Gesucht sind keine Zweihänder

Eine gelbe Bewerbungsmappe mit Füller und Brille
Der erste Eindruck zählt. (Bild: Uli Carthäuser / pixelio.de)

Stellensuchen ist in einem ausgetrockneten Arbeitsmarkt für niemanden ein Zuckerschlecken. Menschen mit Behinderung stossen bei der Jobsuche auf zusätzliche Herausforderungen. Wie sich diese meistern lassen erläutert ein Berufsberater.

Der 46-jährige Kurt H. hat seit seiner Geburt einen verkümmerten Arm. Vor einigen Jahren entzündete sich seine Schulter durch einseitige Belastung so stark, dass er seine gutbezahlte Stelle als Versicherungskaufmann aufgeben musste. Seine Bewerbungen blieben erfolglos und bald waren auch die letzten Ersparnisse aufgebraucht. "Als mir das Sozialamt Kurt H. zuwies, erarbeitete ich mit ihm zuerst eine neue Bewerbungsstrategie”, sagt ein Berufsberater von Rehafirst.

Rehafirst engagiert sich dafür, dass Menschen, die von Invalidität, Erwerbslosigkeit oder unbefriedigenden beruflichen Perspektiven bedroht oder betroffen sind, beruflich, gesundheitlich und sozial integriert bleiben beziehungsweise reintegriert werden. Rehafrist begleitet ihre Klienten  im gesamten Bewerbungsprozess. Das heisst von der Auswahl des Stelleninserats bis zum Vorstellungsgespräch. Oft kommt es vor, dass behinderte Menschen mit Denkmustern in den Arbeitsmarkt treten wollen, die nicht zum gewünschten Erfolg führen.

Vorhandenes Kapital nutzen

Am Anfang des Bewerbungsprozesses brauchen Menschen mit Behinderung eine realistische Einschätzung, wo ihre Ressourcen liegen und wie diese mit den Anforderungen im Stellenmarkt übereinstimmen. Durch Unfall behinderte Menschen, die ihren angestammten Beruf nicht mehr ausüben könne, trauern oft ihrer früheren Stelle nach. Hier ist ein Umdenken nötig und die Frage lautet weniger, was ein Stellensuchender verloren hat, sondern was an Kapital noch vorhanden ist.

Bei der Auswahl der Stelleninserate richtet sich der Blick auf Tätigkeiten, die auch mit der Einschränkung problemlos zu meistern sind.
„In einer Stellenausschreibung sucht ein Unternehmen ja keine Zweihänder, sondern Bewerber, die am Empfang ein Telefon bedienen können“, sagt der Berufsberater von Rehafirst. 

Sag ich's oder sag ich's nicht

Das Bewerbungsschreiben ist die Visitenkarte des Stellensuchenden. In vielen Unternehmen entscheiden Personalverantwortliche sehr schnell, ob eine Bewerbung auf dem Abschiedsstapel landet oder für ein Erstgespräch in Frage kommt. Es ist daher wichtig, sich auf die vorhandenen Ressourcen zu fokussieren. Der Berufsberater empfiehlt seinen Klienten, die Einschränkung im Bewerbungsschreiben nicht zu erwähnen.

In seinen früheren Bewerbungsschreiben hatte Kurt H. seine Behinderung ausführlich beschrieben und auch betont, wie er trotz Behinderung und ohne Hilfe von anderen sein Leben bisher meistern kann. "Das mussten wir alles rauskippen", sagt der Berufsberater von Rehafirst, "denn die Behinderung darf nicht als Ressource deklariert sein“. Ein Killer im Bewerbungsschreiben ist auch der Hinweis, dass die Invalidenversicherung (IV) oder eine andere Institution einen Einarbeitungszuschuss leistet. „Das Wort IV wirkt hier wie ein rotes Tuch.“

Fokus auf Ressourcen

Die lang ersehnte Einladung zum Bewerbungsgespräch ist da. Jetzt ist es angebracht, vor dem  Gesprächstermin auf sichtbare Einschränkungen aufmerksam zu machen. Als Kurt H. dies bei einem Bewerbungsgespräch unterlassen hatte, musste er feststellen, dass seine Gesprächspartner irritiert waren und das Gespräch ins Stocken geriet. Für ein erfolgreiches Bewerbungsgespräch gilt: Eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete.

Es empfiehlt sich hier zu überlegen, wo die besonderen Stärken und Talente liegen und diese in einem kurzen Script niederzuschreiben. Rehafirst erlebt oft, dass ihre Kandidaten sich zu sehr auf ihre Schwächen oder ihr „Schicksal“ einlassen. Das Gespräch nimmt so einen Verlauf, den man gar nicht erwartet hat. "Stellen Sie sich vor, Sie suchen jemanden, der eine Tätigkeit ausüben kann, und dieser 'jemand' sind Sie," rät der Berufsberater von Rehafirst. Kurt H. hatte mit seiner neuen Bewerbungsstrategie Erfolg. Er ist seit einem guten Jahr wieder werktätig.

Mehr Bewerbungstipps von MyHandicap finden Sie hier.

Text: BNI

Bilder: pixelio.de

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