemühe ich mich weiterhin, Spenden für VITA e.V. aufzutun", sagt Voswinkel. Mehr zu seinen Erlebnissen mit Caspar in seinem Blog bei MyHandicap.

Daneben engagiert sich Konstantin Voswinkel ebenfalls ehrenamtlich für MyHandicap – als Tourismus-Fachexperte und als Botschafter. „Ich finde es ungeheuer wichtig, dass man sich mit anderen Betroffenen darüber austauschen kann, wie man seinen Alltag mit einer Behinderung bewältigt.“

Engagement für die MyHandicap-Community

Er weiss, dass die berufliche Integration ein entscheidender Faktor für die Gleichstellung behinderter Menschen ist. Und zwar nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern auch durch seine Botschaftereinsätze – er tauschte sich mit Betroffenen über ihre Schwierigkeiten im Beruf aus.

Voswinkel weiss aber auch, dass er durch viel Unterstützung eine unglaublich gute berufliche Ausbildung erfahren hat. „Dadurch habe ich beruflich wahrscheinlich deutlich mehr erreicht als wenn ich in Deutschland geblieben wäre“, behauptet er.

Jedoch reicht eine gute Ausbildung allein nicht aus, findet Konstantin Voswinkel: „Wenn behinderte Menschen etwas erreichen möchten, müssen sie selber anpacken. Es bringt nichts, sich hinter seiner Behinderung zu verstecken und darauf zu hoffen, dass sich die Probleme von selbst lösen.“


Text: TMI

Fotos: Konstantin Voswinkel

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