Hippotherapie-K®: Therapeutisches Reiten

Ein Junge ist bei einem Pferd aufgesessen, assistiert von der Hippotherapeutin und der Pferdeführerin
Am Anfang der Therapie steht der erste Kontakt mit dem Pferd (Foto: Maja Rauber)

In den 60er Jahren  entwickelte die passionierte Reiterin und Physiotherapeutin Ursula Künzle aus ihrem Hobby eine neue Therapieform. Seit der ersten Hippotherapie setzt die Therapeutin die rhythmischen Bewegungen des Pferderückens gezielt in die Behandlung von zentralen Bewegungsstörungen ein.

Der achtjährige Daniel* zieht sich für seine erste Therapiestunde warm an. Im aargauischen Riniken ist das Wetter kühl. Daniel ist froh um seine Handschuhe, wenn das Haflinger-Pferd  Timo seine Hände beschnuppert. Vorerst sitzt der Junge mit seiner Therapeutin Maja Rauber auf dem Pferd. "Ich halte Daniel dicht vor mir, und habe so beide Hände frei für therapeutische Hilfestellungen", sagt Maja Rauber. Maja Rauber arbeitet auf dem Mooshoof als selbständige Physiotherapeutin HTK (Hippotherapie-K® / siehe auch Kasten).

"Die Hippotherapie-K® eignet sich für Kinder und Erwachsene, die unter zentralen Bewegungsstörungen leiden", erklärt Rauber. Diese Störungen träten auf bei Cerebralerparese (CP), Multipler Sklerose (MS), Hemiparese, Ataxie, Schädel-Hirn-Trauma und Paraplegie. Also auch eine günstige Therapieform für Daniel, denn der achtjährige Junge leidet seit Geburt an einer ataktischen Cerebralparese. 

Ein Junge ist bei einem Pferd aufgesessen, assistiert von der Hippotherapeutin und der Pferdeführerin
Auch für nichtbehinderte Menschen ist das Sitzen hoch zu Ross ungewohnt (Foto: Maja Rauber)

Therapeutischer Pferderücken

"Hippotherapie-K® muss wegen ihrer medizinisch therapeutischen Zielsetzung klar vom heilpädagogischen Reiten und vom Behindertenreiten abgegrenzt werden," sagt Hans Kaufmann, Präsident der Schweizer Gruppe für Hippotherapie-K®. Hippotherapie sei ja auch kein Reiten im eigentlichen Sinn. "Bei der Therapie führen die rhythmischen Bewegungen des Pferderückens zu einer Verbesserung der Bewegungsfähigkeit in der Lendenwirbelsäule und in den Hüftgelenken der Betroffenen", sagt Kaufmann. Ebenso lockere die Therapie die überlastete und oftmals steife Muskulatur in diesen Bereichen. Bevor der Patient auf ein Therapiepferd kommt, muss die Therapeutin seinen körperlichen "Status" überprüfen. Das heißt, sie untersucht, ob der Patient oder die Patientin überhaupt von der Gelenkbeweglichkeit und dem Zustand der Muskulatur fähig ist, die korrekte HTK-Sitzhaltung auf dem Pferd einzunehmen.

Ein Junge sitzt auf dem Pferd und streckt die Arme horizontal aus. Die Hippotherapeutin und die Pferdeführerin laufen nebenher.
Nach ein paar Monaten Therapie sollte es dem Patienten gelingen, die Pferdebewegungen auszusitzen(Foto: Maja Rauber)

Kleinpferde bevorzugt

"Natürlich gibt es bei den Patienten zu Beginn gewisse Unsicherheiten", sagt Kaufmann. Denn auch für nichtbehinderte Menschen sei das Sitzen hoch zu Ross ungewohnt. Doch hier bietet die Therapeutin oder der Therapeut genügend Unterstützung. Anhand des Status wisse der Therapeut, wie sicher sich der Patient auf dem Pferd fühle.

Während das Pferd von einem ihm vertrauten und geschulten Pferdeführer im Zaum gehalten wird, kontrolliert die Therapeutin die Sitzposition des Patienten genau, gibt mündliche Anweisungen oder stützt die Beine oder den Rumpf.

Für die Therapie eignen sich charakterlich einwandfreie Kleinpferde wie Isländer oder Haflinger. Sie geben dem Patienten eine gute, bequeme Sitzposition und erlauben es dem nebenher schreitenden Therapeuten, den Patienten während der Therapie mit den Händen zu kontrollieren. Die Schrittlänge und die Schrittfrequenz des Pferdes sollen dem normalen Schritttempo des Menschen entsprechen. Schliesslich muss das Pferd über einen ruhigen und ausgeglichenen Charakter verfügen. Wenn ein Pferd alle Qualifikationen erfüllt, erhält es eine der Therapiesituation entsprechende Schulung sowie ein regelmässiges Training.

Daniel ist sattelsicher

Daniels Therapie ist erfolgreich. Nach ein paar Monaten gelingt es ihm, die Pferdebewegungen selbständig "auszusitzen". Seine Mutter ist begeistert über den Therapieerfolg, wenn ihr Sohn nach jeder Therapie strahlend nach Hause kommt. Nach drei Jahren Hippotherapie sitzt Daniel, manchmal schwankend, aber ohne fremde Hilfe, auf dem zügig voranschreitenden Pferd. Maja Rauber geht rechts, links und auch hinter dem Pferde und kontrolliert Daniels Beckenbewegung und seine Haltung. Nun ist Daniel sattelsicher. Mit dem Therapiepferd Timo verbinden ihn viele schöne Erlebnisse. Die beiden sind gute Freunde geworden.


*Name ist von der Redaktion geändert

 Text: Michel Benedetti 05/2011

Alles Wissenswerte zum Thema Hippotherapie

Der Name Hippotherapie leitet sich vom griechischen Wort Hippos (Pferd) ab.
Die Hippotherapie-K® ist in der Schweiz vor rund 40 Jahren von der Physiotherapeutin Ursula Künzle an der Neurologischen Klinik Basel entwickelt worden. Ursula Künzle war in ihrer täglichen Arbeit als Physiotherapeutin mit den Problemen von Bewegungs- und Haltungsstörungen konfrontiert, die als Folge von Erkrankungen des Nervensystems aufgetreten sind. Als passionierte Reiterin kam ihr der zündende Gedanke, die Bewegungen des Pferderückens gezielt in die Behandlung von zentralen Bewegungsstörungen einzusetzen.

Deckung durch Krankenkassen und Invalidenversicherung

Während in der Schweiz die Hippotherapie-K® urheberrechtlich geschützt ist, spricht man in Deutschland nur von Hippotherapie. Doch hüben wie drüben des Rheins muss die Therapieform jeweils von einem Arzt verschrieben werden. In der Schweiz ist Hippotherapie-K® eine von den Krankenkassen und der Invalidenversicherung anerkannte physiotherapeutische Behandlungsmassnahme.

In Deutschland ist es empfohlen, die Abdeckung durch die Krankenkassen speziell abzuklären.

Physiotherapeuten in der Schweiz erlernen die Hippotherapie-K® in einer von der Fachkommission der Schweizer Gruppe für Hippotherapie-K® organisierten Ausbildung und müssen eine Abschlussarbeit machen um von den Versicherungen anerkannt arbeiten zu können.

Therapiestellen

In der Schweiz gibt es in 17 Kantonen Therapiestellen für Hippotherapie-K®. Ein grosses Angebot an Therapien gibt es in den pferdefreundlichen Kantonen Basel-Land und Bern. Diese Kantone verfügen über eine Vielzahl an Therapeuten sowie über eigene Hippotherapie-Zentren. In anderen Kantonen wie Graubünden oder Tessin arbeiten meist selbständige Therapeuten.

In Deutschland publiziert die Deutsche Gruppe für Hippotherapie e.V. eine aktuelle Liste mit Therapiestellen.

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