Menschen mit Handicaps - mit grossem Potenzial für Unternehmen

Menschen im Büro am Arbeiten
Gelebte Diversität erleichtert die Inklusion von Menschen mit Handicap.

Diversity - individuelle und soziale Vielfalt - ist ein Begriff, der in der öffentlichen Debatte und in den Unternehmen eine immer grössere Rolle spielt. Im Kern geht es dabei um Chancengleichheit. Von Menschen mit Handicaps, ihren Fähigkeiten und oft auch ihren speziellen Potenzialen können Arbeitgeber in hohem Masse profitieren - wenn sie bereit sind, sich darauf einzulassen.

Das Bundesamt für Statistik schätzt, dass im Jahr 2013 in der Schweizer Wohnbevölkerung rund 1,6 Millionen Menschen mit Behinderungen lebten. Für sie ist die Teilhabe am Arbeitsleben nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor, sondern eine wichtige Grundlage für soziale Integration und Lebensqualität. Dafür brauchen sie allerdings Arbeitgeber, die in ihrer Einstellungspolitik tatsächlich auf Chancengleichheit setzen und Menschen mit Handicap ein produktives Arbeitsumfeld bieten, welches durch eine barrierefreie Büroausstattung gekennzeichnet ist. Unternehmen, die dafür offen sind, können jedoch fast ausnahmslos von sehr positiven Erfahrungen berichten.

Behindertenquote als Lösung?

Trotzdem müssen Bewerber mit Handicap oft einen langen Atem haben, bis sie eine solche Stelle finden. In Deutschland beispielsweise, wo eine Behindertenquote zur Anwendung kommt, soll sie Menschen mit Behinderungen einen möglichst unkomplizierten Zugang zum Arbeitsmarkt verschaffen. Ihre Verpflichtung zur Einstellung behinderter Mitarbeiter können die Unternehmen in Deutschland jedoch durch die Zahlung einer Ausgleichsabgabe umgehen.

Firmen, die diese Möglichkeit in Anspruch nehmen, gehen unter anderem davon aus, dass mit der Beschäftigung von behinderten Mitarbeitern höherer Aufwand auf sie zukommt, da sie sogenannte "Nischenarbeitsplätze" schaffen müssen. Hinzu kommen allgemeine Vorurteile gegenüber der Leistungsfähigkeit von Menschen, die mit einem Handicap ins Unternehmen kommen.

Menschen mit Handicap sind leistungsstarke und loyale Mitarbeiter

Die Praxis zeigt, dass solche Befürchtungen völlig grundlos sind. Auch für die Einstellung von behinderten Mitarbeitern ist ihre Qualifikation für eine bestimmte Position entscheidend. Im beruflichen Alltag überzeugen sie oft durch besonders hohe Motivation und Loyalität zu ihrem Arbeitgeber. Entscheidend für ihren beruflichen Erfolg sind Akzeptanz, aktives Diversity Management im Unternehmen und natürlich auch persönliches Engagement für die Karriere.

Nils Jent
Nils Jent ist Direktor am Center für Disability und Integration an der Universität St.Gallen. (Bild: Eberle-Schmid)

Erfolgsgeschichten - vom Firmenlenker bis zum Professor und Politiker

Erfolgsgeschichten von Mitarbeitern mit Handicap gibt es in den verschiedensten Branchen, Berufen, auf allen Ebenen der Firmenhierarchie:

Dr. Nils Jent ist Professor für Diversity Management und Leiter des Diversity Centers an der Universität St. Gallen. Als Wissenschaftler, Hochschullehrer und auch mit seiner eigenen Firma Innocuora widmet er sich der Aufgabe, Diversity und Inklusion in den Unternehmen zu verankern. Seit einem Motorradunfall im Alter von 18 Jahren ist Nils Jent blind, sprechbehindert, auf den Rollstuhl angewiesen und kann seine Arme kaum bewegen. Die ersten vier Jahre nach dem Unfall verbrachte er in einer Rehaklinik.

Noch im Spital entwickelte er zusammen mit seiner Mutter ein Kommunikationssystem, das auf Blinzeln und dem Aufzählen des Alphabets beruhte. Seine Matura holte Nils Jent neun Jahre nach dem Unfall nach - seine Mutter hatte ihm dafür den gesamten Lehrstoff auf Tonbandkassetten gesprochen. Für sein Betriebswirtschaftsstudium in St. Gallen entwickelte er eine spezielle Tastatur für seinen "sprechenden Computer", die mit dem Daumen seiner rechten Hand - seinem beweglichsten Finger - bedienbar ist und ihm seitdem die schriftliche Kommunikation erleichtert.

Nils Jent hat trotz des schweren Unfalls und seines Handicap niemals aufgegeben - schliesslich war seine Intelligenz unversehrt geblieben. In seiner Dissertation zeigte er auf, dass sich für Unternehmen durch Diversity und Inklusion auch handfeste wirtschaftliche Vorteile ergeben. Sein St. Gallener Kompetenzbereich "Learning from Diversity" fokussiert sich auf die speziellen Fähigkeiten unterschiedlichster Menschen und deren Rolle in der Arbeitswelt - Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen sind hier ausdrücklich eingeschlossen. Wer den gestandenen Wissenschaftler kennenlernt, merkt schnell, dass er es mit einer beeindruckenden und aussergewöhnlichen Persönlichkeit zu tun hat. Der Dokumentarfilm "Unter Wasser atmen" aus dem Jahr 2011 gibt einen Eindruck von seinen Fähigkeiten, seiner Willenskraft und seiner Lebensleistung.

Christian Beat Lohr ist Mitglied der CVP, Vollblutpolitiker, Journalist und Publizist. Ausserdem ist der studierte Volkswirt als Dozent an verschiedenen Fachhochschulen tätig, engagiert sich an exponierter Stelle für den Behindertensport und ist seit 1999 Präsidiumsmitglied der privaten Behindertenhilfeorganisation Pro Infirmis. Seine politische Karriere begann in der Kommunalpolitik, heute vertritt er die Wähler seiner Partei im Nationalrat. In die Wiege gelegt wurde Christian Lohr diese Karriere nicht - zur Welt kam er 1962 als eines der sogenannten Contergan-Kinder armlos und mit missgebildeten Beinen. Seine Schwerpunkte als Parlamentarier sind die Themen Gesundheit und soziale Sicherheit.

Einmalig und fast schon legendär dürfte der inzwischen pensionierte österreichische Manager Wolfgang Reithofer sein. Trotz einer Multiplen Sklerose, die ihn bald nach der Diagnose in den Rollstuhl zwang, stieg er in den Vorstand des Baustoffkonzerns Wienerberger auf. Dessen erfolgreiche internationale Expansion hat er danach über 20 Jahre und schliesslich als Vorstandsvorsitzender massgeblich vorangetrieben - lange inklusive fast 100 Flugreisen pro Jahr. Reithofer ist überzeugt, dass auch andere Behinderte ein solches Pensum und solche Aufgaben erfüllen können. Für das Unternehmen war seine Behinderung nie ein Thema. 

Georg Fraberger ist promovierter Psychologe und betreut in der Orthopädie der Wiener Uniklinik Patienten, die eine Amputation von Gliedmassen oder andere schwere körperliche Beeinträchtigungen verkraften müssen. Geboren wurde er ohne Arme und Beine. Seinen Rollstuhl steuert er mit seinem einzigen, direkt aus der Hüfte wachsenden Fuss. Der linke Armstumpf reicht zum Telefonieren aus. Vor seiner aktuellen Stelle hat Fraberger eine Zeitlang in London gearbeitet und dort Patienten mit schweren neurologischen Schädigungen betreut. Er meint, dass alles, was der Körper von Behinderten nicht kann, durch den Verstand geleistet werden muss. Über seine Erfahrungen und Reflexionen hat er ein Buch geschrieben, das den Titel "Ohne Leib, mit Seele" trägt.

Der Kölner Kinderarzt Dr. Oliver Semler ist Mitte 30 und nur 1,40 Meter gross. Als Kind verursachte seine angeborene Glasknochenkrankheit etwa 30 Brüche. Am Medizinstudium und einer erfolgreichen Karriere hat ihn das nicht gehindert. Heute arbeitet er als Arzt und Wissenschaftler an der Uniklinik Köln. Dort hat er unter anderem eine feste Sprechstunde für erwachsene Patienten mit einer Glasknochenerkrankung begründet, für die es bisher im deutschsprachigen Raum keine darauf spezialisierte Anlaufstelle gab. Er betont, dass seinem Arbeitgeber durch seine Beschäftigung keinerlei Zusatzkosten entstehen. Anderen körperlich Behinderten gibt er auf den Weg, dass eine gute Schulausbildung entscheidend ist, da sie ihr Geld vor allem durch intellektuelle Leistungen verdienen müssen.

Die studierte Psychologin Anja Keller hat sich nach ihrem Studienabschluss mit Unterstützung der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte zur Wissenschaftlichen Dokumentarin fortgebildet. Für einen Rundfunksender archiviert sie Audiobeiträge, ausserdem recherchiert sie in Hörfunkdatenbanken. Möglich ist ihre Arbeit durch moderne digitale Technik: Schrift vom Computerbildschirm wird auf eine Braille-Zeile oder in die Sprachausgabe ihres Systems übertragen. Vor neuen beruflichen Herausforderungen hat sie keine Angst - wohl aber vor den Grenzen, die mit ihrer Behinderung verbunden sind. Beispielsweise ist sie auf barrierefreie Software und damit auch auf häufige Nachprogrammierungen angewiesen.

07/2016 MyHandicap

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