Trotz Parkinson mobil – mit dem Mobilomat

Eine Wendeltreppe. (Bilder: bbroianigo/pixelio.de)
Parkinson-Patienten können Hindernisse auch in der OFF-Phase überwinden. (Bilder: bbroianigo/pixelio.de)

In Deutschland leben schätzungsweise 300.000 bis 400.000 Menschen mit Parkinson. Diese auch als Schüttellähmung bezeichnete Krankheit beginnt meist erst im Alter, zwischen 50 und 60. Vor zwei Jahren zeichnete MyHandicap gemeinsam mit der Hertie-Stiftung einen Tüftler aus. Er will dieser nicht gerade kleinen Bevölkerungsgruppe mit einer praktischen Erfindung helfen.

Franz Spanke lebt selbst mit Parkinson. Auf die Idee zu seinem „Mobilomat“ brachte ihn jedoch eine andere Betroffene. „Ach Franz, wenn doch meine ganze Wohnung nur aus Treppen bestehen würde“, sagte sie bei einem Treffen zu dem Bauingenieur aus Rheine. Daraufhin machte er sich ans Werk.

Der Hintergrund

Zum Hintergrund: In den so genannten „OFF-Phasen“ können sich Menschen mit Parkinson nicht mehr fortbewegen. Dies bezeichnet man auch als „Freezing“. Aus bisher unerklärlichen Gründen lässt sich diese Blockade jedoch kurzzeitig auflösen, wenn der Betroffene ein Hindernis überwinden muss. So können Freezing-Patienten zum Beispiel auch in den OFF-Phasen Treppen problemlos bewältigen.

Treppen sind endlich

Leider ist eine Treppe allerdings endlich. Hinzu kommt, dass sie zwar jemandem den Wechsel von Etagen ermöglicht, dort dann aber nicht weiter führt. Nach einigen Wochen Tüftelei hatte Franz Spanke die Lösung parat: Eine quasi mobile Treppe.

An einen handelsüblichen Rollator brachte er zwei Paddels an. Diese kann man herunter treten. Danach springen sie wieder in die Ausgangsposition. Für den Nutzer des Rollators wird somit auch auf ebenen Strecken das Steigen einer Treppe simuliert. Wenn sie nicht benötigt werden, können die Paddels hochgeklappt werden.

Ein normaler Rollator. (Bild: MyH)
Normale Rollatoren sind für Menschen mit Parkinson eher ungeeignet. (Bild: MyH)

Zentrales Element des Mobilomat

Diese Treppensimulation ist das zentrale Element des „Mobilomat“. So taufte Spanke seinen umgebauten Rollator. Um ihn noch weiter an die Bedürfnisse von Menschen mit Parkinson anzupassen, fügte er weitere, kleine, aber feine Veränderungen hinzu. Der „Mobilomat“ verfügt beispielsweise über eine Kipp-Hilfe. Damit lassen sich auch echte Stufen, beispielsweise Bürgersteigkanten, einfacher überwinden.

Die umgekehrte Funktion der Bremsen ist für Parkinson-Patienten, die häufig verkrampfen, sehr sinnvoll. Das bedeutet, die Bremsen des „Mobilomat“ lösen sich, wenn handelsübliche Stopper angezogen werden. Ein akustisches und visuelles Hilferufsystem runden die sinnvolle Ausstattung von Spankes Erfindung ab.

Innovationspreis

Er selbst war es, der seine Idee im Jahr 2007 um den Innovationspreis der Stiftung MyHandicap und der Hertie-Stiftung ins Rennen schickte. „Das Procedere war ziemlich aufwendig“, erinnert sich der bescheidene Mann im Interview, „und als ein Brief von MyHandicap kam, war ich sehr aufgeregt. Sie wollten ein Kamerateam vorbei schicken, um einen Beitrag zu drehen.“ Zu diesem Zeitpunkt ahnte er bereits, dass seine Chancen auf den mit 10.000,- Euro dotierten Innovationspreis wohl nicht ganz schlecht standen.

Wenige Wochen später fand die grosse Preisverleihung statt. Spanke war an diesem Abend sehr nervös. Obwohl der findige Tüftler da bereits wusste, dass die Jury ihn und seinen „Mobilomat“ zum Sieger gewählt hatte.

Ein Rollator mit Paddeln. (Bild: Franz Spanke)
Mit diesen Paddeln wird auch auf ebener Strecke eine Treppe simuliert. (Bild: Franz Spanke)

Die Hilfsmittelindustrie

Kurz darauf gab es bereits einen Kontakt in die Hilfsmittelindustrie. Die Firma Beuthel GmbH aus Wuppertal war sehr interessiert an dem „Mobilomat“. „Solche Erfindungen sind Gold wert“, erzählt Frank Pinkowski, Prokurist des Sanitätshauses. „Menschen, die selbst betroffen sind, wissen am besten, worauf es bei Hilfsmitteln ankommt, die Personen mit ihrer Erkrankung helfen sollen.“

Auch Freezing-Patienten in der Paracelsus Elena Klinik auf Helgoland konnte mit seinem „Mobilomat“ geholfen werden berichtet Spanke stolz. Er hatte seine Erfindung in der Fachklinik für Parkinsonerkrankung vorgestellt.

Noch nicht marktreif

Umso bedauerlicher ist es, dass der „Mobilomat“ auch zwei Jahre nach dem Innovationspreis noch nicht marktreif ist. Das ärgert auch Frank Pinkowski von der Firma Beuthel: „Leider fehlen uns die Ressourcen, um das Projekt wie ursprünglich geplant voran zu treiben.“ Momentan sei angedacht, die Treppenstufensimulation – das wichtigste Element und Kernstück des „Mobilomat“ – gemeinsam mit dem Hersteller als Zubehör für den Rollator „Troja“ zu entwickeln.

Einzelanfertigung

Diese Situation ist für Franz Spanke sehr unbefriedigend. Ihm geht es nicht darum, möglichst viel Geld mit seiner Erfindung zu verdienen. Er möchte schlicht anderen Betroffen helfen. Deshalb überlegt er bereits, selbst Rollatoren auf Anfrage in Einzelanfertigung zum „Mobilomat“ umzubauen.

MyHandicap wird diesen engagierten Mann und seine Erfindung, die rund 300.000 Menschen allein in Deutschland das Leben erleichtern könnte, weiter im Auge behalten und selbstverständlich auch unterstützen.

Text: Justin Black - 12/2009

Bilder: pixelio.de, MyH, Franz Spanke

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