Mit Seheinschränkung leben

Es gibt viele Hilfsmittel und Strategien, mit denen sich das restliche Sehvermögen optimal nutzen lässt. (Bild: SBV)

Nicht mehr gut sehen ist für viele ein Schreckensszenario. Das muss es nicht sein: Mit passenden Hilfsmitteln und professioneller Schulung ist auch mit Seheinschränkung ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben möglich.

Wenige Wochen nach dem fünfzigsten Geburtstag fiel Marianne auf, dass sie zwar die Uhr an ihrem Handgelenk sah, jedoch kaum die Zeit ablesen konnte. Ebenso ging es ihr mit ihren Gesprächspartnern: Sie erkannte diese, allerdings nicht deren Gesichtszüge. Eine Lesebrille verbessert die Situation nur kurzfristig.
Marianne ging zum Optiker und dieser riet ihr dringend zu einer augenärztlichen Untersuchung. Die rapide Abnahme der Sehschärfe und die Probleme im Zentrum des Gesichtsfeldes seien untypisch für ihr Alter.

Sehverlust im Alter wird immer häufiger

"Altersbedingte Makuladegeneration AMD" – diese Diagnose der Ärztin zog Marianne beinahe den Boden unter den Füssen weg. AMD ist die häufigste Ursache für eine Sehbehinderung bei Menschen über fünfzig. Die Sehkraft im Zentrum des Blickfeldes nimmt ab, ohne dass es zu einer Erblindung kommt. 

Jede 25. Person ist sehbehindert

Neben AMD gibt es viele verschiedene Formen von Sehbehinderungen: extreme Blendempfindlichkeit, schlechtes Kontrastsehen, eingeschränktes Gesichtsfeld, Röhrenblick, usw. Vereinfacht gesagt ist sehbehindert, wer trotz Korrektur durch einen Optiker die Zeitung nicht mehr lesen kann.

Ursachen für Sehbehinderungen sind Erkrankungen wie Grauer und Grüner Star, Netzhauterkrankungen, Augenverletzungen und vorgeburtliche Schädigungen. In der Schweiz leben ungefähr 325'000 Personen mit einer Sehbehinderung, also jede 25. Person. 10'000 von ihnen sind blind.

Vorhandenes Sehvermögen optimal nutzen

Für viele Augenkrankheiten, die im Alter auftreten, gibt es zurzeit noch kaum Heilmethoden. Doch auch wenn aus augenärztlicher Sicht nichts mehr getan werden kann, existieren noch zahlreiche Wege, wie sich das restliche Sehvermögen optimal nutzen lässt. Das Fachgebiet dafür heisst: Low-Vision. In der Schweiz existieren in vielen grösseren Orten Beratungsstellen mit ausgebildeten Expertinnen und Experten.

In der Schweiz existiert ein Netz von Beratungsstellen, die Menschen mit Sehbehinderung unterstützen, zum Beispiel mit Trainings für Orientierung und Mobilität. (Bild: SBV)

Hilfsmittel und Schulung verhelfen zu einem eigenständigen Leben

Lupen, Lupenbrillen und Lesegeräte sind Hilfsmittel, um das restliche Sehvermögen optimal zu nutzen. Diese und weitere blindenspezifische Hilfsmittel sind wichtig, damit sehbehinderte Menschen ihr Leben soweit wie möglich selbständig bewältigen können. Welche Hilfsmittel für die betroffene Person sinnvoll sind, klären die Rehabilitations-Fachpersonen in individuellen Gesprächen ab. Auch zeigen sie den effektiven Einsatz.
Um sich selbständig und sicher orientieren und bewegen zu können, sind der weisse Stock, Leitlinien im öffentlichen Raum sowie Führhunde hilfreich. Wichtig für die Kommunikation sind Blindenschrift, Hörbücher sowie Programme für Computer und Smartphones, die Sprache erkennen und Text in Sprache umwandeln.
Auch für alltägliche Arbeiten zu Hause und unterwegs existiert eine grosse Menge an Hilfsmitteln, wie sprechende Uhren und Waagen. Ferner machen Hörfilme, Audio-Deskription von Fussballspielen und Ausstellungsobjekte zum Anfassen Kultur für blinde und sehbehinderte Menschen zugänglich. 

Sich neu organisieren ist möglich

Zwei Jahre nach der Diagnose hat sich die Pflegefachfrau Marianne gefangen und mit den neuen Lebensumständen arrangiert. Sie hat den weissen Stock akzeptiert und so in ihrer Mobilität wieder ein Stück Selbständigkeit erlangt. Dank professioneller Beratung konnte auch in beruflicher Hinsicht eine gute Lösung gefunden werden.

Flexibilität ist gefragt

Bei Liam wurde deutlich, dass etwas mit seinem Sehen nicht in Ordnung ist, als er gut zweijährig war. Mit einer Brille liess sich die Sehfähigkeit merklich verbessern. So prägte die Sehbehinderung seine Kindheit kaum: Er machte im Turnverein mit, schwamm wettkampfmässig und besuchte die Regelschule.

Mit sieben sah er plötzlich farbige Flecken vor seinen Augen, die nicht verschwanden. Eine Konsultation beim Augenarzt brachte die Diagnose: Netzhautablösung. Er folgten zwei Operationen, drei Monate schulfrei und ein geringeres Sehvermögen.

Austausch mit Betroffenen hilft

Dass es Low Vision-Beratung gibt, erfuhren er und seine Eltern erst später durch eine Kinderärztin. Liam bekam eine spezielle Schreibtischlampe sowie Hefte mit hellem Papier und dickeren Linie. Mit elf Jahren war klar, dass er mit einer Sehbehinderung leben muss. In der Folge wurde die Option Spezialschule geprüft und Liam entschied sich für eine Blindenschule. Dort stellte er fest, dass andere noch schlechter sehen oder blind sind und sich dennoch Wissen und Fähigkeiten aneignen können. Seither schreckt ihn die Möglichkeit nicht mehr, dass er eines Tages blind sein könnte. Er nimmt das Leben, wie es ist und macht das Beste daraus.

Das Beste aus der Situation machen

Diese Fähigkeit wurde seither mehrfach getestet. Während der Schulzeit zwangen ihn Netzhautablösungen dazu, einige längere Pausen einzulegen und zwei Schuljahre zu wiederholen, seine Lehre als Landschaftsgärtner aufzugeben und sich beruflich neu zu orientieren. In diesem Prozess merkte Liam, dass er seine Lust zu organisieren, zu planen und zu koordinieren auch im Büro einsetzen kann - und entschied sich für eine kaufmännische Ausbildung. Die Arbeit im Büro gefiel ihm, was er sich während der Schulzeit nicht hätte vorstellen können. Nach der Ausbildung entdeckte er den Wert von schulischer Bildung und entschloss sich, die Berufsmaturität zu erwerben, damit er darauf zurückgreifen könnte, falls die Entwicklung seines Sehvermögens weitere Anpassungen verlangte.
Auch hat er gelernt, um Hilfe zu bitten, wenn sein Sehvermögen nicht ausreicht. Nur manchmal überlegt er sich, was wäre, wenn er normal sehen würde. Ansonsten macht er immer wieder neu das Beste aus seinem Fähigkeiten und Möglichkeiten, auch dank professioneller Unterstützung.

Professionelle Unterstützung nutzen

Eine Sehbehinderung oder Erblindung verändert die Lebensumstände der betroffenen Person und ihres Umfeldes stark. Die Herausforderungen, die sich dadurch ergeben, muss in der Schweiz niemand alleine bewältigen. Professionelle Beratungsstellen in der ganzen Schweiz unterstützen Menschen mit Seheinschränkung in Versicherungsfragen und Low Vision, bieten Trainings für Orientierung und Mobilität und vermitteln Tipps und Tricks für alltägliche Arbeiten. Alles mit dem Ziel, mit Seheinschränkung ein möglichst selbständiges Leben zu führen.

 

Text: SBV, Edith Nüssli, 04/2015

Bilder: Quelle: SBV

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