Wenn die Kerze an beiden Enden brennt

Bunte Collage mit einem Ausgangsschild
"Es war wie surfen auf einer nicht enden wollenden Welle", beschreibt Kathrin ihren beruflichen Höhepunkt (Gerd Altmann/pixelio.de)

„Bei dir habe ich das Gefühl, als würde eine Kerze an beiden Enden brennen“, sagte die Mutter einst zu Kathrin. Jahrzehnte später wurde bei Kathrin eine affektive Störung diagnostiziert. Dazwischen lagen ein steiler beruflicher Aufstieg, ein kompletter Zusammenbruch und eine Odyssee durch Arztpraxen und psychiatrische Kliniken.

„Ich bin zutiefst dankbar für die berufliche Erfüllung, die ich erfahren durfte. Es war ein grosses Privileg und auch ein Riesenspass“, sagt Kathrin*. Nach einer kaufmännischen Grundausbildung bildete sie sich im Bereich Marketing und Public Relations weiter.

Bei einem Schweizer Grosskonzern konnte sie ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Sie investierte viel – ihre Kenntnisse, ihre Fähigkeiten, ihre Kreativität und vor allem auch ihre Zeit. Sie arbeitete Tag und Nacht, war immer da. „Meine Arbeit war alles für mich“, blickt Kathrin zurück und ergänzt: „Der Aufwand war mir nicht bewusst, ich hatte einen richtigen „flow“, es war wie surfen auf einer nicht enden wollenden Welle.“

Von jeglicher Kraft verlassen

Vor einem guten Jahrzehnt aber brach die Welle in sich zusammen. Kathrin war im Rahmen ihrer Arbeit für ein Millionenprojekt verantwortlich. Kurz vor dessen Realisierung hatte sie einen Nervenzusammenbruch. Aber eine Pause lag nicht drin. Sie nahm Medikamente, arbeitete weiter, als sei nichts geschehen und brachte das Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss. Es war aber nicht nur der Abschluss des Projekts, sondern auch ihrer beruflichen Karriere.

Eines Morgens sass sie im Büro, wollte sich gerade für eine Weiterbildung anmelden, brachte aber nicht einmal mehr die Kraft auf, ihren Namen zu schreiben. Nichts ging mehr – burn out. „In diesem Moment hatte ich absolute Klarheit darüber, dass meine berufliche Karriere zu Ende war“, sagt Kathrin.

Dabei habe sie eine tiefe Zufriedenheit verspürt. Sie habe ganz ruhig ihren Arzt angerufen. Es war nicht nur der Moment, in dem ihr steiler beruflicher Aufstieg ein jähes Ende fand, es war auch der Moment, als eine jahrelange Odyssee durch Arztpraxen, Kurhäuser und psychiatrische Kliniken begann.

Keine Besserung

Zuerst ging sie drei Wochen zur Kur. Sie schlief und las viel, die bleierne Müdigkeit wich aber nicht, eine Veränderung stellte sich nicht ein. Auf eigenes Begehren hin wurde Kathrin daraufhin in die Akutpsychiatrie eingewiesen. Auch dort verbesserte sich ihr Zustand kaum, sie wurde nur etwas ruhiger.

Die ihr verabreichten Anti-Depressiva brachten ebenfalls wenig Besserung. Über die Jahre wurden Kathrin 15 verschiedene Medikamente verschrieben, die aber wenig bis nichts bewirkten, ausser dass sie 30 Kilo zunahm. Dennoch, das berufliche Leben musste irgendwie weitergehen, auch aus existenziellen Gründen.

viele verschiedene Tabletten auf einer Ebene
Unzählige Anti-Depressiva brachten kaum Besserung (Rainer Sturm/pixelio.de)

Trotz Qualifikation kein Job

Kathrin nahm Aushilfejobs an, strich im Coméstible-Laden einer Freundin Sandwiches oder schrieb für eine PR-Agentur Adressen. Ihr Wille, mit einem Teilzeitjob die Rückkehr ins Berufsleben zu schaffen, war da. Sie überwand die Angstzustände vor Vorstellungsgesprächen, kassierte aber selbst auf Bewerbungen als Datatypistin Absage über Absage –mit der Begründung, sie sei für die Stelle überqualifiziert.

Die Angst der Arbeitgeber, dass sie nach kurzer Zeit unterfordert und unzufrieden sein würde, war einerseits verständlich. Andererseits war es frustrierend festzustellen, dass ihr kein Personalverantwortlicher Glauben schenken wollte, wenn sie sagte, dass sie einfach arbeiten wolle, Zufriedenheit suche und mit ihrer Karriere längst abgeschlossen habe. Dabei war es für sie selbst ein langer und harter Weg gewesen, dies nicht nur zu wissen, sondern auch zu akzeptieren.

Zweifel ausgeräumt

Schliesslich fand sich aber ein im Sozialbereich tätiges Unternehmen, das bereit war, ihrer Aussage „ich mache alles“ Glauben zu schenken und sie Teilzeit als Telefonistin zu beschäftigen. Natürlich bestanden beim Arbeitgeber Zweifel, aber Kathrin räumte diese aus und gleichzeitig die Kantine auf, servierte Kaffee, kopierte, und wurde nach und nach mit verantwortungsvolleren Aufgaben betraut. Und sie erfüllte diese Aufgaben gerne und war zufrieden, immer auch mit einem Blick zurück und der Dankbarkeit, wie sie den ersten Teil ihres Berufsleben hatte gestalten dürfen.

Obwohl gesundheitlich weiter angeschlagen war der Wiedereinstieg ins Berufsleben geglückt. Zwei Jahre später las sie ein Stelleninserat ihres heutigen Arbeitgebers, das sie so empfand, als sei es für sie geschrieben worden.  Auch hier schenkte man ihr Vertrauen, und auch hier ist sie heute im Rahmen eines Teilzeitpensums polyvalent einsetzbar, erledigt einfache Arbeiten, setzt bei Bedarf aber auch die umfangreichen Kenntnisse aus ihrer früheren beruflichen Tätigkeit ein.

Stethoskop auf einem offenen Telefonbuch
Nach langen Jahren endlich die richtige Diagnose (Siegfried Fries/pixelio.de)

Diagnose als Erlösung

Doch Kathrins Weg zurück ins Berufsleben war nicht nur begleitet von ärztlicher Betreuung, Unmengen von Medikamenten und Existenz-Ängsten, sondern auch von Rückschlägen. Der letzte dieser Rückschläge hatte nun aber auch sein Gutes, denn er brachte endlich die richtige Diagnose für ihre Krankheit. Hervorgerufen wurde der Rückschlag einerseits durch Überbelastungen im privaten Umfeld, andererseits aber auch im Beruf, denn noch heute gelingt es Kathrin nicht immer, abzuschalten. Sie begab sich erneut in psychiatrische Behandlung und ein Psychiater, der sie bisher nicht kannte, nahm sich ihres Falles an.

Er ging strategisch vor, stellte in drei Sitzungen die richtigen Fragen und stellte eine klare und eindeutige Diagnose: bipolare Störung der Kategorie 2. Dabei handelt es sich um eine psychische Störung, die zu den Affektstörungen gehört und sich bei den Betroffenen durch episodische, willentlich nicht kontrollierbare und extreme Auslenkungen des Antriebs, der Aktivität und der Stimmung äussert, die weit ausserhalb des Normalniveaus in Richtung Depression zeigt. Und auf einmal machte für Kathrin alles, was sie seit ihrer Kindheit gefühlt und erlebt hatte, Sinn – so auch die Worte ihrer Mutter: „Bei dir habe ich das Gefühl, als würde eine Kerze an beiden Enden brennen.“

Keine Verbitterung, sondern Dankbarkeit

Nach unzähligen Fehldiagnosen, Therapien, Sitzungen, Klinikaufenthalten und der jahrelangen Einnahme von Anti-Depressiva ist Kathrin trotz ihrer Krankheit nun am Ende eines langen Leidensweges angekommen. Die richtige Diagnose war befreiend für sie, endlich weiss sie, was mit ihr nicht stimmt. Mit Neuroleptika wird die affektive Störung nun behandelt. Auch diese Medikamentierung geht nicht ohne Nebenwirkungen ab, aber Kathrin arbeitet wieder.

„Ich arbeite auch heute immer noch gern, muss aber weiter aufpassen, dass ich abschalten kann“, sagt sie. „Ich habe keine beruflichen Träume mehr, meine besten beruflichen Jahre habe ich hinter mir, die sind nicht zu toppen. Aber ich bin keineswegs verbittert deswegen, ich bin dankbar dafür, dass ich sie und alles was sie mit sich brachten erleben durfte. Heute führe ich ein bescheidenes Leben, ich nehme Tag für Tag und bin gespannt, was der neue Tag bringt – denn es passiert immer etwas!“

*Name von der Redaktion geändert


Text: PG - 11/2010

Fotos: pixelio.de

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