Trauma – was ist das, was bewirkt es und was kann man dagegen tun?

Ein Kind wird am Unfallort auf einer Krankenbahre weggeschoben (crazypacket/pixelio.de)
Ein Unfall kann, muss aber nicht zu einem Trauma führen (crazypacket/pixelio.de)

Der Erwerb einer Behinderung durch Unfall oder Krankheit ist in der Regel ein traumatisches Erlebnis für Betroffene wie Angehörige. Diplompsychologin Eva-Maria Groh erklärt Ihnen, was Traumata sind und wie sie bewältigt werden können.

Das Wissen, dass Menschen manchmal schlimme Ereignisse passieren, ist alt. Schon früh in der Geschichte finden sich Rituale und Methoden, die einen guten (im Sinne von nicht für den Einzelnen schädlichen) Umgang mit schlimmen (traumatischen) Erlebnissen und ihren Folgen unterstützen sollen, zum Beispiel in Mythen oder religiösen Texten oder in Dichtung und Kunst56.

Unter anderem in Folge der (Welt-)Kriege kam es zu den ersten Versuchen einer systematischen Beschreibung, also der „typischen“ Reaktionen, die Menschen zeigen, nachdem sie ein Trauma erlebt hatten5. Beobachtungen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges thematisierten dann auch die Folgen, die Traumata für Kinder und Jugendliche haben können5.

Doch auch sehr viel alltagsnähere kritische Ereignisse, zum Beispiel Autounfälle oder ein Überfall, werfen Fragen auf. Dabei sind drei immer zentral gewesen. Was ist ein Trauma? Welche Folgen hat ein Trauma? Was kann man tun, wenn einen das Trauma belastet?

Was ist ein Trauma?

Unter einem Trauma versteht man nach den derzeit gängigen Definitionen ein Erlebnis, bei dem der Betroffene während des Ereignisses intensive Angst oder Schrecken, manchmal auch Horrorgefühle oder grosse Hilflosigkeit erlebt (vgl. z.B. die Definition der WHO). Gemein haben diese Erlebnisse dann, dass die betroffene Person selbst oder andere Menschen in diesen Situationen in ihrer körperlichen oder seelischen Gesundheit und Unversehrtheit bedroht sind. Beispiele sind Unfälle, Vergewaltigung, Überfälle, Kriegsgeschehen, aber auch Kindesmisshandlung oder sexueller Missbrauch.

Diese Erlebnisse sind solche, die nicht typischerweise in den „normalen“ Alltag oder die „normalen“ Erfahrungsbereiche eines Menschen fallen. Man unterscheidet nach Terr5 grob zwischen Typ-I-Traumata (unvorhersehbar, einmalig, z.B. ein schlimmer Unfall oder eine Naturkatastrophe, die einfach so ganz plötzlich passiert) und Typ-II-Traumata (eher vorhersehbar, mehrmalig, z.B. wiederholt von den Eltern verprügelt werden). Ausserdem treten diese unterschiedlichen traumatisierenden Ereignisse unterschiedlich oft auf.

So wird ein Feuerwehrmann etwa durch seinen Beruf mehr schlimme Verkehrsunfälle zu sehen bekommen als eine Grundschullehrerin. Auch erleben Frauen und Männer unterschiedliche Ereignisse generell mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit, was zum Beispiel für Vergewaltigungen zutrifft, von denen Frauen häufiger betroffen sind als Männer (z.B. 9,4 respektive 1,1 Prozent für Frauen respektive Männer1).

Wichtig ist festzuhalten: Jeder Mensch erlebt im Laufe seines Lebens wohl irgendwann ein potenziell traumatisches Ereignis (zum Beispiel den Tod eines wichtigen Menschen). Wahrscheinlich aber wird er oder sie sogar mehrere erleben (zum Beispiel einen Autounfall und den Tod eines wichtigen Menschen). Doch...

Mann hält sich aus Verzweiflung die Hände an den Kopf (geralt/pixelio.de)
Eine zuvor existierende eigene psychische Krankheit kann das Risiko eines Traumas erhöhen (geralt/pixelio.de)

... Welche Folgen hat ein Trauma?

Sehr wichtig ist der Punkt, dass nicht jeder Mensch nach jedem Trauma auch eine psychische Krankheit entwickelt. Das bedeutet also, dass ein schlimmes Ereignis potenziell traumatisierend sein kann, es aber nicht sein muss. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein möglicherweise traumatisierendes Ereignis negative Folgen hat, hängt zum Beispiel von der Art des Ereignisses ab1.

Die Schwere des Ereignisses und eben seine Art sind mit entscheidend: man made disaster (von Menschen verursachte traumatische Ereignisse, Typ-II-Traumata nach Terr5) sind schlimmer als etwa eine Überschwemmung (Typ-I-Trauma nach Terr5). Das Geschlecht der Betroffenen und Art / Schwere des Ereignisses können – mit Einschränkungen – zur Vorhersage genutzt werden, ob eine Person zum Beispiel eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nach einem Trauma entwickeln wird oder nicht.

Die PTBS gehört mittlerweile zu den bekanntesten Traumafolgestörungen (das sind die Krankheiten, die nach einem erlebten Trauma entstehen können). Es muss aber erwähnt werden, dass auf das Erleben eines traumatischen Ereignisses nicht zwangsläufig die Ausbildung einer Posttraumatischen Belastungsstörung folgt. Die Reaktionen auf ein erlebtes Trauma können bei Erwachsenen und besonders bei Kindern und Jugendlichen sehr unterschiedlich sein.

Ein schlimmes Ereignis muss nicht zu einem Trauma führen

Nach Dilling, Mombour und Schmidt6 wird deutlich, dass zum Beispiel die akute Belastungsreaktion, die in den ersten Stunden auftreten kann (Symptome sind unter anderem Aufmerksamkeitsprobleme, Gefühl von Unruhe, Desorientierung, dissoziative Zustände) in eine PTBS oder eine Anpassungsstörung oder eine depressive Störung oder, im Falle längerer / extremer Traumatisierung in eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung übergehen kann56. Psychologen2 konnten nachweisen, dass ein Trauma beispielsweise die Wahrscheinlichkeit erhöht, eine Generalisierte Angststörung (GAS) oder eine Major Depression (MD) zu bekommen.

Da die möglichen Folgen jedoch sehr unterschiedlich sein können und ganz vom Einzelnen, seinen bisherigen Erfahrungen und seiner (psychischen) Widerstandskraft abhängen, sollten Betroffene, wenn sie ein Trauma erlebt haben und merken, dass sie sich dadurch verändert haben oder belastet fühlen, unbedingt professionelle therapeutische oder psychiatrische Hilfe aufsuchen. Oftmals kommen nämlich auch mehrere Traumafolgestörungen gemeinsam vor, zum Beispiel eine PTBS zusammen mit einer Angststörung, Depression oder Substanzabhängigkeit1.

Gute und zeitnahe Unterstützung kann helfen zu verhindern, dass sich die Traumafolgestörung chronifiziert, also dauerhaft bestehen bleibt. Doch...

Porträt Dr. Eva-Maria Groh
Diplompsychologin Dr. Eva-Maria Groh beantwortet als MyHandicap-Fachexpertin Ihre Fragen im Forum (Foto: Dr. Eva-Maria Groh)

... Was kann man tun, wenn einen das Trauma belastet?

Untersuchungen haben gezeigt, dass eine ganze Reihe von Faktoren beeinflussen, wie sehr Menschen nach einem erlebten Trauma leiden und wie sehr sie davon belastet sind. Einige sind3: Die psychische Gesundheit etwa, also bereits zuvor existierende eigene psychische Krankheit oder familiäre (Vor-) Belastung können das Risiko erhöhen. Auch Persönlichkeitsmerkmale und Copingstrategien (also Mechanismen und Strategien, die eine Person hat, um ein Ereignis zu „bewältigen“) spielen eine Rolle.

Das Coping, also die Art, wie jemand mit einer Krise oder einem traumatischen Ereignis umgeht, ist ebenso bedeutsam. Das Erleben während des Traumas, also die subjektiv erlebten Gefühle wie zum Beispiel intensive Furcht, Angst, Hoffnungslosigkeit spielt für die Folgen eine zentrale Rolle. Welche Reaktionen des sozialen Umfelds und soziale Unterstützung gezeigt werden, zum Beispiel Trost oder Hilfe, ist ebenfalls bedeutsam. Besonders bei Kindern und Jugendlichen.

Entscheidend ist, wie man mit dem Ereignis umgeht

In Fällen, in denen Defizite bei solchen wichtigen Faktoren vorhanden sind oder in denen aus anderen Gründen das Trauma besonders belastende Folgen hat, kann die Hilfe eines Psychologischen Psychotherapeuten oder eines Psychiaters angebracht sein.

Da die Folgen sehr unterschiedlich sein können (siehe oben), muss die diagnostische Abklärung (was sind die tatsächlichen Folgen des Traumas in genau diesem speziellen Fall) durch entsprechend qualifizierte Fachleute erfolgen. Nur dann können eine individuell passende Therapiemethode und ein auf die jeweilige Patientin (oder den Patienten) abgestimmter Therapieplan gewählt werden (siehe unten).

Die grundlegende Idee einer solchen Behandlung wird immer sein, das Trauma zu verarbeiten und auf eine hilfreiche, gesunde und möglichst wenig belastende Art und Weise in die eigene Biographie zu integrieren. Auch wenn das zunächst unmöglich erscheinen mag. Keine Therapie kann ein Trauma ungeschehen machen, sehr wohl aber dabei helfen, einen für den einzelnen Menschen guten Umgang damit zu finden. Zweiter sehr wichtiger Ansatzpunkt in der Therapie wird dann sein, die eventuell vorhandenen Defizite zu beseitigen, so dass für das weitere Leben eine noch bessere Widerstandskraft geschaffen werden kann.

Betroffene und Angehörige Betroffener finden Rat und Hilfe bei Einrichtungen der Krisenhilfe, an die psychiatrischen Notdienste, an die Sozialpsychiatrischen Dienste oder an Beratungsstellen wenden. Adressen und Telefonnummern finden sich im Internet.


Text: Dr. Eva-Maria Groh

Fotos: pixelio.de, Dr. Eva-Maria Groh

Quellen:

1 Breslau, N., Kessler, R. C., Chilcoat, H. D., Schultz, L. R., Davis, G. C. & Andreski, P. (1998). Trauma and posttraumatic stress disorder in the community: The 1996 Detroit Area Survey of Trauma. Archives of General Psychiatry, 55 (7), 626-632.

2 Brown, E. S., Fulton, M. K., Wilkeson, A. & Petty, F. (2000). The psychiatric sequelae of civilian trauma. Comprehensive Psychiatry, 41 (1), 19-23.

3 Groh, E.-M. G. (2010). Die psychische Belastung bei Pflegekindern: Vorhersage ihrer posttraumatischen Symptomatik und Adaption eines neuen Instruments zur Erfassung ihrer allgemeinen psychischen Belastung. Dissertation, Ludwig-Maximilians-Universität München. edoc.ub.uni-muenchen.de/12333/1/Groh_Eva-Maria_G.pdf

4 Hagl, M. (2008). Psychische Folgen von Verkehrsunfällen: Zur Rolle der peritraumatischen Dissoziation. Berlin: Logos Verlag.

5 Landolt, M. A. (2004). Psychotraumatologie des Kindesalters. Göttingen: Hogrefe.

6 Landolt, M. A. (2005). Die posttraumatische Belastungsstörung im Kindes- und Jugendalter. Praxis der Rechtspsychologie. Themenschwerpunkt Posttraumatische Belastungsstörung im Kindes- und Jugendalter, 15, 10-27.

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