„Beitrag der KMU ist unabdingbar“

Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes
Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes (Foto: sgv)

Die KMU bilden das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Entsprechend gefordert sind sie auch bei der Reintegration von Menschen mit einer Leistungseinschränkung in den Arbeitsmarkt. MyHandicap hat sich mit Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweiz. Gewerbeverbandes, darüber unterhalten, was die KMU leisten können, über Schwierigkeiten, Motivation und Anreize.

MyHandicap (MyH): Herr Bigler, wie beurteilen Sie als Direktor des Schweizerisch Gewerbeverbandes, der 280 Verbände und gegen 300.000 Unternehmen vertritt, die Massnahmen der 6. IV-Revision generell?

Hans-Ulrich Bigler (HUB): Wir stehen der 6. IV-Revision grundsätzlich positiv gegenüber. Abgelehnt werden Ausschreibeverfahren beim Einkauf von Hilfsmitteln sowie die vorgeschlagene Sanierungsklausel. Automatismen, welche automatische Beitragserhöhungen beinhalten, sind für die KMU-Wirtschaft inakzeptabel.

MyH: Zwischen 2012 und 2018 sollen der Bestand an IV-Vollrenten um 12.500 abgebaut und 16.800 IV-Rentner wieder in Arbeitsmarkt integriert werden. Ist der Arbeitsmarkt reif dafür?

HUB: Der Bundesrat hat sich zweifellos ein ambitiöses Ziel gesteckt. Ob dieses erreicht werden kann, wird die Zukunft zeigen. Wichtig ist, dass mit Nachdruck an der Umsetzung dieses Ziels gearbeitet wird. Da die Zusatzfinanzierung auf sieben Jahre befristet ist, muss alles unternommen werden, um das strukturelle Defizit der IV möglichst rasch zu beseitigen.

KMU integrieren mehr als Grossbetriebe

MyH: Die Wirtschaft ist gefordert, massiv mehr Arbeitsstellen für gesundheitlich angeschlagene Erwerbstätige zu schaffen. Welchen Anteil können die KMU dazu beitragen?

HUB: Da die KMU das Rückgrat unserer Volkswirtschaft bilden, ist ihr Beitrag unabdingbar. Viele KMU beschäftigen auch bereits Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Eine im letzten Jahr veröffentlichte Studie der Stiftung "Integration für alle" (IPT) hat gezeigt, dass die KMU heute schon sehr viel mehr tun als Grossbetriebe.

MyH: Wie präsentiert sich die Situation heute in den schweizerischen KMU, wie viele Menschen mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung werden beschäftigt?

HUB: Gemäss der Studie der Stiftung "Integration für alle" (IPT) belief sich der Anteil behinderter Mitarbeiter bei Microunternehmen (bis neun Beschäftigte) im Jahre 2008 auf 4,13% des gesamten Personalbestandes. Bei Kleinbetrieben (10 - 49 Mitarbeitende) liegt der Prozentanteil behinderter Mitarbeiter bei 3,48%, bei Mittelbetrieben (50 - 249 Mitarbeitende) bei 3,80%. Grossbetriebe schneiden hier mit einem Behindertenanteil von mageren 1,25% leider sehr schlecht ab.

MyH: Wo sehen Sie die grössten Schwierigkeiten für die Arbeitgeber?

HUB: Vielen KMU fehlt es am notwendigen Wissen. Sie befürchten zudem, dass im Falle eines Misserfolgs das Arbeitsverhältnis aufgrund des weitgehenden Kündigungsschutzes nur schwer aufgelöst werden kann und dass die Prämien für Taggeldversicherungen und für die 2. Säule stark ansteigen könnten.

MyH: Wie können KMU motiviert werden, Menschen mit einer Behinderung eine Chance im Erwerbsleben zu geben?

HUB: Wichtig sind eine ehrliche und umfassende Beratung vor der Einstellung behinderter Mitarbeiter und ein Coaching während der Startphase. Zudem muss sichergestellt werden, dass ein Arbeitsverhältnis im Falle eines Scheiterns ohne Komplikationen wieder aufgelöst werden kann. Den KMU muss zudem garantiert werden, dass ihnen keine Nachteile bei den Sozialversicherungen erwachsen werden.

Zusammenarbeit mit Sozialpartnern

MyH: Die Ängste in Unternehmen vor den Herausforderungen, die die Beschäftigung von Menschen mit einer Behinderung mit sich bringen, sind vielerorts gross, obwohl gerade Arbeitsplatzanpassungen oftmals ohne grossen Aufwand möglich sind. Wie kann hier von Seiten des Schweizerischen Gewerbeverbandes und seiner Mitgliederverbände Überzeugungs- und Sensibilisierungsarbeit geleistet werden?

HUB: Der sgv hat das Thema der Behindertenintegration in seinen Publikationsorganen immer wieder aufgegriffen und die KMU ermuntert, den Kontakt mit den IV-Stellen und den privaten Vermittlungsorganisationen zu suchen. Wir werden uns in diesem Bereich wie bisher weiter engagieren.

MyH: Wie beurteilen Sie den Kenntnisstand der KMU hinsichtlich der Möglichkeiten, die sich einem Unternehmen bieten - wie zum Beispiel Anlern- oder Einarbeitungszuschüssen?

HUB: Die administrative Belastung der KMU durch den Dschungel staatlicher Vorschriften ist dermassen gross, dass die meisten schlicht keine Zeit haben, sich auf eigenen Antrieb hin auch noch mit dieser Thematik zu beschäftigen. Aktive Aufklärung und Abbau unnötiger Regulierungen durch die betroffenen Stellen tun deshalb Not.

MyH: Wie gut agieren KMU heute bei der Früherfassung, also wenn sich bei Mitarbeitenden das Risiko einer Arbeitsunfähigkeit abzeichnet?

HUB: Das Instrument ist relativ neu und muss sich erst noch etablieren. Die ersten Erfahrungen stimmen aber zuversichtlich.

Umsetzung der 5. IV-Revision braucht Zeit

MyH: Eine wichtige Rolle in der Vermittlung von Arbeitsmöglichkeiten kommt der Invalidenversicherung (IV) zu. Wie nimmt Sie Ihrer Meinung nach diese Aufgabe wahr?

HUB: Der Aufgabenbereich der IV-Stellen wurde mit der 5. IV-Revision massiv erweitert. Bis alle Aufgaben reibungslos bewältigt werden können, braucht es Zeit. So können beispielsweise Case Manager kaum auf dem Arbeitsmarkt rekrutiert werden, sondern müssen erst aus- und weitergebildet werden. Es wäre vermessen, wenn man erwarten würde, dass bereits nach einem halben Jahr alles rund läuft.

MyH: Von den Unternehmen wird im Zusammenhang mit der Reintegration in den Arbeitsmarkt einiges abverlangt, was erwarten Sie im Gegenzug von den IV-Bezügern?

HUB: Von den IV-Bezügern erwarte ich, dass sie alles daran setzen, die sich ihnen bietenden Chancen zu nutzen.

MyH: Die ganze Diskussion um die Reintegration von Menschen mit einer Leistungsbeeinträchtigung dreht sich meist um die Defizite und nur selten darum, welche zusätzlichen Fähigkeiten oder welche Leistungsbereitschaft diese Menschen einbringen können. Wird nicht viel zu wenig Wert darauf gelegt, was die Integration von Menschen mit Behinderung einem Unternehmen bringen kann?

HUB: Wenn zusätzliche Fähigkeiten eingebracht werden können, sind diese sicher sehr willkommen. Entscheidend ist aber schlussendlich, dass die gestellte Aufgabe wirtschaftlich und zur Zufriedenheit der Kunden erledigt werden kann.

Der Schweizerische Gewerbeverband sgv, die Nummer 1 der Schweizer KMU-Wirtschaft, vertritt 280 Verbände und gegen 300.000 Unternehmen. Im Interesse der Schweizer KMU setzt sich die Dachorganisation sgv für optimale wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen sowie für ein unternehmensfreundliches Umfeld ein.

Text: PG - 09/2010

Foto: sgv

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