Gesamtarbeitsvertrag als Hindernis zu einem inklusiven Arbeitsmarkt

Inklusion und Integration in den ersten Arbeitsmarkt – mitschaffe.ch vermittelt Menschen mit Handicap an Firmen im Raum Schaffhausen. (Bild: mitschaffe.ch)

Welches sind die grössten Hürden in der Integration von Menschen mit Handicaps in den ersten Arbeitsmarkt in der Schweiz? Ist es die Bereitschaft der Unternehmer solche Stellen zu schaffen? Sind es die fehlenden beruflichen Erfahrungen und Wissensstände von Menschen mit Handicaps? Nein; in der Praxis sind die heute geltenden Gesamtarbeitsverträge GAV’s die grössten zu überwindenden Hindernisse? Doch, wie kommt das?

Ausgangslage 

In vielen Gesamtarbeitsverträgen ist die Lohnregelung für Menschen mit Leistungseinschränkungen nicht oder nicht praxistauglich geregelt. Da auch diese Mitarbeiter unter die Mindestlohnbestimmungen des GAV’s fallen, stellt sich die Frage: Welcher Malermeister zahlt einem jungen Mann mit Down-Syndrom und einer 2-jährigen Attestausbildung als Betriebspraktiker einen Monatslohn von Fr. 3'750.-?

mitschaffe.ch arbeitet im Bereich des GAV Personalverleih. In diesem GAV ist die Situation von Menschen mit Handicaps so geregelt:

Auf Antrag kann die Schweizerische Paritätische Berufskommission Arbeitsverleih (SPKP) mit Zustimmung der zuständigen paritätischen Vollzugskommission der entsprechenden Branche, bei Personen mit eingeschränkter körperlicher oder geistiger Leistungsfähigkeit von den erfassten Tarifen Abweichungen um bis zu 15% bewilligen.

Auch diese Regelung ist für Personen mit einem Handicap oft eine zu hohe Hürde um den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu schaffen. Diese «Nebenwirkungen» der Gesamtarbeitsverträge sind sicher nicht im Sinne der Beteiligten. Sie sind eine Nebenerscheinung in der guten Meinung keine Dumping-Löhne in den einzelnen Branchen einschleichen zu lassen. Dass Menschen mit Handicaps damit faktisch vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden, ist vielen Mitgliedern der paritätischen Kommissionen nicht bewusst.

Thomas Bräm ist der Gründer von mitschaffe.ch, der Personalfirma für Menschen mit Behinderung. (Bild: mitschaffe.ch)

Lösung

Es braucht eine branchen- und flächendeckende Regelung für den Umgang mit MitarbeiterInnen mit Handicaps. Die gute Nachricht: Das ist gar nicht so schwer: Das Schreinergewerbe hat dies bereits umgesetzt und genau in diese Richtung muss es gehen. Im GAV für das Schreinergewerbe steht in Artikel 16, Absatz 3:

Für Arbeitnehmende, die medizinisch nachgewiesen aufgrund körperlicher oder geistiger Gebrechen dauernd nicht voll leistungsfähig sind, gelten die Mindestlöhne nur als Richtwerte. Bei Unterschreitung des Mindestlohnes ist die Lohnvereinbarung unter Hinweis auf die Behinderung schriftlich festzuhalten.

Mit dieser Lösung kann eine für den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer ausgewogene und leistungsbezogene Entschädigung vereinbart werden. Mit einer solchen Regelung würden übrigens auch die paritätischen Kommissionen von Ausnahmegesuchen verschont und die Integration von Personen mit Handicaps würde nicht an einem verhältnismässig grossen administrativen Aufwand scheitern. 

Dieses Jahr organisierte das BSV die «Nationale Konferenz zur Arbeitsintegration von Menschen mit Behinderungen». Es bleibt zu wünschen, dass Teilnehmer dieser Konferenz dieses Anliegen der Gesamtarbeitsverträge in ihre Überlegungen einfliessen lassen und somit die Türen für Menschen mit Handicaps in den ersten Arbeitsmarkt ein bisschen weiter öffnen – auf dem Weg zu einem inklusiven Arbeitsmarkt in der Schweiz.

Text: T. Bräm / 10-2017

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