Eine Frage der Definition

Figürchen steht in 3D-Statistik
Die Quotenregelung könnte eine Möglichkeit zur vermehrten Integration im Arbeitsmarkt sein (S. Hofschlager/pixelio.de)

Menschen mit Behinderung sollen wieder vermehrt in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden, verlangt die 6.IV-Revision. Eine mögliche Umsetzung dieser Anforderung könnte eine Quotenregelelung sein.

Das ist eine Verpflichtung der Arbeitsgeber, einen bestimmten Prozentsatz an Menschen mit Behinderung einzustellen. Doch wer gilt als behindert und wer nicht? Eine klare Regelung gibt es in der Schweiz bisher nicht.

Mit der 6. IV-Revision hofft der Bundesrat, in den nächsten sieben Jahren rund 16'800 IV-Rentenbezüger in den Arbeitsmarkt zu reintegrieren. Die berufliche Integration ist ein Teil der vorgeschlagenen Massnahmen der IV-Sanierung. Ein Grossteil der Menschen mit Behinderung würde gerne arbeiten, findet jedoch nur schwer eine Anstellung.

Behindertenquote als mögliche Lösung

„Es ist illusorisch zu glauben, dass die Arbeitsgeber von sich aus Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung anbieten“, so Catherine Corbaz vom Dachverband der Behinderten-Selbsthilfeorganisationen AGILE. Eine mögliche Lösung könnte das Quotensystem sein, das Arbeitsgeber dazu verpflichtet, einen bestimmten Prozentsatz an Menschen mit Behinderung in ihrer Unternehmung anzustellen. Wer die Quote nicht erfüllt, muss eine Ausgleichsabgabe (Malus) bezahlen.

In Italien, Frankreich, Spanien, Österreich, Polen sowie Deutschland wird das Quotensystem bereits angewendet. Zwar werden auch dort die Quoten selten erreicht, jedoch lassen sich so Einnahmen generieren, die Integrationsprojekte finanzieren können. Auch müssen sich die Arbeitsgeber mit der Thematik auseinandersetzen und werden so sensibilisiert.

Statistik mit Titel „Arbeitsmarkt“
Menschen mit Behinderung sollen vermehrt in den Arbeitsmarkt integriert werden (Beate Klinger/pixelio.de)

Wer ist behindert?

Doch in der Schweiz stellt sich die Schwierigkeit: Wer gilt als behinderter Arbeitsnehmer? Wo fängt eine Behinderung an?

In Deutschland sind diese Fragen einfacher zu klären. Dort gilt die Vorgabe für private Unternehmen mit mindestens 20 Angestellten, mindestens fünf Prozent mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen. Gemeint sind damit Inhaber des sogenannten Schwerbehindertenausweises. Dieser Ausweis deklariert klar die Art und der Grad der Behinderung seines Inhabers. Nebst dieser Deklaration regelt dies auch die Ausgleichzahlungen durch die Krankenkasse und weitere Leistungen.

In der Schweiz gibt es diese Einteilung nicht. Zwar steht im Behindertengleichstellungsgesetz, Artikel 2: „Ein Mensch mit Behinderung bedeutet eine Person, der es eine voraussichtlich dauernde körperliche, geistige oder psychische Beeinträchtigung erschwert oder verunmöglicht, alltägliche Verrichtungen vorzunehmen, soziale Kontakte zu pflegen, sich fortzubewegen, sich aus- und fortzubilden oder eine Erwerbstätigkeit auszuüben.“

Diese Definition erlaubt jedoch Arbeitsgebern sowie Betroffenen eine eher freie Auslegung. So ist in der Schweiz Interpretation, ob jemand behindert ist oder nicht, eine individuelle Empfindung.

Behindertenausweis auch in der Schweiz?

Stellt sich die Frage, ob eine Einführung eines ähnlichen Ausweises wie in Deutschland auch in der Schweiz gemacht werden soll, um eine klare Quotenregelung zuzulassen.

Viele Menschen mit Behinderungen sind da jedoch skeptisch. Für viele gilt die Devise „Ich bin nicht behindert, sondern ich werde behindert“. Einen Behindertenausweis, der ihre Behinderung klar deklariert, empfänden sie als Stigmatisierung.

Zu beachten ist auch, dass je nach Kombination von Behinderungsart und Arbeitsstelle, die Behinderung verschieden ausfallen kann. „Mit meiner Beinprothese bin ich als Büroangestellter überhaupt nicht behindert. Wäre ich Lagerarbeiter oder Bauarbeiter wäre die Situation eine ganz andere!“, so ein User im Forum von MyHandicap.

Hängeregister mit Titel „Statistik“
Um die IV zu entlasten, sollen mehr Menschen mit Behinderung wieder arbeiten (Rainer Sturm/pixelio.de)

Noch ein weiter Weg

Empirische Studien, zum Beispiel aus Österreich, dessen föderalistisches System dem der Schweiz ähnelt, zeigen, dass mit dem Quotensystem die Anzahl der erwerbstätigen Menschen mit Behinderung tatsächlich gesteigert werden kann.

Allein die Vorgabe, Menschen mit Behinderung vermehrt im Arbeitsmarkt einzugliedern, wird die Anzahl der behinderten Erwerbstätigen nicht erhöhen. Verschiedene Begleitmassnahmen, wie im konkreten Fall eine klarere Regelung, wer als behinderter Arbeitsnehmer gilt und wer nicht, in Kombination einer Quotenregelung sind nötig.

Sichtweise von MyHandicap

Eine Massnahme, die die IV bereits ergriffen hat, ist die Zusammenarbeit mit der Stiftung MyHandicap. Durch eine sogenannte Job.DNA auf jobs.ch soll genau eruiert werden, welche Tätigkeiten die stellensuchende Person mit Behinderung ausführen kann. Weitere Informationen zu diesem Programm finden Sie hier.

MyHandicap legt den Fokus in erster Linie auf die Fähigkeiten der Betroffenen und nicht auf deren Einschränkungen: Ability statt Disability. Was zählt, ist die Person und deren Fähigkeiten.

Ob die Quotenregelung tatsächlich umgesetzt wird und welche Begleitmassnahmen dazu nötig sind, steht noch nicht fest. MyHandicap wird die weitere Entwicklung verfolgen.

Text: M. Plattner -11/2010

Bilder: pixelio.de

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